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Die Welt · 1911-12-15 · 50 (15.12.1911) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 50 DIE^KELT 1363 „extremen Zionismus" bekämpfen zu müssen, der die ganze judenheit in Palästina sammeln soll. In Wirklichkeit hat ja die zionistische Organisation stets den Standpunkt vertreten, daß nicht sämtliche Juden, insbesondere nicht alle westlichen Juden, sondern nur ein Teil derselben nach Palästina auswandern werde und auswandern solle. Was Sombart über die Gerechtigkeit im Staatsleben sagte, muß Widerspruch erwecken. Die Forderung, daß der Tüchtigste an die Stellen berufen wird, die der Staat zu vergeben hat, mag im der Praxis nicht immer durchgeführt werden können, als Prinzip aber muß sie aufrecht erhalten bleiben. Auch stimmt sie ja ganz zu der wahrhaft liberalen Auffassung, die Sombart vom Zusammenleben der Nationen in einem Staate vertritt. Dagegen trifft er ganz das richtige, wenn er meint, daß die Erziehung der Juden zum National Judentum das Uebermaß eines niedrigen und äußerlichen Ehrgeizes dämpfen werde, das die Juden heute vielfach dazu führt, nach allerlei Ehrenposten zu streben. Für das vorwiegend jüdische Publikum aus Berlin W, vor dem Sombart sprach, hätte es vielleicht einer genaueren Definition bedurft, was unter wahrem Judentum zu verstehen sei. Für einen Mann wie Sombart, der das Judentum als historische Erscheinung' bewertet, kann es freilich keine andere Alternative geben, als Artzerstörung oder Nationaljudentum. Den halb assimilierten Kreisen der Berliner Juden hätte aber deutlich zu Gemüt geführt werden müssen, daß ihr Scheinjudentum nur ein unklares Umherschwanken zwischen diesen beiden Möglichkeiten ist. Assimilation oder Zionismus? . . . Das ist die Formel, in die die gegenwärtige Situation zusammengefaßt werden kann, und das hat Sombart, der Nationalökonom und Geschichtsschreiber, mit klarem Blick erkannt. Sein Vortrag ist als bedeutsame 2eiterscheinung zu werten. Es ist das erste Mal, daß ein christlicher Gelehrter und Fachmann von solchem Ruf sich vor der Oeffentlichkeit klar für das Nationaljudentum, d. h. für den Zionismus entscheidet. Wir sehen hierin ein Zeichen für die siegreiche Kraft der zionistischen Idee, die immer weiter vordringt, und am der die Völker nicht mehr gleichgültig vorüber gehen können. Hat doch Sombart in seinem ersten Vortrag sich fast ausschließlich auf Quellen berufen, die in unseren zionistischen Kreisen wohl bekannt sind. Es zeigt, wieviel die Zionisten im Laufe der Jahre gewirkt haben, wenn ein christlicher Gelehrter zionistische Quellen zitieren muß, wenn er über die Juden frage spricht. Es wäre wünschenswert, daß Sombart auch in anderen Städten Vorträge über „Judenpolitik" hält, und es ist zu hoffen, daß die großen Provinzblätter sich liberaler verhalten werden, als die angeblich so liberalen Zeitungen der Reichshauptstadt, die noch immer in dem Irrtum befangen sind, geistige Strömungen totschweigen zu können. o o o o o o o o o o o o o o REVUE DER PRESSE O O O O O O O 3 o o o o o o o Zur russisch-amerikanischen Paßfrage. Die „Times" bringt in ihrer Nummer vom 9. ds. Mts. einen Stimmungsbericht aus Washington, dem wir folgendes entnehmen: Die öffentliche Meinung ist wegen der russischen Paßfrage aufs höchste erregt. Ein Leitartikel der St. Petersburger offiziösen „Rossija", in dem gesagt wird, daß man Rußland nicht zumuten könne, es solle seine Gesetze ändern mit Rücksicht auf die Demonstrationen von Gruppen amerikanischer Juden, oder selbst im Hinblick auf freundschaftliche Vorstellungen der amerikanischen Regierung, wird in der amerikanischen Presse wiedergegeben und ausführlich kommentiert. Es wird darauf hingewiesen, daß dieser Artikel im Gegensatz zu der jüngsten Botschaft des Präsidenten an den Kongreß (vgl. unsere Notiz unter „Nachrichten") steht, wonach eine baldige günstige Erledigung des Streites als Folge von Unterhandlungen zwischen dem amerikanischen Gesandten und dem auswärtigen Amt in St. Petersburg zu erwarten ist. Daß solche Unterhandlungen gepflogen werden, ist ja seit längerer Zeit bekannt, aber ob sie zu einem die öffentliche Meinung in Amerika befriedigenden Abschluß kommen werden, daß ist eine andere Frage. Man glaubt hier, daß das äußerste, was die russische. Regierung versprechen kann, das ist, daß sie ihr möglichstes tun will, um die Annahme des der Duma vorgelegten Gesetzentwurfs, wonach von der Rassenunterscheidung bei Paßangelegenheiten abgesehen werden soll, zu sichern. Selbst wenn die Duma diesem Gesetzentwurf zustimmen sollte, würde doch noch ein großer Teil von Ausschließungen, gegen die die amerikanische öffentliche Meinung protestiert, bestehen bleiben. Vielen russisch-amerikanischen Juden, deren Paß die russische Regierung nicht anerkennt, ist die Ueberschreitung der Grenze nicht wegen ihres Judentums, sondern deshalb verboten, weil sie ohne Zustimmung der russischen Behörden die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen haben. Die Vereinigten Staaten können es sich jedoch absolut nicht gefallen lassen, daß die russische Regierung ihnen das Recht bestreitet, beliebigen Personen das amerikanische Bürgerrecht zu verleihen. Präsident Taft befindet sich inzwischen in einer höchst schwierigen Lage. Rußland ist im Irrtum, wenn es von „Demonstrationen von Gruppen amerikanischer Juden" spricht. Die Angelegenheit ist viel weiter gediehen. Das amerikanische Selbstbewußtsein ist ohne Rassenunterschied rege geworden. Eine Menge Resolutionen sind bei dem Kongreß eingegangen, die die Aufhebung des Handelsvertrages von 1S32 kategorisch fordern. Man erzählt, der Präsident habe im vergangenem Sommer in St. Petersburg versichert, er würde jede solche Resolution zurückweisen. Eine so ausgezeichnete Gelegenheit, ihn in Gegensatz zu der mächtigen jüdischen Wahlstimme zu bringen, werden sich aber weder die Demokraten noch die Insurgenten entgehen lassen. Die Regierung versucht darum alles mögliche, um ein der öffentlichen Meinung annehmbar erscheinendes Resultat zu erzielen. Daß ihr dies gelingen wird, ist jedoch höchst unwahrscheinlich, und dann ist fast als sicher anzunehmen, daß der Kongreß die Resolution trotz der Gegnerschaft der Regierung annehmen wird. So ist die russisch-amerikanische Paßfrage, welche sich schon mehrere Jahre hinzieht, plötzlich eine höcst bedeutsame Angelegenheit sowohl in der amerikanischen Politik als auch in der Diplomatie geworden." Ferner wird der „Times"' aus New York unter dem 6. Dezember berichtet: „Die erste große Protestversammlung in der russischen Paßfrage findet heute abend statt. Die Agitation hat bereits ungeheure Dimensionen angenommen. Im Kongreß selbst macht sich eine starke Bewegung geltend, die darauf abzielt, daß der Vertrag unverzüglich annulliert wird, aber die Regierung plaidiert für eine Aufschiebung aller Diskussionen bis zum Abschluß der Verhandlungen, die mit St. Petersburg gepflogen werden, da in Regierungskreisen noch immer gehofft wird, daß eine befriedigende Regelung herbeigeführt werden kann. Die Angelegenheit stellt für den Präsidenten Taft sehr schlimm, da die Demokraten und

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