Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 50 Figuren, Jungfrauen, Königen, Greisen zu beleben. Die richtigen Bergleute brauchen diese Popularisierungsmittel nicht. Die Berge sprechen zu ihnen, wie sie sind. Die früheren Eindrücke. — Früher hatte die Erinnerung an die Makkabäer nur Ehrfurcht erregt. Worin besteht dieses Gefühl? Vor allen Dingen bedarf es für das Zustandekommen ehrfürchtiger Gefühle ganz im allgemeinen eines Gegenstandes, der uns als ein uns überragender gegenübertritt, ein Gegenstand, für den unser gewöhnlicher Mensch des Er- und Begreifens nicht mehr oder doch nicht mehr völlig ausreicht, so daß ein Eindruck entsteht, durch welchen unser eigenes Größenverhältiiis, wie es in unserer Auffassung für uns als gültig und richtig besteht, eine Sctimälerung erfährt. Wir sind den Heldentaten gegenüber immer die Geringeren, wir erleiden, indem sich diese uns aufnötigen und mit einem bestimmten Eindruck erfüllen, eine ideelle Schmäierung, ohne welche das Gefühl der Ehrfurcht gar nicht in unsere Seele eintritt. Eine mächtig*e Naturerscheinung, ein donnernd herniederbrausender Wasserfall, ein majestätischer Baum usw. erwecken Ehrfurcht. Die Schmäierung unseres eigenen Größenverhältnisses liegt in diesem Fall in dem uns überwältigend zum Bewußtsein gebrachten Mißverhältnis unserer gebrechlichen Kraft gegenüber der gewaltigen Elementarkraft und in dem dunklen, unser Fühlen beeinflußenden Hintergrund der Schöpfung, des Ganzen gegenüber dem Einzelnen, rx-nn in einem solchen Fall, wo ein Gewaltiges aus dem Rahmen seiner Umgebung gewissermaßen herauszutreten, sich von ihm loszulösen scheint, und ums allein gegenübertritt, in einem solchen Fall steht dasselbe da, als ob es unmittelbarer wie alles übrige das All verträte, als sei es mehr wie alles andere eine Offenbarung desselben, und indem ich mich seiner Betrachtung widme, stehe ich, der Betrachter, also als einzelner gegenüber dem Betrachteten, welches, obwohl selbst ein Einzelnes, mir den Eindruck des Ganzen, der ganzen Schöpfung macht und dadurch mein Größenverhältnis schmälert. Ganz auf demselben psychologischen Motiv beruht die Ehrfurcht unterm Sternenhimmel, beim Anblick des Meeres und in allen analogen Fällen, in denen jedesmal der unermeßliche Abstand des Größenverhältnisses zwischen der Naturgrenze und dem Atom Mensch diesem die gewohnte Auffassung seines eigenen Größenverhältnisses verrückt, und zwar so, daß er eine Schmälerung desselben empfindet. So ist es auch in der Geschichte eines Volkes. So war die Makkabäerfeier früher. Wir hatten keine Analogie und wir mußten aus der Makkabj.ergeschichte eine Allegorie machen, obschon dieselbe reine geschichtliche Tatsachen darstellt. Wir konnten anders keine Beziehung gewinnen. Die Tatsachen selbst drückten uns, weil sie uns unsere Nichtigkeit zeigten. Da konnte nur Ehrfurcht aufkommen. 1361 Unsere Beziehungen. — Der Zionismus mußte kommen, damit wir die richtigen Beziehungen zu den Makkabäern gewinnen. Die Schmach und Erniedrigung des Volkes, die Not und der Jammer, welche einst die eiserne Manneskraft gaben im Kampfe für die Heimat gegen die fremden Unterdrücker, sind für uns keine Legende. Wir erleben all diese Ereignisse: wir sehen die Griechlinge, wie sie wonnetrunken schwelgen, wie sie zufrieden sind, als sie die Fremden in schnöder Fesseln Bann zwängten, wir beobachten die Henker unserer Nationalität und die gefügigen Werkzeuge des Verbrechers unter den glattzüngigen Priestern und wir erkennen, wie sich die Wahrheit erhebt und wie die Funken des fast erloschenen Seelenlebens wieder aufglimmen. Die Vergangenheit wird zur Gegenwart und wir haben nur einen Gedanken: uns zu erhalten, unsere Energie zusammenzuhalten, unsere Generation zu erziehen, wieder das große Judenvolk zu werden, das Judenvolk der Bibel und Palästinas. Wir empfinden es, wie die Makkabäer durch Tapferkeit und Disziplin das Ziel erreicht haben. Diese Disziplin, die nicht Kadavergehorsam war, sondern sittliches Bewußtsein und geistige Stärke, die hat oft genug Wunder verrichtet, die hat den Sieg an die Fahnen einer kleinen Minderheit gegenüber einer großen Mehrheit g^ncuet, die hat den Heeren der Makkabäer die griechisch-syrischen Armeen zu Füßen gelegt, weil jeder kämpfende Judäer nicht nur die Pflicht empfand, zu gehorchen, sondern auch im Dilnste der Freiheit zu stehen glaubte. Diese Disziplin des freien Gehorsams war es, die das judäische Volk erfüllte in dem Verlangen, das fremde Joch abzuschütteln und die Scharte auszuwetzen, die durch die Schuld des verräterischen Adels die Nation erlitten hatte. Der Geist der Freiheit, der Glaube an die gute Sache war es, was das niedergeworfene, gedemütigte, ohnmächtige Volk in wenigen Jahren zu jener Kraft emporhob, um der Fremdenherrschaft ein Ende zu machen. Nicht aus Gehorsam gegen einen Oberen eilten jung und alt zu den Fahnen, sondern aus Liebe zu der Heimat, zu der Freiheit, aus sittlicher Hingebung an die Gesamtheit. Das ist die Macht der Idee. Das ist die echte geistige Disziplin. Das ist der freie Gehorsam eines mündigen Volkes. Das ist das Geheimnis der makkabäischen Siege. Diese Disziplin wird nicht durch strenge Strafen verbürgt, auch nicht durch feierliche Schwüre, auch nicht durch ausgeklügelte Ordnungssatzungen. Die gewöhnliche Disziplin, die in der natürlichsten und unerläßlichsten Unterordnung' unter den Vorgesetzten besteht, die gewährt ein Uebergewicht über einen minderwertigen, günstigenfalls über einen gleichwertigen Gegner; einen überlegenen Gegner überwindet eine Truppe am ehesten durch die geistige Disziplin des freien Gehorsams, die aus der Stärke und Gerechtigkeit der Sache hervorgeht. Wir kämpfen diesen Makkabäerkampf. Deshalb ist Chanuka unser Fest und unsere Gegenwart. N. S. Professor Sombart über „Judenpolitik" Am Freitag, den 8. Dezember, fand in Berlin im „Blüthnersaal", Lützowstraße, der zweite Vortrag Sombarts über die „Zukunft der Juden" statt. In dem ersten Vortrag war der Versuch gemacht, die gegenwärtige Lage der Juden zu schildern; nunmehr suchte der Vortragende die Richtlinien der „Judenpolitik" zu bestimmen. Urn es gleich vorweg zu sagen: Es war ein unzweideutiges, uneingeschränktes |Bekenntnis zum Nationaljudentum, was wir aus dem Munde des bekannten Gelehrten hörten. Sombart ging davon aus, daß jede Politik etwas Subjektives sei, denn sie verfahre nicht nach der objektiven Methode des Gelehrten, vielmehr bedeute sie Werturteile auf Grund persönlicher Lebensanschauung. Aber trotz dieser notwendigen Subjektivität müsse sich der Politiker doch an die realen Zustände und Möglichkeiten halten. Es sei sinnlos, etwa das Verschwinden der Juden als politische Maxime aufzustellen. Man müsse die vorhandenen Zustände und Möglichkeiten in Betracht ziehen, wenn man Real-Politik treiben wolle. Die Judenheit kann gegenwärtig in zwei große Gruppen eingeteilt werden, die sich in ihren Lebensbedingungen durch-