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Die Welt · 1911-12-15 · 50 (15.12.1911) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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weder zur Rechten ab noch zur Linken und kehre nie um. Und kein Schrecknis darf dich abhalten. Wenn dich aber Furcht befällt auf deinem Wege, so sollst du nur die Worte sprechen: „AI tiro, awdi Jakow" (Fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob), und du wirst deinen Weg fortsetzen können heil und ohne Schaden. Und du wirst zu einem Tor kommen, davor die ewige Lampe brennt, das sollst du öffnen mit dem Schlüssel, den du hier unter dem Baume neben dir finden wirst, und dann, wenn du durch das Tor getreten, wirst du König David erblicken. Und er wird seine Hände dir entgegenstrecken. Neben ihm aber wirst du ein Krüglein sehen, gefüllt mit Wasser, das sollst du ergreifen und von dem Wasser auf seine Hände gießen — dann wird er sich erheben und den Messias bitten gehn, daß er Israel erlöse. Doch wisse: Wenn du im Angesichte des schlafenden Königs auch nur einen Augenblick vergißt, weswegen du gekommen, dann war dein Weg vergebens." Als Samuel erwachte, hielt er zuerst alles für einen Traum. Da sah er aber neben sich einen goldenen Schlüssel. Schnell nahm er ihn an sich und eilte vorwärts. Da sah er plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, ein großes Tor vor sich. Er trat ein, wie sein erster Gedanke war. Eine ungeheure Höhle öffnete sich vor seinen Blicken. Eisig kalt wehte es ihm entgegen, daß ihm das Herz erstarren wollte. Und je weiter er vorwärts ging, desto furchtbarer wurde die Kälte und desto grausiger belebte es sich ringsum. Dampfende Ungeheuer mit weitgeöffneten Rachen, in denen Feuerbrände lohten, schienen auf ihn losstürzen zu wollen, teuflische Gestalten streckten entsetzliche Krallen nach ihm aus. Er aber, bebend vor Frost, wiederholte nur immer: „AI tiro, awdi Jakow" und strebte mit starren Gliedern vorwärts, an immer neuen Schrecknissen vorüber, an Abgründen mit brodelndem Gischt, an furchtbarem Getier von unförmlichem Wuchs vorbei, immer seinen Spruch sprechend, und jetzt war er auch am Ende der Grotte angelangt — und siehe da, da war ein Tor, vor dein die ewige Lampe brannte. Samuel zog den goldenen Schlüssel hervor und öffnete das Tor. Und da saß König David schlafend in einem wundervollen Saal, schimmernd von Gold und Juwelen in nie gesehener Pracht. Das Herrlichste aber war ein Edelstein, glänzend in hundert Farben, der neben einem Tonkrüglein lag. Geblendet und entzückt streckte Samuel seine Hand aus, um nach dem Edelstein zu greifen — da hörte er einen tiefen Seufzer. Er kam aus dem Munde König Davids, der schon die Hände ausgestreckt gehalten hatte, wartend, daß das Wasser auf sie gegossen wurde, und nun zurücksank und weiter schlief. Tieferschreckt bemerkte jetzt Samuel, was er versäumt hatte. Hastig griff er nach dem Tonkrüglein — aber es war zu spät. Eine dröhnende Stimme rief: „Versäumt, um Goldesglanz und eitlen Tand das Heil versäumt!" Dann war ein Krachen, als ob das Gewölbe mit Donnergepolter zusammenstürzte, und Samuel verlor die Sinne. Als er die Augen wieder aufschlug, lag er auf freiem Felde, nicht weit von dem Städtchen, ans dem er dereinst ausgezogen. Und so, mein lieber Rafael, siehst du, warum der Messias noch nicht gekommen ist. Und weißt nun auch, wann er kommen wird: Wenn er gesucht werden wird von solchen, die reinen Herzens sind, und die sich durch nichts, nicht durch blinkenden Reichtum, nicht durch lockende Genüsse auch nur für einen Augenblick ablenken lassen von ihrem Wege, bis sie den schlafenden König geweckt haben. Neue Quellen zur jüdischen Geschichte*) Von Rudolf Leszynsky 2. Die Antisemitenpapyri. Die jüdische Militärkolonie von Elephantine blieb nicht die einzige ihrer Art. Genau wie die Perser machten es die griechischen Könige Aegyptens, die Ptolemäer, sie gebrauchten jüdische Söldner, um sich der Treue ihrer ägyptischen Untertanen zu versichern. Sie siedelten zu diesem Zwecke Juden in der Hauptstadt Alexandria in der unmittelbaren Nähe des königlichen Palastes an, und jüdische Generale befehligten zeitweilig die gesamte ägyptische Armee. Man hat alle diese Nachrichten neuerdings angezweifelt — wie konnten denn Juden Soldaten und Offiziere sein?! —, jetzt haben wir für alle diese Nachrichten aus dem reichen Material, das die Ausgrabungen zutage gefördert haben, die inschriftlichen Belege. In einer stark verstümmelten Inschrift lesen wir, daß der Sohn des Chelkias Feldherr war und für seine Verdienste durch die Verleihung eines goldenen Kranzes geehrt wurde. In der Nekropole von Alexandria, die die Gräber von Söldnern enthält, begegnen uns jüdische Namen, verschiedene Ortschaften heißen Judenlager, und wahrscheinlich bestand auch um den Oniastempel herum eine solche Militärkolonie, die einst Miene machte, einem römischen Heere entgegenzutreten. Ein Vorsteher der Wächter in der Stadt Athribis, namens Ptolemäus, stiftete zusammen mit den Juden der Stadt eine Synagoge, und in einer Reihe von Urkunden werden Juden als Nachkommen von Militäransiedlern erwähnt. Die Ptolemäer waren im allge- *) S. „Welt" Nr. 46. meinen judenfreundlich, sie verliehen den Synagogen das Asylrecht und wußten die Juden an die rechte Stelle zu setzen. Gerade das reizte aber auf der anderen Seite die Griechen, und so wurde Aegypten schon im Altertum das klassische Land des Antisemitismus. Es nützte den Juden wenig, daß sie sich assimilierten: Sie legten wie früher die hebräische, so jetzt die aramäische Sprache ab und nahmen die griechische an, die sie ausnahmslos in den Urkunden verwenden; sie betonen, daß sie ihre Söhne in griechischer Sitte erziehen, sie vertauschen ihre hebräischen Namen zum größten Teil mit griechischen — Herr Apoll(onios) nennt sich zwar noch „auf syrisch" Jonatan —, deshalb blieben sie doch die gehaßten Juden und mußten in eigenen Stadtquartieren wohnen. Es scheint fast so, als ob die Juden die mit Theo (Gott) zusammengesetzten Namen damals okkupiert haben. In vielen Fällen können wir bei Urkunden, die nur griechische Namen enthalten, nicht mehr wissen, ob sich unter dem fremden Kleide vielleicht ein Jude verbirgt. — Ob damals schon ein wirtschaftlicher Antisemitismus entstand, ist eine offene Frage. Daß einmal ein Jude, dessen Name unbekannt war, anscheinend ein Pferd nicht richtig abgeliefert hat und ein gestohlener Mantel in einer Synagoge deponiert sein soll, macht die Juden noch lange nicht sämtlich zu Pferdehändlern und Dieben, und die jüdischen Steuerpächter und Finanziers, über die sich neuere Gelehrte lange Zeit ausgiebig freuten, haben sich nunmehr zum großen Teil als Domänenpächter und Landwirte entpuppt. Daß die Juden aber doch Geldverleiher waren,

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