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Die Welt · 1911-12-15 · 50 (15.12.1911) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Märchen vom schlafenden König Von Berthold Feiwel Wann er kommt? Wann der Messias kommt, der die Juden aus aller Not und Drangsal befreien wird? Weißt du, mein lieber Rafael, genau so wie jetzt du, so fragten schon unzählige jüdische Kinder. Denn, nicht wahr, das wüßte doch jeder gar zu gerne, wann die goldene Zeit voll Friede und Freude kommen wird, die der Messias mitbringt, lind so fragte auch einst der Knabe, von dem ich dir jetzt erzählen will, seinen alten, alten Lehrer. Wie der Knabe hieß? Samuel hieß er. Aber er lebte nicht hier, sondern tief in Rußland, in einem kleinen jüdischen Städtchen, und lebte und wohnte da in einem niedrigen Häuschen bei seinem Lehrer, der Reb Juda hieß. Das war ein kleiner Mann, kaum höher als ein Tisch, und dazu noch hatte er einen Höcker. Aber so klein er war, so groß war seine Weisheit, und so häßlich sein Buckel war, so schön konnte er reden. Ja, Reb Juda wußte gar mancherlei, was viele vor ihm nicht gewußt haben und viele nach ihm nicht wissen werden.. Denn Tag und Nacht, bis er schneeweiß geworden war, hatte er in der Heiligen Schrift gelernt und geforscht, bis ihm jeder Buchstabe vertraut war wie die Finger an seiner Hand. Dazu noch hatte er von Vätersvätern her allerlei erfahren, was nur die Weisesten verstehen und nur ein Weiser dem andern anvertraut. Und so wußte er auch manches von den Wundern und Geheimnissen des Messias. Und wie sie nun einst, es war schon Nacht, beim Scheine eines Lämpchens zusammensaßen und wieder vom Messias redeten, da war es, daß Samuel seinen alten, alten Lehrer fragte: „Wann aber wird Messias kommen?" Das war eine Frage, die Reb Juda wohl erwartet hatte. Denn es leuchtete freudig auf in seinen Augen und er sprach: „Lange, lange noch müßte es dauern, ehe Messias kommt. Denn nicht früher will er kommen, als bis das Maß der jüdischen Leiden voll ist. Und doch könnte er morgen schon da sein, nein, heute schon, wenn einer bei ihm Fürbitte einlegte, dem er keinen Wunsch unerfüllt lassen kann. Und dieser eine — fuhr Reb Juda fort, und seine Stimme senkte sich zu geheimnisvollem Flüstern — ist David, König David, der nicht gestorben ist, wie die meisten glauben, sondern nur schläft in einem verschlossenen Gemach. Dort muß man ihn aufsuchen und ihn bitten, daß er zu Messias rede als Fürsprecher der Juden, und dann, wann immer es sei, wird auch Messias, der Befreier, kommen." Samuel horchte hoch auf. Reb Juda aber sprach weiter: „Greis und weiß bin ich geworden, bis ich dies ergründet und bis ich erfahren, wo König Davids Schlafstätte zu finden ist. Zu alt und zu schwach sind nun meine Glieder und sie würden mich nicht mehr hintragen zum heiligen Ort. Du aber, mein Schüler, sollst erfüllen, was ich nicht mehr vermochte. Du sollst hinziehen zur geweihten Stelle und den schlafenden König wecken, auf daß er den Messias sende. So höre denn, wie du den Weg findest zu König Davids Grab . . Kaum aber hatte Reb Juda soweit gesprochen, da erlosch das Lämpchen, die Fenster flogen auf, ein Rauschen wie von mächtigen Flügeln war in der Luft, und plötzlich flammte ein Feuerschein auf und legte sich wie ein glühendes Band auf Reb Judas Lippen. Dann erlosch und verstummte alles. Reb Juda aber sprach kein Wort mehr. Zitternd vor Schreck schmiegte sich Samuel an seinen Lehrer, doch der blieb unbeweglich und stumm. Und Samuel erkannte, daß sein teurer Lehrer tot war. Sieben Tage betrauerte er ihn in tiefem Schmerze. Am achten Tage aber erhob er sich, und in seinem Herzen stand der Entschluß fest: Er wollte König Davids Schlafstätte suchen, ob auch Reb Juda das Geheimnis des Weges dahin mit ins Grab genommen, bis er sie finde. Keinen Tag mehr wollte er säumen. Also machte er sich auf den Weg. Und jeden, der ihm begegnete, fragte er: „Vielleicht wisset Ihr, wo König David schläft?" Aber keiner wußte es ihm zu sagen. Die einen antworteten gutmütig: „Davon haben wir nie etwas gehört." Die andern aber lachten ihn aus und hielten den Knaben für verrückt: Denn König David sei schon Jahrtausende tot und liege im Grabe. Die dritten gar wurden zornig, da sie meinten, daß er sie zum Besten halte und fuhren ihn böse an. Aber Samuel ließ sich nicht abschrecken. Tag um Tag und Monat um Monat und endlich'Jahr um Jahr verging und er wanderte weiter und immer weiter. Ohne Ende könnte man da erzählen von den Ländern und Menschen, die er gesehen — und jedes wäre eine Geschichte für sich. Wie er ins blaue Land kam, wo die Erde hlauer ist als der Himmel und die Wälder blauer sind als das Meer. Und ins Spiegelland, wo man durch alle Dinge durchsehen kann, als wären sie kristallenes Glas. Und ins Sandland, wo er wahrhaftig schon glaubte, sein Ziel erreicht zu haben. Denn vor seinen Augen, zum Greifen nahe, sah er plötzlich ein Schloß mit hohem Turmgemach und im Turmgemach sah er ihn selbst — es konnte kein anderer sein — den König David, die Harfe zu seiner Linken, das Schwert zur Rechten, das gekrönte Haupt im Schlaf geneigt. Wie er aber in beflügelter Eile näher kam und sich schon an der Schwelle des Schlosses glaubte, da zerflossen Mauern und Zinnen in eitel Luft und um ihn war wreithin, weithin nichts als roter Sand. . . . Und wie er ins Land der Lachenden kam, die ihn nicht eher fortließen, als bis er sie das Weinen gelehrt, und ins Land der Weinenden, die das Lachen von ihm lernten. . . . Ohne Ende könnte man erzählen. Dabei war er schon zum Manne herangewachsen, und soviel Länder und Städte und Menschen er gesehen, soviel Mühsal hatte er auch erlitten: Hunger und Kälte und Hitze und Durst hatten ihn gepeinigt, wütendes Getier und wilde Menschen hatten sein Leben bedroht. Aber allen Gefahren hatte er getrotzt, und immer weiter ging sein Weg. Und wieder verging Jahr um Jahr unter Mühsal und Fährlichkeiten aller Art, und noch hatte er keine Spur gefunden. Da wurde er mählich müde und verzagt und dachte, daß er wohl bis an sein Lebensende nichts mehr erfahren werde von der Stätte des schlafenden Königs. Wie er aber nun einmal, bedrückt von Kummer und Zweifel einschlief, da war es ihm plötzlich, als stünde ein Mann neben ihm mit wallend-weißem Bart, in silbernem Talar und mit Flügeln zur Seite, wie sie die Engel haben. Der faßte ihn an der Hand und sagte: „Du suchst König Davids Schlafstätte? So wisse denn: Du wirst sie finden, wenn du geradeaus deinen Weg nimmst, so wie es dein erster Gedanke dir sagt. Weiche

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