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Die Welt · 1911-12-15 · 50 (15.12.1911) · page 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 22)
Language
German
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1368 DIEE^ELT Nr. 50 organisatorischen Schwäche Westösterr c i c h s hingegen schließt die Möglichkeit der Z ti s a in m e n f a ssung eines größeren K o m - plexes aus." „Der Zionismus seit dem Tode Herzls" Lieber dieses Thema sprach Gg. Adolf Böhm in der „Jüdischen Lese- und Rede halle." Die wichtigsten Leitgedanken des sehr bedeutenden zweistündigen Vortrags, der in Broschürenform erscheinen soll, seien nachstehend knapp wiedergegeben: Wenn nach der deutschen Sage das Herz der Welt beim Tode Siegfrieds stille stand, so kann man sagen, daß beim Tode Herzls das Herz des Judentums für einen Augenblick stockte. Das Gewaltige seiner Schöpfung besteht darin, daß die von ihm ins Leben gerufene interterritoriale Verbindung der Juden, die auf freiw illigem Zusammenschluß beruht, staatsälinliche Aufgaben von einem Umfang und einer Mannigfaltigkeit (Politik, Kolonisation, Kulturarbeit) zu lösen vermag, die sonst nur auf staatliche Zwangsmittel gestützte Regierungen in Angriff nehmen können. Herzls primärer Gedanke war die territoriale Autonomie, die „Landnahme", wie sie Birnbaum zutreffend bezeichnet. Durch diese Konzeption schuf er die Weltorganisation und ihre Institutionen. Sie lag aber auch dem U g andaprojekt zugrunde. Böhm schildert nun den Ugandastreit, das Eingreifen Ussischkins, die Wirkung Warburgs am VII. Kongreß und den Zusammenbruch des Territorialismus: ,,Z angwill hat auf dem weiten Wege von Galveston über Marokko, Kyrenaika nach Mesopotamien sein ganzes zionistisches Gepäck verloren. Erst Palästina, dann die Idee der Selbsthilfe, den nationalen Gedanken und schließlich den der Konzentration." Redner schildert dann die Schwierigkeiten am VII. Kongreß, die Einsetzung einer Kompromißleitung, die weiteren Kämpfe zwischen „Praktikern" und „Politikern" — eine Unterscheidung, die ganz sinnlos sei — und analysiert die hervorragenden Reden M o t z k i n s und W e i z m a n n s am VIII. Kongreß. Die Schwenkung zur Palästinaarbeit datiere seit der A. C.-Sitzung vom 6. Januar 1908, in welcher Ruppin durchsetzte, daß der Nationalfonds in Palästina praktisch zu arbeiten begann. Der Umschwung in der Türkei habe der evolutionistischen Richtung zum Durchbreche verholten. Die aufklärende Arbeit in Konstantinopel, mit Zähigkeit fortgesetzt, werde die leitenden Kreise von der Loyalität unserer Absichten überzeugen. Für die Entwicklung des Zionismus in O e s t e r reich sei die Frage der L a n d e s p o 1 i t i k von Bedeutung. Der Streit um die innerpolitische Betätigung sei in letzter Linie ein Kampf um den nationalen Gehalt des Zionismus und ein Kampf um die rad ikale Taktik. Ein nichtnationaler Zionismus sei ein Unding. Logisch und psychologisch ist Zionismus nur der zu Ende gedachte Volksgedanke. Unter den widerstreitenden Elementen in seiner Brust müsse der Zionist dem jüdischen den Hauptwert zuerkennen. (Birnbaum, Z o 11 s c h a n.) Im Kampf um die Taktik steht Redner auf der radikalsten Seite. „Radikale Umwälzungen, wie den Zionismus, kann man nur aus unbedingten Forderungen an sich und andere herbeiführen. Diese Umwälzung läßt sich nicht durch ,Agitation', sondern nur durch unser Sein, durch Ideenpropaganda und durch die revolutionierende Kraft der aufblühenden Renaissance in Palästina bewirken/' Unter den Ausstrahlungen aus Palästina nehme die hebräische Bewegung den ersten Rang ein. Sie gebe dem Galuthmenschen die einzige Möglichkeit, sich wieder „ans Judentum zu assimilieren". Der X. Kongreß habe die große Synthese aller zionistischen Strömungen und Aufgaben gebracht. ,,Wir stehen am Beginne einer neuen Aera der Zionisierung der Judenheit. Die Zukunftsaussichten sind so günstig, wie noch nie." Zum Schlüsse seiner Ausführungen, die eine große Fülle von Gedanken und Anregungen boten, sprach Böhm von dein Glück, das der Zionismus allen jenen werde, denen er nicht bloß eine Krücke, sondern ein seelisches Zentrum ist. Er appelierte an die studentische Jugend, sich dieses hohe Glück zu erringen. Der bekannte Palästinafreund, unser geschätzter Gesinnungsgenosse Herr I. M. Feinberg aus Irkutsk, hat durch den Tod seines Sohnes, der in Davos nach schwerem Leiden starb, einen herben Verlust erlitten. Wir sprechen ihm unser aufrichtiges Beileid aus. Brief aus Prag (Von unserem Berichterstatter.) Akademischer Antisemitismus Unter diesem nicht ganz genauen Titel will ich zwei Ereignisse besprechen, die in letzter Zeit die Prager Juden in Atem halten. Zuerst ein Vorfall an der Prager deutschen Handelsakademie, einer Anstalt, die im Range der Oberabteilung einer Mittelschule steht, von dem Handelsgremium einer alten deutschen Kaufmannskorporation erhalten wird und unter ihren mehreren hundert Schülern mehr als die Hälfte Juden hat; auch das Handelsgremium besteht, wie alle deutschliberalen Vereine, zum größten Teile aus Juden. Schüler und Schulerhalter sind also Juden, Grund genug, daß an der Schule der Antisemitismus gedeiht. Gelegentlich konnte man ihn merken, so munkelte man des öfteren, daß arische Bewerber bei Vergebung von Lehrstellen viel besser qualifizierten jüdischen vorgezogen werden, daß die jüdischen Schüler die Befreiung vom Schulbesuche an den jüdischen Feiertagen, die sie seit vielen Jahren genossen, förmlich erzwingen müssen usw. Genug, was man hörte, war geeignet, den Anschein zu erwecken, als wäre der jetzige Leiter der Anstalt, Herr Regierungsrat Ried, gerade keine Philosemit. Vor mehreren Wochen brachten nun tschechische Blätter triumphierend als Bewreis für den schlechten Dank, den man den Prager Israeliten für ihre „Deutschfreundliehkeit" zolle, die Nachricht von folgendem schier unglaublichem Vorfalle an der Handelsakademie. Ein Schüler hätte in seinem Schulaufsatze die Qualität seiner Arbeit heben zu müssen geglaubt, indem er sie mit Sätzen verbrämte, wie ,,die Juden seien eine Pestbeule an unserem (dem deutschen) Volkskörper", ,,die Presse ist meist in den Händen der Juden, sie sieht aber auch danach aus/' und diese Stilblüten des hoffnungsvollen Jünglings habe der Lehrer am Rande mit einem in roter Tinte geschriebenen „sehr richtig" sanktioniert. Diese Meldung der tschechischen Blätter blieb vorerst unbeachtet und erst als das deutschliberale Montagsblatt, das einzige ehrliche liberale deutsche Blatt Prags, die Sache einer sehr scharfen Kritik unterzog, begann unsere jüdische Presse davon Notiz zu nehmen. Regierungsrat Ried sandte dem Montagsblatte eine nichtssagende Berichtigung, die selbst wieder Gegenstand vernichtender Kritik wurde. Jetzt griffen auch jüdische Korporationen ein und wie verlautet, soll eine Disziplinaruntersuchung stattgefunden haben, deren Ergebnis — trotzdem das Aufsatzheft des Schülers, also das corpus delicti, verschwunden sein soll — die Disziplinierung oder gar Entlassung des betreffenden Lehrers und eine entsprechende in Form einer Rüge erteilte Belehrung des Herrn Regierungsrats sein soll. Der zweite Fall ist viel akademischer, schon darum, weil dabei die Hauptperson ein ordentlicher Universitätsprofessor ist, und dann, weil scheinbar jede antisemitische Absicht gefehlt hat. ich meine den Vortrag, den der Ordinarius für Philosophie an der hiesigen deutschen Universität, Freiherr von Ehrenfels, in der liberalen Lese- und Redehalle deutscher Studenten über „Rassenproblem und Judenfrage" hielt. Ehrenfels verwies auf das Unsinnige, daß die Gebildeten die „gelbe Gefahr" iwohl lächerlich finden, während sie in dem Häuflein Juden eine ernste Gefahr sehen. Und doch sei es nicht zulässig, die Juden als Rasse schlechthin in Gegensatz zu den Ariern zu setzen; gerade die Juden seien keine einheitliche Rasse, Sephardim und Aschkenasim weisen wesentliche Unterschiede auf, das gemeinsam Charakteristische aller Juden sei nicht anthropologisch, sondern nur kulturell, aus gemeinsamem Milieu entstanden. Die Juden gehören in die Reihe der ersten Kulturschöpfer, sei seien hervorragend beteiligt an der Entstehung des Christentums, des Kapitalismus und der Sozialdemokratie, ihre biologische Richtungstendenz sei nach Theilhabers ,,Untergang der deutschen Juden" stetig abwärts, sie seien im Abnehmen begriffen. Das sei mit ein Beweis für die degenerative Wirkung der Monogamie, deren Träger die Juden um 1000 Jahre länger seien, als die Arier. Eine jüdische Rassengefahr bestehe also nicht. Anzukämpfen sei aber mit aller Macht gegen das geistige Judentum, oider genauer gegen den Geist des unlauteren Wettbewerbes, der nach Sombart wesentlich dem Judentum seinen Ursprung dankt. Doch müsse hervorgehoben werden, daß dieser Kampf sich auch gegen viele Christen wenden müsse, während andererseits den Reihen der Kämpfer gar mancher Jude sich anschließen wird. Die jüdische Gefahr — schloß Ehrenfels —

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