Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1 352 DIE] liehe Schmerzraserei verfiel: er wähnte, den Leichnam durch unaufhörliches Anrufen beleben zu können, gab der Dienerschaft den Befehl, von der Fürstin so zu sprechen, als wäre sie noch am Leben, ließ die Leiche einbalsamieren, um sich die Täuschung erhaltenen Lebens zu wahren. Einige Erleichterung verschaffte er sich endlich dadurch, daß er die Richter der Mariarnne umbringen ließ. Dann verfiel er in schwere Krankheit, von der er nur zu neuem Blutvergießen sich erheben sollte. Die ganzen komplizierten und hochtragischen Seelenkonflikte, die sich um das Leben und Sterben der schönen Mariarnne herum entwickelten, sind in wunderbarer Weise dichterisch veranschaulicht von Hebbel in seinem Trauerspiel „Herodes und Mariarnne". Unter den Nachkommen der Mariarnne müssen noch zwei Frauengestalten genannt werden, eine Enkelin und eine Urenkelin. Herodias, eine Schwester der jüdischen Fürsten von Roms Gnaden Agrippa I. und Herodes IL, ließ sich von ihrem Schwager entführen und illustrierte damit, wie weit römische Sittenlosigkeit und die Verachtung der strengsten Religionsgesetze auch bei den hasmonäischen Frauen bereits eingerissen war. Ihrem Bruder Agrippa, dem sie in trüben Zeiten schwesterliches Mitleid und Gastlichkeit gewährt hatte, neidete sie später den Aufstieg zu Macht und Glanz und zettelte am .römischen Hof Intrigen gegen ihn an. Sie fiel aber in die Grube, die sie gegraben, und wurde mit ihrem des Thrones verlustig erklärten Gatten nach Frankreich in die Verbannung geschickt. Seitdem meldet kein Blatt der Geschichte von weiteren unrühmlichen Taten dieser Frau. Ihre Tochter Salome lehrte auch verhärtete Gemüter das Gruseln, als sie in perverser Sinnlichkeit Johannes dem Täufer das Haupt abschlagen ließ und mit dem noch blutenden Kopf einen orgastischen Tanz aufführte. Auch diese monströse Figur ist in Drama und bildender Kunst vielfach festgehalten worden. Die letzte Hasmonäerprinzessin war Berenice, Tochter des vorher genannten Agrippa. Besser als ihre Schwestern Drusilla und Mariarnne IL, die es ebenso arg wie die römischen Prinzessinnen jener Zeit trieben, war doch auch Berenice ein - mehr mitlcidwürdiges als verdaminenswertes Bild des Verfalls jenes großen, hochgemuten Geschlechtes, das über Juda erst soviel Glanz, dann aber soviel Erniedrigung brachte. Auch Berenice ist bei den Dichtern aller Nationen ein beliebter Vorwurf poetischer Gestaltung geworden: Racine, Corneille, Otway und andere haben sie verewigt. Sie wetteifert in der Geschichte an ungewöhnlicher Schönheit mit Mariarnne. „Blühend in Schönheit und Jugend" schildert sie Tacitus; selbst mit 40 Jahren noch muß sie außerordentliche Reize besessen haben, da es ihr gelang, Titus in Liebe an sich zu fesseln. So wurde sie die Geliebte dessen, der ausgesandt war, ihr Volk zu vernichten. Dennoch behielt sie auch bei den Juden eine EELT Nr. 50 starke Popularität, zum Teil wohl wegen ihrer bestrickenden Schönheit, hauptsächlich aber, weil sie in all ihren eitlen Tändeleien die Sache ihres Volkes nie vergessen hatte. Als im Jahre 66 auf des Statthalters Gessius Florus Befebl zu Jerusalem ein furchtbares Gemetzel anhub, begab sie sich unter persönlicher Lebensgefahr zu ihm. Zwar erreichte sie trotz fußfälliger Bitten nicht die Einstellung des Blutbades, da die Grausamkeit eines Gessius nicht einmal vor dem zarten Flehen des anmutigsten Weibes hinschmolz. Aber ihre Beliebtheit wuchs durch diesen Akt der Selbstverleugnung dermaßen, daß es ihr ein Leichtes war, die jüdischen Legionen im Jahre 69 für die Proklamation Vespasians zum Kaiser zu begeistern. Nun war sie die Favoritin des römischen Thronfolgers und träumte sich wohl schon als Gemahlin des Beherrsdhers der Welt. Doch auch dann vergaß sie nimmer ihres unglücklichen Volkes. Während das Schicksal der heiligen Stadt sich der Vollendung näherte, blieb sie bemüht, wenigstens das Schlimmste, die Zerstörung des Tempels, abzuwenden. Noch am 8. Ab gelang es ihren Bitten, daß Titus, auf dessen Befehl soeben die Außenwerke des Tempels in Brand gesteckt waren, die Löschung des Brandes gebot. Als am 9. Ab, ohne besondere Anordnung, abermals Feuer an die heilige Stätte gelegt wurde, befahl Titus wiederum, es zu löschen; aber die lang hingehaltene Zerstörungs- und Plünderungswut der römischen Soldateska kannte keinen Halt mehr, und der Tempel sank in Trümmer. Berenice folgte dem Sieger nach Rom, wo sie in Titus'Palast eigene Gemächer angewiesen erhielt. Trotzdem sie dem Matronenalter nahe war, wurde sie als die schönste Frau des Zeitalters gefeiert, und Titus blieb eifersüchtig in sie verliebt. In Athen wurde ihre Büste an öffentlichem Platze aufgestellt und mit der Inschrift geschmückt: „Die große Königin Berenice, die Tochter des Königs Agrippa, die Enkelin großer Könige, der Wohltäter der Stadt". Zehn Jahre lebte sie so in Rom, und Titus hätte sie zweifellos zur rechtmäßigen Gattin gemacht, wenn der Antisemitismus einflußreicher Hof- und weiter Volkskreise es zugegeben hätte. Das Verhältnis wurde schließlich gelöst. Die Sage berichtet, daß Berenice nach Jerusalem zurückgekehrt sei und in ihrem Elend erst des traurigen Geschickes ihres Volkes ganz inne geworden sei. An des Tempels Trümmerstätte soll sie oft und lange geweilt haben, ihren eigenen Fall und den der heiligen Stadt bitterlich beweinend, verlassen von aller Welt und einsam unter Ruinen. So hat sie der Pinsel eines Malers unserer Zeit dargestellt — Berenice, ein sinnvolles Gleichnisbild von ganz Israel: von altem Adel und hoheitsvoller Schönheit, die auch Alter und Leiden nicht zerstören konnten, in Zeiten des Verfalls an Fremde sich hängend, doch nie ganz seiner selbst und einer großen Vergangenheit vergessend, von den Fremden mißachtet, zuletzt zu sich und den eigenen Idealen heimkehrend! Die jüdischen Münzen des Bezalel-Museunis in Jerusalem Von S. Raffaeli Als ich die Sammlung alter Münzen im Bezalel- Museurn durchging, versprach ich Prof. B. Schatz eine Beschreibung der jüdischen Münzen dieser Sammlung. Bevor ich nun diese kleine Sammlung schildere, halte ich es für angebracht, eine kurze Einführung zur Geschichte der jüdischen Münzen zu geben, Alle Erzählungen über Münzen von Abraham, Josua, David, Salomon und Mordechai (Bereschith Rabbah) sind nichts als Legenden. Es gab zu keiner Zeit Münzen in hebräischer Quadratschrift, und vor der Makkabäer- Periode existierte überhaupt keine jüdische Münzen* prägung.