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Die Welt · 1911-12-15 · 50 (15.12.1911) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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tem, politisch-orientiertem Volkstum lenken. Meine Schlußfolgerung ist: Es ist nicht von Vorteil, wenn die Frömmigkeit dem werdenden und sich aufbauenden Volkstum immer wieder i n d i e S p e i c h e n g r c i f t. Es gibt eben eine konstitutive Religiosität und eine destruktive Frömmigkeit, sagen wir: Frankfurter oder Beizer Couleur. Es wird unser großes Glück sein, wenn unser Volk von der hemmenden und destruktiven Frömmigkeit zur fördernden und konstitutiven Religiosität sich erheben wird. Dann wird unser Volkstum neu erstehen und sich ungehemmt zum Größten entwickeln. Frauengestalten bei den Makkabäern Von Dr. Karl Jeremias-Posen In allen noch jüdischen Häusern spricht man in diesen Tagen von den Makkabäern. Eine wundersame Auferstehung des Volksgedankens in Israel hat es zuwege gebracht, daß in vielen Häusern, wo ehedem nur die Lichter des Weihnachtsbaumes brannten, heute die Lichter an der Chanukkamenorah wieder aufflammen, heute neues Feuer in den Herzen erglüht, ein Aufleuchten neiljüdischer Begeisterung aus den Augen der Jugend wiederstrahlt. Wie seltsam aber, daß man immer nur von den Makkabäern, fast nie von ihren Frauen spricht; um so verwunderlicher, da ja in der Geschichte des jüdischen Volkes, mehr als in der Entwicklung manches anderen, die Frauen eine außerordentliche Rolle gespielt haben und darum auch in der Historie einen bevorzugten Platz einnehmen. Von der ersten Frau, Eva, angefangen, über die drei Erzmütter — unter denen Rahel als das unvergängliche Bild weiblicher Reinheit und Anmut hervorleuchtet —, zu den Prophetinnen Mirjam, Hulda und Deborah, die als „Mutter Israels" hohen Ruhm erlangte, weiterhin zu Ruth und Isebel, Esther und Judith und zur gelehrten Beruria des Talmuds führt eine lange Reihe hochbedeutender Frauen, neben denen eine noch weit größere Zahl immerhin auch soweit historische Bedeutung erlangten, daß ihre Namen bis auf den heutigen Tag erhalten sind. Und nichts schlägt mehr aller Wahrheit und Gerechtigkeit ins Gesicht als die Behauptung, daß die Juden in alten Zeiten nur die „Trägerin der Sünde" in dem Weibe gesehen hätten — — ein Märchen, das selbst ein so vorurteilsloser Mann wie Sombart in seiner Wirtschaftsgeschichte der Juden auftischt. Auch in der Geschichte des Hasmonäergeschlechres treten zahlreiche Frauengestalten charakteristisch hervor, mit den männlichen Figuren wetteifernd erst an Größe und Würde, später leider auch an Verderbnis und Würdelosigkeit, so daß man wohl sagen kann, daß sie mit den Männern an dem Aufstieg und Niedergang dieses stolzen Geschlechtes und jener großen Zeit gleichen Anteil gehabt haben. Diee Mutter der fünf Makkabäer, also die Frau des Mattithjahu, ist nicht bekannt Als „Makkabäermutter" figuriert in der Geschichte jene Hannah, die ihre sieben Söhne in unerschütterlicher Glaubensstärke zum Märtyrertod anfeuert, ehe sie denn den einig-einzigen Gott verleugneten. Der deutsche Dichter hat in seinem herrlichen Drama „Die Makkabäer", das jeder Jude gelesen haben sollte, den fünf Heldensöhnen eine Mutter Leah gegeben und sie mit sehr charakteristischen Zügen jüdischer Mütter ausgestattet, dazu mit der Märtyrerkrone jener Hannah geschmückt, indem er auch sie vor den Augen des Syrerkönigs mehrere Söhne dem Feuertod preisgeben läßt. Aber, wie gesagt, die Ueberlieferung berichtet uns leider nichts von der Mutter des kühnen Heldengeschlechts, das noch heute, wenn wir sein gedenken, unsere Brust höher schlagen macht Der Talmud weiß nur von einer Schwester der Makkabäer; er leiht ihr die Züge der Judith, die dem König Holofernes in liebender Umarmung den Kopf abschlägt und damit ihr Volk aus höchster Not befreit. Also soll des Mattithjahu Tochter mit dem Könige Antiochus Epiphanes verfahren sein; doch das ist historisch nicht beglaubigt und sollte eben nur erwähnt sein. J u d a, der erste und bei weitern bedeutendste der Makkabäer, scheint unbeweibt geblieben zu sein. Wir können uns auch kaum vorstellen, daß er des friedlichen Glückes der Ehe, der versöhnenden Macht der Liebe inne geworden wäre. Wenn wir einen großen Mischnahlehrer hatten, der nicht heiratete, um dem Studium der heiligen Lehre Zeit und Interesse ungeteilt zu erhalten, so muß Juda erst recht als der große Tatmensch gedacht werden, der nur eine, sein ganzes Leben erfüllende, nichts anderes neben sich duldende Aufgabe kannte: sein Volk von dem Dränger zu befreien, ihm die freie Glaubensübung und die staatliche Selbständigkeit wieder zu erringen. Der Löwe Juda hatte gewiß nichts übrig für zarte Empfindungen. Kämpfen, Siegen, Sterben — — das war seines Lebens einziger Inhalt! Zwei seiner Brüder, E 1 e a s a r und J o c h a n a n , starben sehr jung, noch ehe sie recht in den Kampf jener Zeit eingegriffen; sie waren wohl auch noch nicht dazu gekommen, sich unter den Töchtern des Landes umzusehen. Jonathan aber war zweifellos beweibt; eine Tochter von ihm genießt den zweifelhaften Ruhm, die Stammutter des Geschichtsschreibers Flavius Josephus zu sein, jenes charakterlosen Volksverräters, der freilich als Historiker an Bedeutung und Originalität wohl noch heute unübertroffen ist Die erste Hasrnonäerin, von der wir etwas mehr erfahren, ist Simons, des jüngsten Makkabi, Frau. Nachdem Simon durch den eigenen Schwiegersohn Ptolemäus umgebracht war, wurde sie von ihm gefangen gesetzt, um bei den bevorstehenden Kämpfen als Geisel Verwendung zu finden. Bald darauf zog Jochanan — in der Geschichte als Johann Hyrkan bekannt — heran, um Ptolemäus in der Feste Jericho zu belagern. Da ward die Mutter auf die Mauer geschleppt und vor den Augen des Sohnes mißhandelt, um ihn schwach zu machen und zum Abzug zu bewegen. Hyrkan wich entsetzt zurück; aber seine Mutter, eine echte Makkabäerfrau, feuerte ihn an, ihrer nicht zu achten und alles daran zu setzen, um den schändlichen Meuchelmord des Vaters zu rächen. Jochanan raffte allen Mut zusammen und schickte sich zum Sturm an. Aber vor der erneuten Mißhandlung der Mutter schmolz sein Herz, und schließlich zog er ab. Die Mutter blieb in der Gewalt des Ptolemäus und mußte dann doch den Tod erleiden. Johann Hyrkan übergab, bevor er starb, seiner Gattin die Zügel der Regierung. Aber der gewalttätige und ehr-

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