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Die Welt · 1911-12-15 · 50 (15.12.1911) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1358 will man aus einem Briefe schließen, den ein Mann seinem Freunde, einem bedrängten Schuldner, schreibt. Er rät ihm, es bei dem (nichtjüdischen) Gläubiger noch einmal mit Bitten zu versuchen. Vielleicht werde er sich erbarmen und ihn nicht von Haus und Hof vertreiben. Wenn er aber unbarmherzig bliebe, so solle der Adressat sich lieber dem Gläubiger anschließen (d. h. in ein Hörigkeitsverhältnis treten), vielleicht werde er der Freund seines Herrn werden, nur „hüte du dich, wie auch die anderen, vor den Juden!'4 Diese Warnung spiegelt zwar den Ha(3 gegen die Juden gut wieder, aber man weiß nicht recht, was denn den armen Schuldner von Seiten der jüdischen Bankiers noch schlimmeres treffen kann als der Verlust der Freiheit, und man muß mit der Möglichkeit rechnen, daß die Warnung sich nicht auf das jüdische Geld, sondern auf einen eventuellen Uebertritt zum Judentum bezieht. Es war bekannt, daß die Juden für einander in jeder Beziehung eintraten, und die Gründe für einen Uebertritt mögen bisweilen auch finanzieller Art gewesen sein. Im allgemeinen hatte natürlich der Proselyt keine Vorteile von seinem Uebertritt zu erwarten. Die bevorzugte Nation waren die Griechen, und diese wollten die Macht und die Rechte, die sie besaßen, nicht mit anderen teilen. Ein jahrhundertelanger Kampf um die Gleichberechtigung der Juden entspann sich und führte in der Hauptstadt Alexandria zu blutigen Krawallen. Vor allem weigerten sich die Juden, die Kopfsteuer zu bezahlen, von der die Bürger Alexandrias befreit waren. Wir haben noch die Eingabe eines alexandrinischen Juden Helenos an den Statthalter Aegyptens, in der er sich beklagt, zu dieser Steuer herangezogen zu sein. Sein Vater war bereits Alexandriner gewesen, auch er selbst bezeichnet sich zuerst als Alexandriner, was aber der Notar, der die Urkunde schreibt, sorgsam in „alexandrinischer Jude" verbessert. Die Streitfrage, ob die Juden das Bürgerrecht besaßen, ist auf die Autorität von Mommsen hin zu Ungunsten der Juden entschieden worden, seitdem wir aber sicheres über die jüdischen Militäransiedler wissen, die zweifellos Bürgerrechte erhielten, seitdem wir auch eine neue Kategorie von solchen ursprünglich militärischen Bürgern, die Perser, zu denen auch Juden gehörten, kennen, ist eine erneute Prüfung der Frage notwendig. Die römischen Kaiser, vor deren Richterstuhl sich die letzten Szenen dieses Kampfes um die Gleichberechtigung abspielten, gaben meistens den Juden recht. Es sind uns vier Papyri erhalten, die sich als Protokolle dieser Verhandlungen geben. Abwechselnd sprechen bald der Kaiser, bald die jüdischen oder griechischen Gesandten. Wir wissen, daß Philo einmal mit einer solchen Gesandtschaft nach Rom gegangen war und vor dem wahnsinnigen Kaiser Gajus vergeblich für die Juden gesprochen hatte. Leider sind diese Papyri in einem sehr zerfetzten Zustand auf uns gekommen. Noch am meisten ist von der Verhandlung unter Claudius zu erraten. Es war eine große Staatsratssitzung, an der 25 Senatoren, wahrscheinlich auch die Kaiserin, teilnahmen. Zwei Tage lang dauerte der Streit. Endlich wurden die Wortführer der Alexandriner, Isidoros und Larnpon, zum Tode verurteilt. Sie waren, wie wir aus Philos Schriften wissen, die Anstifter der Unruhen gewesen. Daß dies Urteil wirklich vollstreckt wurde, lehrt ein anderer Papyrus, der einen Gymnasiarchen Appian als alexandrinischen Gesandten vor dem Kaiser Antonius auftreten läßt und ausdrücklich den Tod jener beiden Vorgänger erwähnt. Eine dritte Verhandlung spielt vor einem Kaiser derselben Zeit, der von dem Vertreter der Alexandriner, Paulos, aufs heftigste geschmäht wird. Der Grieche hat nichts mehr zu verlieren und sieht dein Tode furchtlos entgegen. —- Alle diese an verschiedenen Orten Aegyptens gefundenen Fragmente gehören zusammen, sei es, daß sie ursprünglich einem Geschichtswerke entstammten, sei es, daß sie, ähnlich den christlichen Nr. 50 Märtyrerakten, den todesmutigen Kampf der alexandrinischen Märtyrer gegen die Juden verherrlichen wollten. Der Antisemitismus führte zur Zeit Trajans zu der großen Katastrophe: dem Aufstande der gesamten Judenheit Aegyptens und seiner Nachbarländer. Kein Geschichtsschreiber hat diesen Krieg geschildert, nur wenige unzuverlässige Einzelheiten sind uns überliefert, und auch die neugefundenen Papyri erleuchten nur blitzartig einige Situationen jener furchtbaren Zeit. Wir erfahren, daß die Bewohner der Stadt Oxyrhyncho den Römern damals Bundesgenossenhilfe geleistet hatten. Noch hundert Jahre später beriefen sie sich auf diesen wichtigen Dienst und feierten den Tag des Sieges als einen Festtag. An einer anderen Stelle scheint von Vorratskammern die Rede zu sein, die die Juden verbrannten. Sehr anschaulich heißt es in einem anderen Berichte: Die einzige Hoffnung und die Erwartung, die allein übrig war, war nun noch der Zusammenschluß der Dorfbewohner des Gaus gegen die gottlosen Juden. Aber das Gegenteil trat ein, denn die Unsrigen wurden bei einem Zusammenstoß besiegt und viele von ihnen zusammengehauen. —- Allmählich wurden dann die Juden von den römischen Legionen erdrückt, und die Folge dieses entsetzlichen Krieges war der Niedergang des jüdischen Hellenismus. Die enge Verbindung zwischen Griechentum und Judentum, die rein zahlenmäßig durch ein ungeheures Anwachsen des Proselytentums zum Ausdruck kommt, hört auf. Die Judenheit geht ihren eigenen national-gesetzlichen Weg. Die ethisch-religiöse Erbschaft tritt das Christentum an. 3. Die Schrift einer sadduzäischen Sekte. Die Anfänge des Christentums liegen sehr im Dunkeln. Der Geschichtsschreiber jener Zeit, Josephus, beachtete die kleine jüdische Sekte überhaupt nicht, weil er ihre künftige Größe nicht ahnte, und außer dem neuen Testament sind nur wenige jüdische Schriften aus jener Zeit erhalten. Unter diesen Umständen ist eine kleine hebräische Schrift, die von Schechter in der Geniza von Altkairo gefunden und im vorigen Jahre herausgegeben wurde, von epochemachender Bedeutung. In den 18 gut lesbaren Blättern sind uns die Statuten einer jüdischen Sekte wenigstens zum Teil erhalten. Aber die Sprache ist vielfach dunkel und rätselhaft, Ermahnungen und Anklagen wechseln miteinander ab, und erst allmählich versteht man, um was es sich eigentlich handelt. Da war zur Zeit des Tempelbestandes — angeblich 390 Jahre nach Nebukadnezar - in einer trostlosen Zeit des Abfalls der wahrhafte Lehrer aufgetreten, der dem Volke seine Sünden vorhielt. Aber nur wenige schlössen sich ihm an, während die Masse den Verächtern und Lügnern folgte. Eine neue Katastrophe trat ein. Die Sekte, die zum großen Teil aus Priestern bestand, kehrte dem Tempel den Rücken und siedelte sich in Damaskus an. Hier lebten sie nun nach Vorschriften, die ihnen ein großer Gesetzgeber gegeben hatte, und gerade diese Vorschriften sind es, die unser Interesse im höchsten Grade erregen. Die Grundlage bildete selbstverständlich der Pentateuch, aber er wurde in einer ganz anderen Weise ausgelegt, als wir es aus der pharisäischen Tradition, aus Mischna, Midrasch und Talmud kennen. Aus der überreichen Fülle der interessanten Bestimmungen seien nur einige wenige herausgehoben. Der Genuß des Honigs war verboten — während die Juden seit jeher bis auf den heutigen Tag diese Speise unbedenklich aßen. Und doch ist es einleuchtend, daß man auf Grund der Thora ebensowenig das Produkt eines unreinen Insekts, der Biene, hätte erlauben dürfen, wie man die Milch eines unreinen Tieres, des Esels oder des Pferdes, erlaubt hat. Eigenartig ist es, daß Fische geschlachtet werden sollen. Wer wäre je auf den Gedanken gekommen, daß schon im Altertum unter Juden die Polygamie untersagt gewesen wäre? Und doch steht das Verbot mit dürren, klaren Worten in DIE^KELT

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