Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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\ -\ Nr. 50 DIEÜ der sie nicht für die Dauer frei werden und frei bleiben ließ. Sie waren, um es mit einem Worte zu sagen, viel zu fromm und viel, sehr viel zu wenig politisch reif. Man mißverstehe mich nicht! Es fällt mir sicherlich flicht ein, die pharisäische Religiosität irgendwie gering zu achten. Ueber den Wert der pharisäischen Welt- und Lebensanschauung hat die ehrliche Geschichtsforschung das ursprüngliche, parteiisch gefärbte abfällige Urteil schon längst ausgiebig berichtigt, sogar in nicht-jüdischen, also in recht voreingenommenen und befangenen Kreisen. Für uns Juden war es seit jeher ein in der Empfindung und der Erkenntnis absolut feststehendes Axiom, daß die pharisäische Religiosität das Innigste und Reinste war, was die Weltgeschichte überhaupt auf dem Gebiete der Religion aufzuweisen hat. Und daß der nationale Grundton dieser Religiosität nicht fehlte, könnte man schon aus dem nationalen Wesen der jüdischen Religion deduzieren, wenn man es nicht auch sonst genau wüßte, wie man es tatsächlich eben aus den schweren Makkabäerkämpfen weiß. Ebenso ist es klar und aller Welt bekannt, daß Religion schlechthin, und zwar jede organisierte Religion, ein staatbauendes und staaterhaltendes Element allerersten Ranges ist. Man kann also von einer Frömmigkeit welcher Art immer nicht so leichthin aussagen, daß sie staatzerstörend gewirkt hat. Und doch war es hier zweifellos der Fall. Es war tatsächlich so. Die Pharisäer standen da wie eine von Gott eingesetzte Frömmigkeitswache und sahen den um die Befestigung der Staatsmacht und die Erweiterung der Reichsgrenzen ringenden Hasmonäern unaufhörlich auf die Finger, ob sie nicht um Haaresbreite irgendeine religiöse Einzelvorschrift zu verletzen sich anschickten. Kaum argwöhnten sie irgend etwas Derartiges, waren sie gleich hinterher und gaben nicht nach. Schon bei Ausbruch der Makkabäerrevolution sollen im Lager der Aufständischen weitläufige Diskussionen stattgefunden haben, ob man sich gegen einen feindlichen Ueberfall am Sabbat wehren darf. Nun, Juda Makkiabi, vielleicht gar noch der alte Mattithjahu, war Autorität genug, um die Entscheidung im Sinne und zugunsten der Staatsraison durchzusetzen. Aber die Diskussion an sich ist nicht wenig bezeichnend. Und dann das mit Johann Hyrkan. Der sonst unbekannte Juda ben Gerim, der beim königlichen Siegesschmaus dem Könige die Hohepriesterwürde abspricht, weil dessen Mutter einst in Gefangenschaft geraten sein soll — dieser taktlose Herr mag an sich unbedeutend sein, aber symptomatische Bedeutung kann dieser Begebenheit nicht abgesprochen werden. Es zeugt vom einer unglaublich staatsfremden Stimmung, wenn so etwas nur möglich war. Ein Symptom anderer Art ist der unerquickliche und unvermittelte Aufruhr gegen Alexander Jannai. Er hat gegen eine pharisäische Anordnung verstoßen, eine Bestimmung, die unserm heutigen Empfinden vollständig fremd ist, der aber damals wegen des in ihr liegenden Gegensatzes zur sadduzäischen Auslegung sehr wohl einige Bedeutung innewohnte. Aber er war ein Mehrer des Reiches, aber er war ein sieggekrönter und achtunggebietender König. Solche Könige genießen bei politisch Vollreifen Völkern unendliche Heldenverehrung. Die Pharisäer sahen jedoch nur den Verstoß und gerieten in Wut und vergaßen all das Große, das er dem Staate geleistet. Darin eben kommt der Begriff „zu fromm" zum Ausdruck. Wer weiß, ob nicht das spitze Kohelethwort: „Sei nicht all- £ELT 1349 zu fromm!" gerade in derartigen Erscheinungen seine Wurzel und Quelle hat. Gewiß ist es das unvergängliche Verdienst der Pharisäer, daß sie — und zwar später sie ganz allein — das Judentum erhalten haben. Sie hätten es aber voller und frischer und schöpferischer und vor allem glücklicher erhalten, wenn sie bei ihrer tiefen Religiosität und hervorragenden Sittlichkeit, aber bei weniger Ueberfrömmigkeit, mehr Bürgersinn und Staatsfreudigkeit gehabt hätten. Dann hätte sich das Staatsgefüge innerlich stark gefestigt, Volk und Dynastie wären in einander gewachsen, die Reichsgrenzen hätten sich mächtig erweitert, und Judäa wäre allen Angriffen gegenüber gerüstet gewesen. Das schwebte wohl den Hasmonäern vor, aber die Pharisäer zogen nicht mit. Sie klammerten sich an einzelne Vorschriften und dachten nicht an das Ganze. So kam es, daß die Hasmonäer mit ihnen nicht regieren konnten. Sie waren eben nicht regierungsfähig. Und die Hasmonäer wandten sich den Sadduzäern zu, wahrscheinlich bloß „der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe." Und diese dünne Schicht von Aristokraten, denen wohl die Kunst des Regierens im Blute lag, die aber den Weg zur Volksseele verloren hatten — diese dünne Schicht genügte nicht, um den jungen Staat bis in die Fundamente hinein zu festigen. Was dann kam, war eine notwendige Folge dieser unglückseligen inneren Zerrissenheit. Man rief beim Bruderkampf selbst den Feind ins Land. Und er hatte leichtes Spiel. Das Volk war ja nicht mit der ganzen Seele bei der Verteidigung des Staates. Es wird beinahe stereotyp bei jeder größeren und entscheidenden Niederlage berichtet, daß sie am Sabbat erfolgte, denn das Volk wollte wegen des von den Pharisäern wohl wenig geliebten Staates nicht den Sabbat entweihen. Man wußte es später besser. Man lehrte später: „Lieber soll ein Sabbat entweiht werden, damit in der Zukunft viele Sabbate erhalten bleiben." Dem Staate gegenüber, der Erhaltung der nationalen Selbständigkeit zuliebe, erfand man aber diese weise Regel nicht. Da galt eher die Regel oder herrschte mindestens die Stimmung: „Pereat respublica, fiat liter a". Mag der Staat zugrunde gehen, wenn nur der Buchstabe nicht verletzt wird. Dann schließlich ging der Staat zugrunde, aber mehr als 1 ein Buchstabe ist verletzt worden..... So kam es, daß die große Makkabäerzeit und das hoffnungsvolle hasmonäische Königtum nur eine ruhmreiche Episode geblieben ist. Sie hat wohl viele lebendige Spuren im Schrifttum zurückgelassen, aber Judäa hat sie nicht erhalten. Und doch ist der Anlauf dazu genommen worden, und doch war die Möglichkeit dazu vorhanden, und doch schien es eine Weile, daß Judäa wieder fest und stark und frei werden und bleiben sollte. Aber die Pharisäer wollten es offenbar nicht, wenigstens nicht stark, nicht menschlich genug. Sie warteten auf ein Wunder und wollten nicht selbst das Wunder vollziehen. Sie waren eben überfromm und trugen viel zu wenig Staatsgefühl und staatlich organisiertes Volkstum in ihrer Seele...... * Eine Anmerkung: Natürlich habe ich nicht beabsichtigt, eine gelehrte historische Abhandlung zu schreiben. Sie ist auch gar nicht zu gelehrt ausgefallen. Ich wollte hier bloß die Aufmerksamkeit mancher Kreise? innerhalb und außerhalb des Zionismus auf den Zu- \| sammenhang zwischen Ueberfrötnmigkeit und organisier-