Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-12-15 · 50 (15.12.1911) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316511--55378-3349203
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1360 DIE3^ELT Nr. 50 ewig unbeantwortet bleibt. All unser Erleben gehört fremden Welten an, die nur durch kunstvolle Operationen in unsern Bereich gezogen werden; alles, was wir erleben, sind Sensationen, denen wir nichts wiedergeben, so wie wir und unser Tun Sensationen für fremde Welten sein mögen, von denen wi: nie Gegenrede empfangen. So ist uns denn Palästina eine fremde Welt und eine Sensation. Und doch ist es möglich, uns in den Bereich jener Fclsenwand zu stellen; uns einzustellen in das Volk, so daß wir ihm und das Volk uns antwortet. „Zu einer Rasse gehört man objektiv, zu einem Volke rechnet man sich": und wenn es gleich damit seine Richtigkeit haben wird, was wir so oft sagten, daß man aus einem Volke nicht austreten kann wie aus einem Verein, so ist es doch andererseits bis zu einem gewissen Grade möglich, in ein Volk einzutreten, wenn man vordem keinem angehört hat. Es ist nicht leicht, und mit der Beitrittserklärung allein ist nichts getan; allein es ist möglich. Solange wir fremd bleiben, ist uns Palästina eine Sensal ion, wie uns unser Volk, unsere nationale Idee eine Sensation ist; wenn wir uns in das Volk einstellen, geht ein unaufhörlicher Strom von Leben zwischen dem Volke und uns hin und her. Das ist es ja: wir hochgebildeten Westjuden haben mit niemand anderem eine Sprache gemein; in Palästina aber haben sie schon heute in der Sprache jenes Fluidum, das die Wellen des lebensvollen Stromes trägt. Darum ist ihre Kultur etwas so ganz anderes als etwa eine Uebersetzung unserer Zivilisation in hebräische Wörter. Denn unsere Zivilisation besteht aus vielen, kunstvollen, feinen, kultivierten Monologen (ein Monolog ist auch unsere Begeisterung); und ihre Kultur ist ein ununterbrochener Dialog zwischen dem einzelnen, dem Schaffenden und dem Volke. Begeisterung ist etwas Großes; Begeisterung ist der Zustand, aus dem Entscheidungen, Entschlüsse, Taten entstehen. Aber wir müssen uns klar darüber sein: die Begeisterung genügt nicht, sie ist wertvoll um der Entscheidungen, (der Entschlüsse, der Taten willen, die sie möglich macht. Und die Tat, die unserer Begeisterung folgen soll, um ihr erst den höchsten Wert zu geben, ist eben die Einstellung in das Volk. Sie belohnt sich, diese Tat; sie gibt uns für unsere Zivilisation eine Kultur, gibt uns den Antwortklang auf unsern Gesang; Klang und Widerklang, Hin und Her, Kuß auf Kuß; eine schwingende Wage; Harmonie. Und Harmonie ist das tiefste Wesen aller Kultur. Notizbuch Die Renaissance des Makkabäerfestes. — Wie ein Kette von raschen Visionen zog sein bisheriges Leben an seiner Seele vorüber. Lauter Ereignisse waren es, das eine vielleicht tragischer als das andere, aber keins, daß das erste Glied zu einer festen, fortlaufenden Kette bilden könnte. Keine Grundlage zu einein ständigen, sicheren Lebensaufbau. Lauter Episoden, schwer und düster, oder von einer bequemen liebenswürdigen Lebensanschauung durchleuchtet. Gedankenlosigkeiten, die sich an keine Folgen kehrten. Ein Spielen mit Empfindungen, wie der Sinn eines sentimental veranlagten Menschen es so gerne liebt, aber kein rechtes Wollen und Streben, das allein nur zum wahren Leben verhilft. Gestalten tauchten in ihm auf, aber sie waren nicht von Fleisch und Blut, nicht von seinem Fleisch und Blut. Er hatte wie ein tändelnder Schmetterling an den Blüten der Erinnerung genascht. Wirklich Einssein mit dem Volke hatte ihm fern gelegen, dein Juden der Assimilation. Man tut ihm Unrecht, wenn man ihn verurteilt. Der arme Kerl verdient eher Mitleid. Er lebt unter einer moralischen Depression, er hat etwas, was ihn bedrückt. Er lebt zu sehr in seiner vermeintlichen Persönlichkeit, ohne seine natürliche, tiefere Persönlichkeit zu finden. Er müßte viel mehr auf seine Volksgenossen achten, damit er sich in ihnen finde. Seine Volksgenossen sind so interessant. Er liebt auch Israel, sicher, das bemerkt man bei jeder Gelegenheit, aber wie die kleinen Geister die Natur und die Kunst „lieben", als etwas außer ihnen Stehendes, das in ihrem Innenleben keinen Platz, kein Uebergewicht hat. Das ist verkehrt, man muß sich Mühe geben, das Volkstum in sich zu wecken; das ist es, was erfrischt. Das ist es, was beweist, daß das Vergangene nie abgeschwächt, nie zu matteren Farben getönt wird. Und eigentlich: alles ist im Volkstum erfrischend, oder es gibt wenigstens überall Erfrischendes. Das ist das Lebensgeheimnis des jüdischen Volkes. National lebt man auch den Galuth leichter, man betrachtet seine Sorgen und Verdrießlichkeiten als Nebensache. Man findet eigene geistige Nahrung und Aufmunterung und läßt den Geist nicht stumpf werden. Künstliche Beziehungen schuf sich der Assimilationsjude zu den Helden seiner Vergangenheit, in dem er sie zu schemenhaften Trägern seiner eigenen Ideen machte. Matathiahu spricht wie ein Redner des Vereins „zur Abwehr"; Jehuda macht Humanitätsphrasen, Simeon predigt Demut — alles fein säuberlich etikettiert, schabionisiert, registriert und in allen Schubfächern verstaut für das heutige Publikum, für die heutige Predigt. Lose Glieder, lose Stimmungen, in der Luft jonglierend, ohne festen Boden, ohne Geschichte. Glitzerhülsen ohne Gehalt. Ich grolle ihm nicht, diesem Luftmenschen. Denn auch die Vorstellung des festen und kernigen Juden von den Makkabäern war kein richtiges Bild. Es war eher Licht und Dämmerung im Wolkenflattern, im Nebelwehen. Gewiß war es von der Zerrissenheit, der Schminke, der Stillosigkeit, der Krankheit einer unaufhörlich betriebenen Apologetik frei, kein schiefes Volksbild, kein schlechtes Ethos, sondern wundervolle, glaubensfeste, eine nationale Jugend voll Dichterkraft und Mystik, die die Unbewußtheiten der menschlichen Seele in leuchtende Schönheit der Wunder zu fassen vermag. Aber die Volksphantasie der Diaspora vermochte es nicht, in klaren Linien die Heldenbilder und die Heldentaten der Makkabäer zu zeichnen und zu prägen. Wir konnten die Distanz nicht gewinnen. Es ist wie eine grausige Landschaft. Man muß Punkte finden, die einem näher stehen, um sich überhaupt dreinzufinden. Da starren uns Tannenriesen wie ein unabsehbares Heer eisgrauer Helden an mit ihren verwitterten Schädeln, mächtig ausgespannten Armen, moosüberwucherten Rümpfen und den großen einsamen Augen, die in den Himmel sehen — aber wir finden in uns keine innerliche Beziehung zu diesem grandiosen Anblick. Nun rauschen aber dazwischen silberkiare Quellen, ihre Fülle und Kraft in tausend Perlen emporschleudernd und wieder in sich aufnehmend in lebendurchzittertem Spiele, oder mit dem Schrei der Erlösung, Fesseln sprengend, stürzend, stolpernd, jagend, den Berg herunter, der Tiefe zu, die da wartet mit Flüssen und Meeren — das verstehen wir, können wir nachempfinden und so gewinnen wir auch eine Beziehung zu der ganzen Landschaft. Wie bemühen wir uns, die alten, ernsthafter. Bergriesen, die die tiefe, geheimnisvolle, grünblaue Flut unistehen und seit undenklichen Zeiten in dem Spiegel des herrlichen Sees ihre Größe betrachten, mit menschenähnlichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.