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Die Welt · 1911-12-15 · 50 (15.12.1911) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 50 . blEJ geizige Aristobul kerkerte die Mutter ein und bemächtigte sich der Nachfolge. Aber er sollte sich nicht lange der Gewaltherrschaft erfreuen; denn er starb nach kaum zweijähriger Regierung, indem er in einer von ihm selbst angezettelten Intrige zu Falle kam. Seine Witwe heiratete den Bruder und Nachfolger Aristobuls, Alexander Jannai. Als dieser nach 26jähriger Herrschaft starb, übernahm sie selbst die Zügel der Regierung. Sie fand eine schwere Aufgabe vor: die Beruhigung und Ordnung eines Staatswesens, das durch vieljährige Kriegswirren erschüttert und durch innere Parteikämpfe zerrüttet war. Aber sie hatte schon 30 Jahre lang an Regierungsgeschäften mit Eifer sich beteiligt und aus all den Irrungen und Wirrungen gelernt, so daß es ihr nicht schwer fiel, die Lage des ganzen Gemeinwesens zu sanieren. Wenn der Todestag Alexanders Jannai von den Pharisäern, die dabei die übergroße Mehrheit des Volkes hinter sich hatten, als Freudentag eingesetzt wurde, so geschah das mit Recht, nicht nur deshalb, weil damit eine arge Mißregierung, die den Staat schon damals an den Rand des Abgrundes gebracht hatte, ein Ende nahm, sondern mehr noch deshalb, weil nun eine Periode wachsender Beruhigung des Landes und innerer Stärkung anbrach. Salome Alexandra also war es vorbehalten, das Staatsschiff wieder in das Fahrwasser gedeihlicher Ordnung und friedlicher Entwicklung zu leiten. Ebenso klug wie energisch, ebenso fromm wie milde, berief sie zunächst, um der Stimmung der Massen zu genügen, wieder die Pharisäer in die Leitung des Synhedriums: Simon ben Schetach, der ihr Bruder gewesen sein soll, und Juda ben Tabbai wurden Vorsitzende des Synhedriums und erhoben dieses unter dem Schutze der königlichen Macht wieder zum Range des obersten Gerichtshofes in religiösen und bürgerlichen Rechtsfragen. Aber bei allem Eifer, die in unruhigen Zeitläuften aus den Fugen geratene Rechtspflege aller Willkür zu entziehen und das erschütterte Ansehen des Religionsgesetzes wieder zu voller Geltung zu bringen, verband sie mit der Strenge ihrer männlichen Ratgeber vorteilhaft die weibliche Milde und blieb, selbst eine warme Anhängerin der Pharisäer, zugleich eine milde Schützerin der Sadducäer gegen unnötige Härten der Gerichte. Ihre Menschengüte ward übel gelohnt. Als sie nach neunjähriger, überaus segensreicher Regierung schwer erkrankte, begannen die Sadducäer sofort mit argen Umtrieben, welche an ihrem tatenlüsternen Sohn Aristobul willkommene Stütze fanden, und als das Zepter ihrer sterbenden Hand entglitt, war schwerer Bruderzwist im königlichen Hause und der Bürgerkrieg bereits in vollem Gange. An einer Stelle des Talmuds wird die Auffassung vertreten, daß die Hasmonäerherrschaft, die mit Simons Erwählung zum Volksfürsten (142) begonnen, mit dem Tode der Salome Alexandra (70) ihr Ende gefunden habe. Mit Recht, denn die weise Friedensherrschaft dieser Frau umgab noch einmal das Haus und die Zeit der Hasmonäer mit vollem Glänze, ehe das Verhängnis über Judäa hereinbrach. Ueberdies war Salome Alexandra die hervorragendste weibliche Gestalt der Hasmonäerzeit, mögen andere Namen auch im Munde der Nachwelt geläufiger sein. Ihre politischen Talente lebten wieder auf in einer Enkelin Alexandra, welche auch einem Hasmonäerfürsten vermählt war. Es war ihr jedoch nicht vergönnt, ihre staatsmännische Begabung selbständig und in positiver Richtung zu betätigen. Sie erschöpfte sich vielmehr in der geschäftigen Abwehr innerer UmftELT 1351 triebe, die das Gemeinwesen immer tiefer unterwühlten, und im passiven Widerstande gegen die wachsende Begehrlichkeit des unersättlichen Rom, dem sich der Ehrgeiz und die Herrschsucht des Idumäers Antipater und seiner Söhne Herodes und Phasael verbündet hatte. Nicht politische Taten also waren dieser Alexandra vergönnt, sondern politische Ränke und Intrigen waren der ärmliche Inhalt ihres Lebens, das schließlich Herodes' Henkern zum Opfer fiel. Ihrer Ehe waren zwei Kinder entsprossen: Aristobul III. und Mariamne — jene, durch ihre Schönheit und ihr tragisches Geschick so berühmt gewordene Frau, die von den ersten Dramatikern verschiedener Völker — ich nenne nur Calderon, Voltaire, Hebbel — verewigt worden ist Jugend und Lebensglück mußte sie einem aus politischen Gründen geschlossenen Ehebunde opfern: ihr eigener Großvater, der bis zum Schwachsinn schwächliche Hyrkan, gab sie, als Unterpfand seiner Treue, dem Herodes zur Gattin, dem Manne, der wenige Jahre zuvor den Mörder für ihren Vater gedungen hatte. Zu Samaria reichte er ihr im Jahre 37 die bluttriefende Hand zum Bunde. Das waren trübe Flitterwochen in einer vom Bruderkrieg getränkten, von verwilderten Kriegerhorden verwüsteten Landschaft. Und schon rüstete der zärtliche Gatte zur Belagerung Jerusalems. Es erlag der erdrückenden Uebermacht römischer Truppen, und der letzte Hasmonäerfürst Antigonus, ein Onkel der Mariamne, ward auf Herodes' Befehl ans Kreuz geschlagen. Mariamne mußte weiterhin mitansehen, wie ihr Bruder, der schöne Aristobul, und ihr Großvater, der 80jährige Hyrkan, der Familienfeindschaft und Blutgier des Herodes und seinem Mißtrauen, das von einem schlechten Gewissen genährt war, zum Opfer fielen. Auch die letzten Reste ihrer Familie, ihre Mutter und ihre Söhne, fielen, allerdings erst nach ihrem Tode, von der Hand des Herodes. Ihr eigenes Ende war nur die Vollendung eines tragischen Lebens: der Argwohn und die Eifersucht des Herodes entschied auch ihr Schicksal. In den heiligsten Gefühlen für ihre Familie immer aufs neue schwer verletzt, in ihrem Makkabäerstolz gekränkt, von dem herrischen, wenn auch rasend verliebten Gatten oft gepeinigt, hatte sich diese stolze Seele immer mehr in sich selbst zurückgezogen, hüllte sich in die eisige Kruste der Unnahbarkeit, um die Welt nicht die tiefen Wunden ihres Herzens, den Gatten nicht den schweren Konflikt zwischen Frauenliebe und Makkabäerhaß merken zu lassen. Diese kühle Zurückhaltung mußte dem Mißtrauen des Tyrannen erst recht Nahrung geben, und Palastintrigen sorgten dafür, daß er darin immer mehr bestärkt wurde. Zuletzt entschloß sich Herodes, um den Peinigungen seiner Eifersucht sich zu entziehen, das Objekt derserlben aus der Welt zu schaffen. So machte er Mariamne den Prozeß und fand gefällige Richter, die sie zum Tode verurteilten — — sie, die in all der Sittenverderbnis um sie herum, mitten in den Hof- und Familienintrigen und dem Blutvergießen, ein keusches Herz und eine reine Hand bewahrt hatte! Mariamne tat nichts zu ihrer Verteidigung, nichts, um Herodes für sich zurückzugewinnen. Nein, sie wollte dieser Welt, vor der ihr graute und ekelte, entrückt sein, wollte ihren grenzenlosen Seelenqualen ein Ende gesetzt sehen. Herodes selbst zögerte, das Todesurteil vollstrecken zu lassen; aber seine teuflische Schwester Salome, die ihm an Nichtswürdigkeit, nicht audi an Größe gleichkam, peinigte ihn derart mit Aengsten des Mißtrauens, daß er schließlich den Befehl zur Hinrichtung gab, Kaum war sie vollzogen, als er in form-

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