Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316511--55387-3349212- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 50 - DIE3 ist ein Phantom, ein Popanz, gerade gut genug, politische Kinder zu schrecken. Freiherr von Ehrenfels hat mit seinem Vortrage gewiß nicht den Antisemitismus propagieren wollen, und weniger empfindliche Hörer werden es noch gelten lassen, daß er die jüdische Gefahr darum negiert, weil die Juden im Aussterben begriffen sind, aber was er über geistiges Judentum nach Sombart sagt, dürfte wohl allseits schärfsten Widerspruch hervorrufen, zumal er in Sombarts Buch, besonders wo Sombart als Fachmann spricht, manches auch über geistiges Judentum hätte finden können, das der Wahrheit näher gekommen wäre. Die wissenschaftliche Bewertung des Vortrages ergibt sich auch aus dem Satze, in dem Ehrenfels — der Kamp? gegen die Monogamie ist sein Steckenpferd — die Juden als ein Volk hinstellt, das die Monogamie bereits 1000 Jahre früher eingeführt hat als die Arier. Alles in allem ist Ehrenfels Vortrag ein neuer Beweis dafür, daß die Judenfrage als Problem gilt, zu dessen Behandlung sich jeder — aber ohne Ausnahme jeder berufen fühlt, bei dem selbst ein Wissenschaftler den alten Wahrspruch vergißt: Ne sutor ultra crepidam. Brief aus Galizien (Von unserem Berichterstatter.) Der Termin der X. Landeskonferenz der galizischen Zionisten wurde auf den 24. und 25. Dezember festgesetzt. Sie wird im Gegensatz zu den bisherigen nicht in Lemberg, sondern in Stanislau stattfinden. Für diese Aenderung sprachen unter anderem der Wunsch der Provinz, die Landeskonferenz, welche stets ein Ereignis von agitatorischer Bedeutung ist, direkt auf die Juden der Provinz einwirken zu lassen, und das Verlangen der Leitung, abseits vom Lärm der Metropole eine intensivere Arbeit der wichtigsten aller zionistischen Landesversammlungen zu ermöglichen. Bei alledem ist es jedoch fraglich, ob die uneuropäische Handhabung des Versammlungsgesetzes durch die Bezirkshauptmannschaft einer galizischen Provinzstadt die Tagung der zionistischen Landeskonferenz ohne Störung ermöglichen wird. Wo immer sie jedoch stattfinden wird, verspricht die zehnte Konferenz interessant und für die weitere Entwicklung unserer Bewegung im Lande von großer Wichtigkeit zu werden. Auf der Tagesordnung stehen: 1. Eröffnung. — Gg. Adolph Stand. 2. Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit des Zentralkomitees. — Dr. Michael Ringel. 3. Die nächsten Aufgaben unserer Palästinaarbeit. — Ref. Dr. David Spindel. 4. Unsere politischen Aufgaben. — Ref. Dr. Leon Reich. 3. Die Fragen der Hebung der ökonomischen Lage der Juden in Galizien. — Dr. Gerschon Zipp<er. 6. Die Aufgaben der zionistischen kulturellen Arbeit. — Ref. Dr. Osias Thon. 7. Anträge. 8. Neuwahlen. Anders wie ihre Vorgängerinnen hat diese Konferenz eine gebundene Marschroute und soll nach der Absicht ihrer Arrangeure sich nicht in vielen kleinen Dingen zersplittern, sondern eine klare Antwort erteilen auf die wichtigsten Probleme unserer Bewegung im Lande. Trotz der Bemühungen des Zentralkomitees, die palästinensischen und kulturellen Fragen, sei es jdurch den Ehrenplatz oder die Person des Referenten, in die vorderste Reihe zu schieben, wird weder die eine noch die andere auf derselben eine Hauptrolle spielen. Der Clou der Versammlung wird ganz gewiß die Frage der Landespolitik bilden in ihren zwei wichtigsten Seiten, der politischen und ökonomischen Hebung der galizischen Judenheit. Die zionistische Presse befaßt sich deshalb in erster Linie mit Fragen politischer Natur und der allen zionistischen Konferenzen eigene gesunde Kampf zwischen Leitung und Opposition wird bei diesem Punkte der Tagesordnung stark losbrechen. Prinzipielle Aenderungen sind jedoch nicht zu erwarten, weil voraussichtlich das Losungswort nicht heißen wird: Landespolitik oder Palästina. Es herrscht sogar in den Reihen der entschiedenen Palästinenser gar keine Lust, diese Frage, die doch nur vom Leben selbst entschieden werden kann, in irgendeiner Weise aufzuwerfen. Die echt palästinensische und kulturelle Strömung, die seit dem Kongreß an Intensität zugenommen hat, hat entschieden viel besseres zu tun, als sich in den unproduktiven Dogmenstreit über reinen und ge- [ELT 1369 mischten Zionismus einzulassen. Die Anhänger beider Richtungen werden auf der nächsten Landeskonferenz voraussichtlich schweigend den Bemühungen zusehen, welche die Landeskonferenz machen wird, um die zionistische Landespolitik aus der durch die letzten Ereignisse geschaffenen Situation auf ebene Wege zu bringen. In der großen Frage, wie und von wem die Politik ferner zu führen sein wird, werden alle ernsten Zionisten bemüht sein, keinerlei Spaltungen und Risse in unserer starken Organisation zu dulden. Der rührige und würdige Verlauf der nächsten Konferenz erscheint demnach gesichert. Die Rundreise Dr. L e v i n s. Diese wird in Galizien zu den angenehmsten und schönsten Monienten unseres Parteilebens gezählt werden. Wohin ihn sein Weg führte, überall fand er treue Herzen, begeisterte Anhänger unserer heiligen Idee, einen liebevollen Empfang und wirklich glänzende Erfolge. Montag, den 27. November, sprach Dr. Schmarjahu L e v i n auf Einladung der Lemberger Bnei-Brith Loge im Saale der israelitischen Kultusgemeinde über das Palästinaproblem vor einem meistens aus Assimilanten bestehenden Publikum, so sachlich, objektiv und so überzeugend, daß er, wenn nicht die Herzen, so doch die Anerkennung aller im Sturm gewann. Es verlautet, daß die hiesige zionistenfeindliche Kultusgemeinde ein Stipendium in dem zu bauenden Technikum in Haifa kreierte. Freitag und Sonnabend verbrachte Dr. Levin in Droh o b y c z, wo er die durch den Wahlkampf erbitterten Gemüter für die reine Palä'stinaarbeit mit Erfolg zu einer gemeinsamen Arbeit zu verbinden suchte. Sonntag, den 3. Dezember 1911, sprach Dr. Levin zum zweiten Male vor einer großen öffentlichen Volksversammlung* in Lemberg über die „Tragödie des Heimatlosen". Den Vortrag baute er in meisterhafter Weise auf Chamissos: „Peter Schiemiehl" auf, und zeigte an dieser Gestalt des Mannes ohne Scharten das Bild des jüdischen Volkes ohne Schutz, diesen Typus des heimatlosen Schlemieltums, das so lange keine Ruhe finden wird, bis es nidit auf eigener Scholle seine Einheit und Ganzheit wiedergewinnt. Die Ausführungen machten auf alle einen ungemein starken Eindruck. Montag besuchte Dr. Levin Brody, wo er sich eines außergewöhnlich guten Empfanges zu erfreuen hatte und mit gewohntem Erfolge über den Zionismus sprach. Dienstag und Mittwoch verbrachte Dr. Levin in Tarnopol, wo er in öffentlicher, von über tausend Menschen besuchter Volksversammlung über die Theoretische Begründung der zionistischen Idee" vor einem mit Begeisterung und Bewunderung horchenden Publikum referierte und tags darauf in einem geschlossenen Kreise der Honoratioren über das Leben in Palästina berichtete. Hier wie überall mit durchschlagendem Erfolge. Dr. Levin wird noch K o 1 o m e a , S t r y j und S t a n i s - l a u besuchen. Wie tief der Eindruck auf die jüdischen Massen war, den er ausübte, wird die Höhe der Summe beweisen, welche hier nie zuvor für unsere Sache aufgetrieben wurde, und ebenso die Zahl der Schekel. Wir sind überzeugt, daß Dr. Levin mit dem Erfolg seiner Reise zufrieden sein wird. Brief aus Ungarn (Von unserem Berichterstatter) Einigung des ungarischen Judentums Seit Jahrzehnten bereits tobt in Ungarn ein erbitterter Kampf zwischen Orthodoxen und Neologen. Von beiden Seiten ist man sich der üblen Folgen dieses Zwistes wohl bewußt und schürt doch immerfort, so daß eine Verständigung als unerreichbares Ideal erscheint; und doch wäre diese Verständigung, selbst wenn jeder Teil etwas von seinem starren Prinzipienstandpunkte aufgeben müßte, auch ein den intransigentesten Elementen höchst erwünschtes Ereignis, von dem die gedeihliche Entwicklung des Judentums abhängig ist. Abgesehen von der unfruchtbaren Kräftevergeudung, welche die besonderen Organisationen von Orthodoxen- und Neologen-Gemeinden die wir oft selbst in den kleinsten Städten finden, mit sich bringen, von der Unmöglichkeit, die Rabbiner und Gemeindeangestellten (mit wenigen Ausnahmen) entsprechend zu honorieren und dadurch auf ein höheres Niveau zu bringen, von