Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 DIE^ zustimmte, gab es doch zahlreiche Gegenstimmen, die den heutigen Organisationszustand beizubehalten wünschten und sich gegen die Annahme jener Resolution aussprachen, die das Verhältnis des Zionismus zur innerpolitischen Betätigung regeln will. Vielfach scheint uns diese Gegnerschaft auf irrige Auslegung der Absichten und auf Mißverständnissen zu beruhen. Zur Klärung der Situation und um die Delegierten, die nach Brünn reisen, erschöpfend zu informieren, nahm Ihr Berichterstatter Gelegenheit, die kompetenteste Stelle, den gegenwärtigen Leiter der westösterreichischen Organisation, Gg. Adolf Böhm, über die schwebenden Probleme zu befragen. Das Gespräch ist nachstehend wiedergegeben. „Worin besteht die geplante Aenderung der Organisationsform?" „Die von mir und Dr. Emil M a r g u 1 i e s vorgeschlagene Aenderung in Westösterreich ist nichts anderes, als die Anpassung unseres Statuts an das Kongreßstatut und die Beendigung eines Provisoriums, das nun fast vier Jahre besteht. Westösterreich soll eine richtige Landesorganisation bilden mit einer starken Zentralgewalt. So ist es in allen Ländern, und wenn die Zersplitterung bei uns kein Ende nimmt, werden wir nicht so schnell fortschreiten können, als es nach den überaus günstigen Verhältnissen in Westösterreich möglich ist." „Wie ist die ,Zentralgewalt' gedacht?" „Dieser Ausdruck wurde vielfach mißdeutet und als ,Wiener Diktatur über die bisher autonomen Distrikte interpretiert. In einem anonymen Artikel eines österreichischen jüdischen Blattes ist diese uns supponierte Absicht;in einer Weise bekämpft worden, die ich als völlige Verdrehung bezeichnen muß. jZentralgewalten* wären natürlich nur der Zionistentag und das Central-Comite. In beiden haben Böhmen, Mähren und Schlesien gegenüber Wien und InnerÖsterreich Zweidrittelmajorität. Das Wiener Zentralbureau hingegen ist nach dem Entwurf ein absolut unselbstständiges E x e k ut i v o r g a n. Es würde also nach wie vor keine „Wiener Leitung" in dem Sinne geben, daß die Wiener Zionismen bei den Beschlüssen den Ausschlag geben könnten. Bei diesem Anlasse bemerke ich, daß das C. C. während seines 31/2 jährigen Bestandes alle Beschlüsse — mit Ausnahme der hier in Frage stehenden letzten, die Organisationsänderung betreffenden — stets einstimmig gefaßt hat. Ich betone ferner: Es ist eine unwahre Unterstellung, daß das C. C. oder das Zentralbureau sich irgendwie mit Innenpolitik befaßt hätten, oder daß auch nur ein Heller der sehr bescheidenen Com item ittel für politische Zwecke verwendet worden wären." „W eich es sollen die Aenderungen gegenüber dem jetzigen Zustand sein?" Die einzige wichtige organisatorische Aenderung soll darin bestehen, daß das C. C. tatsächlich die oberste Behörde wird, was es bisher nicht war. Die autonome Unterbehörde, das Distriktskomitee, hatte quasi das Recht, der Oberbehörde Bedingungen für ihre Beschlüsse vorzuschreiben. Die parteirechtliche Autonomie der Distrikte, die ihnen die Rechte des C. C. gibt, so daß sie neben, nicht tunter der Oberleitung stehen, muß aufhören. Eine regionale Differenzierung der Arb eit hingegen halte ich für ungemein fruchtbar. Die Arbeitsautonom ie der Distrikte, die sich als durchaus zweckentsprechend herausgebildet hat, würde auch durch die Neuordnung nicht tangiert werden. Es handelt sich einfach darum, die bisher schwache Position des C. C. im Interesse der Gesamtentwicklung zu stärken, ihm völlige Autonomie und genügende materielle Mittel zu geben." „W eich es sind nach Ihrer Meinung die Aufgaben des nächsten Centralcomites?" „Das nächste C. C. wird unbedingt ein Sekretariat einrichten und ein österreichisches Zentralorgan haben müssen. Der heutige Zustand, daß jeder Distrikt" sein Preßorgan hat, muß zu Reibereien führen, wenn die Ansichten in den einzelinen D. C. über Fragen der Taktik und zionistischen Politik verschieden sind. Gerade, wenn das C. C. die Presse leitet, werden die Zwistigkeiten aufhören. Das C. C. ist doch ein Ausschuß, an dem alle Distrikte gleichmäßig partizipieren. Erst durch das neue Statut wird die Provinz jenen Einfluß auf die Presse gewinnen, der in ihrem Interesse liegt. Es ist mir unbegreiflich, warum manche Vertreter der Provinz in dieser Erhöhung der Macht der Distrikte eine Entmündigung derselben erblicken wollen." [ELT 1367 „W ie verhält es sich mit der „innerpolitischen Betätigung", bezüglich welcher die Meinungen stark divergieren?" ,,Das neue Statut ist genau so wie das alte ein ..rein* zionistisches. Niemals vertrat ich die organisatorische Identität von zionistischer und innerpolitischer Organisation. Unleugbar haben wir vom ,rein' zionistischen Standpunkte ein Interesse an der Landespolitik. Wir können durch sie die Anerkennung und Durchsetzung des jüdischen Volksgedankens erringen, anderseits aber auch dem Rassenantisemitismus den Boden abgraben, indem wir die bisherige ^assimilatorische Politik der ,israelitischen' Führer bekämpfen, wie dies schon zu Herzls Zeiten geschah, wovon man sich durch das Studium älterer Jahrgänge der ,Welt' überzeugen kann. Dies ist das innerpolitische Minimalprogramm, das meines Erachtens jeder österreichische Zionist akzeptieren muß. Ueber das Maximalprogramm — eine eigene jüdisch-nationale Politik — kann ich mich natürlich in kurzen Worten nicht äußern. Aber auch vom Standpunkt des Maximalprogramms muß man verlangen, daß die Zionisten keine andere Politik — die andere ist nur die assimilatorische — betreiben, und daß eine Innenpolitik einzelner Zionisten auf eigene Faust ebenso ausgeschlossen bleibt, wie die Partei keine zionistische Weltpolitik auf eigene Faust — etwa mit der Türkei — dulden kann. Dies ist der Sinn der These 11 des C. C, welche eine Vermittlungsinstanz zwischen der zionistischen Leitung und dem Jüdischen Nationalverein für Oesterreich* als wünschenswert erklärt. Auf die Form lege ich keinen Wert, in der Sache selbst aber kann ich von meinem Standpunkte nicht abgehen. Den Wünschen der Provinz bezüglich der Führung der Politik soll die politische Leitung durch Angliede-* rung von Vertrauensmännern in der Provinz entgegenkommen. Ich bin kein Fanatiker der Innenpolitik, ,aber ich bin ein Fanatiker der unbedingten Einheitlichkeit jeder zionistischen Aktion. Nirgends aber ist die Einheitlichkeit eine so wichtige Grundbedingung wie bei der jüdischen, innerpolitischen Betätigung." „W ird diese Einheitlichkeit aber nicht durch die Sonderstellung Galiziens und der Bukowina in Frage gestellt?" „Gewiß. Namentlich in der Innenpolitik. Auf ,rein' zionistischem Gebiete bestehen ja keine Differenzen. Der Nationalfonds ist zentralisiert und die Palästinaarbeit wird in Wien und Lemberg völlig gleichartig betrieben. Ich habe wiederholt mit den galizischen Führern, insbesondere mit Stand und Dr. Ringel über eine Wiedtrvere inigung gesprochen und konnte mich überzeugen, daß einer solchen nur die Differenzen in der Frage der innerpolitischen Betätigung im Wege stehen. Ich glaube, nachdem Oesterreich ein Staat ist, muß unsere Landespolitik eine gesamtösterreichische sein. Lieber gar keine Politik, als überall eine andere. Solange ich einen Teil der zionistischen Organisation leite, kann ich von diesem Standpunkte nicht abgehen. Ob die Wiener oder die Lemberger Taktik die richtige ist, darüber stelle ich meine subjektive Meinung zurück und verfechte nur den obersten Grundsatz: Es darf keine verschiedene Führung der zionistischen Landespolitik in Oesterreich g e b e n." „Ist zu erwarten, daß der Brünner Zio~ nistentag die Vorschläge des Central- Comite s akzeptieren wird?'1 „Ich bin davon fest überzeugt. Nicht etwa wegen des Verlaufes der Distriktstage. Ich zähle nicht die Stimmen pro und contra. Die Argumente sind so zwingend, daß sich ihnen die Delegierten gewiß nicht verschließen werden. Die Frage liegt so: Soll die jetzige Scheinlandsmannschaft konsolidiert werden, oder soll Westösterreich in drei ^ands^^m^!^^^ zerfallen? Der heutige organisatorische Zustand scheint mir unhaltbar. Niemand wird seine Kräfte in den Dienst von Organen eines derart problematischen Gebildes weiterhin stellen wollen. Die Zersplitterung der zionistischen und namentlich der zionistisch-politischen Organisation in Oesterreich ist Sünde nicht nur gegen die Interessen, sondern auch gegen die obersten Grundsätze des Zionismus. Deshalb nimmt auch unser Actions- Comite so lebhaftes Interesse an der österreichischen Organisation sf rage. Gelin gtesuns, eine engereZusammenfassu.ng in Westösterreich herbeizuführen, dann sind wir der Lösung der gesamtösterreichischen Frage um vieles näher. Der Fortbestand der