Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316511--55380-3349205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1362 DIE3 aus unterscheiden: Oestliche und westliche Juden. Die östlichen Juden leben unter so unerträglichen Bedingungen, daß ihre Lage verbessert werden müsse, wolle man ihr Dasein sichern. In Rußland und Rumänien sei in absehbarer Zeit keine wesentliche Besserung zu erwarten, England und Amerika sträubten sich gegen die immer mehr anwachsende Einwanderung der östlichen Juden, und so sei nur eine Versorgungspolitik für die östlichen Massen möglich, nämlich die zionistische. Auf den Streit zwischen Territorialismus und Zionismus wolle er nicht näher eingehen, doch sei es sein persönlicher Wunsch, daß die Zionisten mit ihren Argumenten Recht behielten. Er glaube auch, daß dies der Fall sein werde, da Palästina den Auswanderungsländern näher liege als alle anderen vorgeschlagenen Gebiete, und weil die jüdische Kolonisation in Palästina bereits auf eine 30 jährige Erfahrung zurückblicken könne. Er wolle jedoch davor warnen, die zionistische Bewegung mit allzuvielen Experimenten zu belasten, denn die Kolonisation im Orient sei an sich schon eine so schwere Aufgabe, daß es nicht angebracht sei, mit der jüdischen auch noch die soziale Frage lösen zu wollen. Während Sombart so für die östlichen Juden die zionistische Lösung fast als eine Selbstverständlichkeit betrachtet, erhebt sich nach seiner Ansicht ein sehr schweres Problem, wenn die westliche Judenpolitik in Frage steht. Die materiellen Lebensbedingungen der westlichen Juden seien unzweifelhaft gut, und so könne die Judenfrage für sie nur eine ideelle, keine materielle Seite haben. Das Problem besteht darin, ob die westlichen Juden das Judentum erhalten oder vernichten wollen. Es handelt sich um keine andere Frage als die der „Arterhaltung" oder „Artzerstörung". Mit größter Entschiedenheit erklärt Sombart, daß die Antwort nur lauten dürfe: Arterhaltung. Die Auflösung der Artverschiedenheiten und die Bildung eines europäisch-amerikanischen Universal-Menschentums sei eine fürchterliche Perspektive, und schon aus diesem ganz allgemeinen Gesichtspunkte müsse alles gefördert werden, was zur Erhaltung nationaler Eigenart dient. Im speziellen Fall der Juden würde diese Tendenz zur Arterhaltung, also die Pflege jüdisch-nationaler Kultur und Gesinnung, die Folge haben, daß die Art sich verbessert und gerade diejenigen Fehler der Juden verschwinden, die man heute als spezifisch jüdische Fehler bezeichnet. Denn ein Volk, das sich wieder auf sich selbst besinnt, fördert in sich die. guten Eigenschaften und sucht die schlechten zu unterdrücken. Wenn die Juden ihr Judentum aufgeben, so hat der einzelne Jude nur noch Interessen. Wollen sie aber ihr Volkstum erhalten, so wird ein ideales Streben entfesselt, das den Charakter im besten Sinne beeinflußt Der Mangel an Respekt, den man an dem Juden rügt, sei hauptsächlich bei denjenigen anzutreffen, die sich an die anderen Völker bedingungslos herandrängen wollen, nicht aber bei denen, die ihr eigenes Volkstum pflegen. Wenn also die westlichen Juden Nationaljuden werden wollen, so wolle er damit nicht für den „extremen Zionismus" eintreten, der alle Juden nach Palästina zu führen beabsichtigt. Es sei eine Ueberschätzung der idealistischen Momente im Seelenleben der Juden, wenn man hoffe, sämtliche Juden in Palästina zu vereinigen. Auch könnten dies die christlichen Völker gar nicht zulassen, da die Juden für sie unentbehrlich seien. Sie sind es, die einen großen Teil der Steuern aufbringen, die die Konzerte und Theater füllen, die die Bücher kaufen. Die völlige Auswanderung der Juden würde ebenso verderbliche Wirkungen haben, wie die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich oder die Vertreibung der Juden aus Spanien für diese Länder gehabt haben. Es sei aber zur Gründung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina und zur Er- [ELT - Nr. 50 ziehung der Juden zum Nationaljudentum auch gar nicht nötig, daß sämtliche Juden nach Palästina auswandern. Seit der Zeit des babylonischen Exils haben stets mehr Juden in der Diaspora als in Palästina gelebt. Die Nationalisierung der westlichen Juden könne durch eine Reihe von Mitteln bewirkt werden, so vor allem durch Erziehung der jüdischen Jugend. Vielleicht sei es sogar möglich, die Juden an manchen Punkten lokal zu konzentrieren; hierbei geht Sombart so weit, die Gründung jüdischer Ackerbau-Kolonien im deutschen Osten zu empfehlen, ein Vorschlag, der freilich nicht in den Bereich politischer Möglichkeiten fällt. Die wichtige Frage, wie sich das Zusammenleben einer national-jüdischen Bevölkerung mit den umgebenden Völkern gestalten werde, beantwortet Sombart dahin, daß dies sich durchaus befriedigend entwickeln könne. In kultureller Beziehung läge kein Grund vor, weshalb ein Nationaljude nicht an den Schöpfungen deutschen Geisteslebens vollen Anteil nehmen solle. Man könne einer bestimmten Art, einem bestimmten Volke angehören und doch volles Verständnis für andere nationale Kulturschöpfungen haben. In wirtschaftlicher Hinsicht sei die Stellung der Juden eine sehr günstige und werde dies vermutlich bleiben. Wie aber werde sich das Verhältnis zum Staat gestalten? Sombart kann, wie er sagt, absolut nicht verstehen, weshalb die Juden in diesem Punkte Bedenken haben. Es sei durchaus kein Erfordernis für den Staat, daß alle seine Bürger derselben Nationalität angehören. Die Bewohner der Schweiz seien Deutsche, Franzosen und Italiener, dennoch aber seien sie begeisterte Schweizer. Freilich gehört kluge Staatskunst dazu, mehrere Nationen in einem Staate zur gedeihlichen Zusammenwirkung zu vereinen, aber im Prinzip liege kein Grund vor, die Nationalitäten in ihrer Eigenart zu nivellieren, oder nur eine Nationalität im Staate zu dulden. Was die Beteiligung der Juden an den Staatsstellungen beträfe, so lautet seine Formel, die freilich, wie er wisse, auf Widerspruch stoßen werae, folgendermaßen: Die Staaten werden den Juden volle Gleichberechtigung gewähren, und die Juden werden die Klugheit und den Takt haben, diese Gleichberechtigung nicht im vollen Umfange auszunützen. Es gebe Verhältnisse im Leben der Völker, die nicht durch Aufstellung von Prinzipien, sondern nur durch Takt gelöst werden können. Dazu gehört die Stellung der Juden im Staate. Wenn die Juden volle Gleichberechtigung fordern, so müssen sie überlegen, ob sich wirklich ein Prinzip der Gerechtigkeit im Staate durchführen läßt. Solle man etwa nach den Prozenten der verschiedenen Konfessionen oder Nationalitäten im Staate die Stellen vergeben? Und wenn gefordert würde, daß der Tüchtigste diese Stellen erhält, so müsse man sagen: es gebe keine Methode, um mit Sicherheit festzustellen, wer der Tüchtigste sei. Die Bewegung zur jüdischen Renaissance sei im Wachsen. Es handelt sich um eine Kulturerscheinung, die Beachtung verdient, und scharf zu verurteilen sei die Totschweigetaktik der jüdisch-liberalen Zeitungen, die über diese .Bewegung hinwegzugehen versuchen. Man habe diese Totschweigetaktik auch ihm gegenüber anzuwenden versucht, und die jüdischliberalen Blätter boykottierten seine Vorträge über die Judenfrage. Hiergegen lege er ganz entschieden Verwahrung ein, und wenn ihm von manchen Seiten gesagt worden sei, weshalb er denn durchaus dieses Problem in der Oefferitlichkeit behandeln wolle, so antworte er, daß dies sein gutes Recht sei, denn er sehe in der Frage nach der Zukunft der Juden eine wichtige Kulturangelegenheit, die für die Entwicklung der Menschheit von größter Bedeutung sei. — Sombarts Vortrag hatte gewiß einige Schwächen. Schon der erste Vortrag zeigte, wie schwer es einem christlichen Gelehrten ist, jüdische Probleme zu verstehen. Auch in seiner Behandlung der Judenpolitik zeigten sich mancherlei Irrtümer. So glaubt er einen