Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 50 DIE3^ELT 1359 der Thora, so wie sie diese Sektierer auffaßten: eine Frau zu einer anderen sollst du nicht nehmen, daß sie ihre Nebenbuhlerin sei zu ihren Lebzeiten — und nur weil die Tradition diese hebräische Phrase anders deutete, machte sie hieraus das Verbot, zwei Schwestern zu ehelichen, was hebräisch hätte lauten müssen: Die Schwester deines Weibes sollst du nicht nehmen. So wie hier eine jüdische Sekte noch vor dem Christentum die Monogamie fordert, so behauptet sie auch, daß die Thora für die Frauen genau so verbindlich sei wie für Männer, an die sich nur die Form der Anrede richte, daß demnach die Frau ihren Oheim so wenig heiraten dürfe, wie der Mann seine Tante. Die Feste werden nach unserem Verfasser von ganz Israel falsch gefeiert, und da er sich auf das Buch der Jubiläen beruft, so wissen wir auch, was er damit meint. Diese aus der Makkabäerzeit stammende Schrift verlangt nämlich nichts weniger als die Einführung des Sonnenjahres. An keiner Stelle des Pentateuch ist mit voller Klarheit angegeben, nach welchem Gestirne sich der jüdische Kalender zu richten habe, und die noch heute von allen Juden befolgte pharisäische Tradition, die den Mondkalender anerkennt, kommt mit der Natur in böse Konflikte, die nur durch willkürliche Schaltungen, von denen die Thora nichts weiß, zu beseitigen waren. Ueberall sehen wir bei dieser Schrift einen Widerspruch gegen Sitten und Gebräuche, die uns bisher als allgemein-jüdisch, als selbstverständlich galten. — Wer an den Messias glaubt, der sollte doch wohl auch annehmen, daß er ein Nachkomme Davids ist? Durchaus nicht! Die Thora, das allein-gültige Gesetzbuch, weiß nichts von David, Ahron ist der Erwählte, und so oft der Ausdruck Messias im Pentateuch erscheint, ist damit der Priester bezeichnet. So nimmt unsere Sekte auch an, daß der Gesalbte Israels, der künftige messianische König zugleich ein Gesalbter Ahrons, ein Priester sein sollte, so wie die Hasmonäer zugleich Könige und Hohepriester waren. — Wichtige Parallelen ergeben sich zwischen unserer Schrift und dem neuen Testament. Ausdrücke wie „der neue Bund", „der Mensch ist der Herr des Sabbaths", die starke Betonung der Nächstenliebe finden sich bereits bei dieser jüdischen Sekte und beweisen, daß man nicht berechtigt ist, die Lehren des Urchristentums auf fremde, nichtjüdische Einflüsse zurückzuführen. Die - Umwälzungen, die diese kleine Schrift auf dem Gebiete der jüdischen Religionsgeschichte hervorrufen wird, sind ungeheuer. Ein neues Judentum, von dem wir bisher fast nichts gewußt haben, ist in diesen Blättern wieder auferstanden, unsere Kenntnis von dem Parteiwesen des Judentums, aus dem heraus auch das Christentum geboren wurde, wird auf eine neue, solide Grundlage gestellt, und damit auch die Frage, wie sich das jüdische Gesetz entwickelte, ihrer Lösung nähergebracht. Darin besteht die Bedeutung dieser kleinen Schrift, die eine der wichtigsten Quellen für die Geschichte der Juden in dem nachmakkabäischen Zeitalter ist. Begeisterung und Einwände Von Dr. Hugo Hermann Palästina soll den Galuth revolutionieren. Und es tut es schon. Jeder von uns kennt schon jene unvergeßlichen Abende, wo in irgendeiner recht westlichen, recht assimilierten Stadt vor einem Publikum von Zionisten, die sich von den gleichfalls anwesenden anderen Juden mehr durch ihre Hoffnungen als durch etwas anderes unterscheiden, wo in dieser Stadt und vor diesem Publikum ein Palästinenser spricht. Er spricht über irgendein Thema, den Bezalel, die Kolonien, das Gymnasium — und er spricht immer über das eine: Das Leben der Juden in Erez Israel. Wie sie gehen und stehen, sitzen und liegen, schlafen und essen, reiten und fahren, handeln, lehren, lernen, wie sie säen und wie sie ernten, und daß sie dabei wirklich hebräisch sprechen. Nun wohl: ein ethnographischer Vortrag. Aber ein ethnographischer Vortrag mit Begeisterung. Die Zusammenstellung ist revolutionär. Palästina hat bewirkt, daft gebildete Westjuden, nachdem sie ihr Tagewerk geleistet haben, einen ethnographischen Vortrag anhören und sich dabei begeistern; ob sie mm Zionisten sind oder nicht. Das ist etwas Großes. Und es gewinnt vielleicht noch an Größe, wenn man bedenkt, daß die Leute, die sich so begeistern, durchaus nicht daran zu denken pflegen, selbst jemals in Palästina zu leben, und daß es ganz sicher jedem klar ist, daß selbst von den anwesenden jungen Leuten, ja von den Enkeln all der Zuhörer nur wenige zur Teilnahme an dem Leben dort bestimmt sind. Die Begeisterung ist nicht persönlich, sie geht über die Zukunfts träume selbst des einzelnen hinaus, sie gilt dem Volke. Auch bei den Nichtzionisten. Ja, vornehmlich bei den Nichtzionisten. Wir Zionisten pflegen uns, wenn wir unter uns sind, viel mehr Einwände und Schwierigkeiten vorzuführen, die das Werk bedrohen, als es je von der Seite unserer Gegner in den hitzigsten Agitationsdebatten geschieht. Nur daß wir die feste Zuversicht haben, daß all das besiegt werden wird, und bei einem dieser wundervollen Abende der Begeisterung, wo alle Einwände verstummen, vergessen wir ihrer gern und erheben uns an dem reinen Bilde unserer Zukunft. Wir fühlen deutlicher, daß wir uns weniger an dem Erreichten berauschen als an dem zu Erreichenden, und daß der Enthusiasmus eines solchen Abends gerade gut ist als Sporn zur Arbeit. Und man darf sagen: der Enthusiasmus der Nichtzionisten ist um so viel leerer, als er unpersönlicher und größer ist. Wir andern aber müssen sorgsam sein, daß unsere Begeisterung uns nicht über den Kopf wachse. Es kann einem schon jetzt passieren, daß, wenn man leise und versuchend bemerkt, Begeisterung wäre eigentlich nicht das richtige, womit man auf die Tat der selbstlosen Pioniere antworten sollte, daß man da die Antwort erhält: Unsere Begeisterung gilt nicht bloß dem Schönen und Großen, das erreicht ist; mehr noch greift es uns ans Herz, wenn wir hören, wie schwer sie es haben, wie sie oftmals der Verzweiflung nahe sind. Und das ist leerer Enthusiasmus; schön als Regung des Herzens, wertlos als Hebel des Willens. Denn sobald das Leben dort uns vom allgemein menschlichen Standpunkt aus rührend erscheint, ist es uns fremd geworden, sind uns die Berichte von den Freuden und Leiden der Pioniere Sensationen. Es wäre ungerecht, zu vergessen, daß selbst das etwas Großes ist, daß unsere hochgebildeten Westjuden ihre Sensationen statt in Paris und Amerika in Palästina suchen. Palästina revolutioniert den Galuth, dabei bleibt es; und daß uns Palästina eine Sensation ist, kommt eben aus unserer schwierigen geistigen Situation überhaupt her, die sich von der der Pioniere in Palästina, trotz all ihrer Mühseligkeiten und Verzweiflungen, sehr ungünstig unterscheidet. Denn dort findet das Wort, das von den Lippen des Singenden kommt, eine reichzerklüftete Felsenwand, von der es als vielfältiges Echo wiederklingt; wir aber haben uns an die Situation des Wanderers im leeren Weltenraume gewöhnt, dessen Blick und dessen Stimme nach allen Seiten schweift und dringt, und