Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1348 ■ -DlE3|gELT Nr. 50 Hasmonäer und Pharisäer Von Dr. O. Thon Es muß eine schöne, volle und interessante Zeit gewesen sein, die Zeit der Makkabäerkämpfe und der späteren Hasmonäerherrschaft. Geschichtlich ganz klar und bis in die Einzelheiten feststehend und verständlich ist sie allerdings nicht. Da wird von der Historiographie mit zu viel Analogien und losen Vermutungen gearbeitet. Wie auch anders? Die Geschichtsquellen, die breiter und eingehender berichten, so die Makkabäerbücher und Josephus, sind vielfach unzuverlässig, und die originären Quellen, nämlich das jüdische Schrifttum, fießen nur sehr spärlich, oder sind, wie etwa Daniel und andere Bücher, die um diese Zeit herum entstanden sein mögen, in absichtliches, häufig vollständig undurchdringliches Dunkel gehüllt. So kommt es, daß der Geschichtsschreiber inur wenig Konkretes und durchaus Begründetes zu berichten weiß, dafür aber aus einzelnen Worten oder gelegentlich aufgefangenen, zerstreut hingeworfenen Bemerkungen ganze Berge von Tatsachen ableitet. Mögen aber die einzelnen Tatsachen und Zusammenhänge nicht über jeden Zweifel erhaben feststehen und mögen sie auch der pragmatischen Geschichtserzählung mehr oder minder große Schwierigkeiten machen, — solche gewaltigen Geschichtserlebnisse sind dem Volksbewußtsein doch so tief eingegraben und stehen bei der einzigartigen Lebendigkeit besonders der jüdischen Tradition dem jüdischen Empfinden so lebhaft gegenwärtig, daß sie sicherlich mit dem Gefühle, wenigstens nach dem allgemeinen Charakter der Epoche, sehr wohl nachgezeichnet werden können. Ich greife aus dem Komplexe ein Ein7>elproblem heraus, um darüber nachzudenken: Weichepsychologisch e n und soziologischen Gründe mögen es bewirkt haben, daß es zwischen Pharisäern und Hasmonäcrn zu einem so krassen Bruche kommen konnte, zu einem Bruch, der doch das so mühsam, mit so unendlich schweren Opfern aufgerichtete Gebäude der staatlichen Selbständigkeit in den Fundamenten erschüttern mußte und tatsächlich erschüttert hat? Erinnern wir uns nur: Die Makkabäerkämpfe in ihrem ganzen Verlaufe, von der Zerstörung des Altars in Modim an bis zur Krönung Johann Hvrkans, waren ein fortlaufender wunderbarer Akt pharisäischer Opferfähigkeit und Begeisterung, pharisäischen Patriotismus und Mutes. Die Pharisäer, — wir wissen heute, wer sie waren: sie waren das eigentliche Volk, die große und breite Masse, die unausreißbar tief im Boden und im Volkstum und in der Tradition der Väter wurzelte! —, die Pharisäer haben die Kleinpriester aus dem Stamm Hasmonai auf ihren wunden, aber starken Schultern bis auf den Thron getragen. Nun gibt es freilich in der Politik keine Dankbarkeit, aber es gibt — Berechnung. Und diese hätte doch die Hasmonäer, nachdem sie zur Herrschaft gelangt waren, auf die Pharisäer weisen müssen. Denn die Pharisäerführer hatten die Macht. Als Träger der religiösen Gelehrsamkeit hatten sie tatsächlich den Schlüssel zur Volksseele in der Hand. Dann waren sie, und sie ganz allein, die Träger des nationalen Gedankens und die Erwecker des nationalen Fühlens. Und worauf sollte sich denn eine von Grund aus nationale Dynastie, die nichteine Spur von auswärtiger Stütz? hat, stützen, als auf die breitesten Schichten des eigenen Volkes? Die dünne Oberschicht der hohen Beamten- und Geburtsaristokratie ist wohl eine ausgiebige Stütze des Thrones, aber nur in Staaten von durchaus feudaler Struktur, oder dort, wo eine alte, erbgesessene Dynastie schon Zeit gehabt hat, sich die großen Machtmittel des Staates, zunächst die bewaffnete Macht, ergeben und dienstbar zu machen. Aber eine junge Dynastie, die aus der Mitte des Volkes hervorgegangen ist, sie muß doch auf der Liebe und dem Vertrauen des Volkes ruhen. Sonst ist ja der Thron vom ersten Augenblick an wackelig, und ein Windhauch wirft ihn um. Es ist in hohem Grade unwahrscheinlich, daß Johann Hyrkan oder Alexander Jannai diese einfache Einsicht oder gar nur diesen primären Herrscherinstinkt nicht gehabt haben sollen. Ja, noch mehr. Wir sehen in der Tat, wie diese beiden Könige in ihrer ersten Regierungszeit und lange nachher sich alle erdenkliche Mühe geben, um mit den Pharisäern und nicht gegen sie zu regieren. Wenn sich Johann Hyrkan mit Pharisäern umgibt und ihren religiösen Anordnungen die große Autorität von Staatsgesetzen verleiht, wenn er ihnen Feste veranstaltet und, noch mehr, wenn er den Thronfolger, Juda Aristobul, nach anderen seinen dritten Sohn Alexander Jannai mit einer Tochter aus hochpharisäischem Hause, der Schwester Simons ben Schetach, Alexandra Salome, verheiratet, — so ist das alles gewiß ein unwiderlegbarer Beweis dafür, daß er es an Bemühungen nicht fehlen ließ, mit den Pharisäern zu regieren und sich auf sie zu stützen. Aber doch kam es schon während seiner Regierungszeit zum wilden Bruch. Soll daran wirklich bloß die Majestätsbeleidigung eines einzelnen, ganz bedeutungslosen Pharisäers, der übrigens in üblicher Weise gezüchtigt wurde, die ganze Schuld tragen? Das ist denn doch für so tiefgreifende und folgenschwere Entscheidungen und Frontänderungen nicht recht wahrscheinlich. Mag dieser an sich unwesentliche Zwischenfall die unmittelbare Veranlassung zum Ausbruche gewesen sein, die Ursache muß doch tiefer liegen. Und dann Alexander Jannai. Er versucht auch lange Zeit, mit den Pharisäern gut, sehr gut auszukommen. Sein Schwager Simon ben Schetach, der weitaus angesehenste Pharisäerführer und autoritativste Gesetzeslehrer seiner Zeit, ist bei ihm wohl nicht zu allen Zeiten persona grata, aber einigen Einfluß räumt er ihm doch ein. Schließlich kommt es aber zum Bruch mit den Pharisäern. Weil er das Libationswasser gegen die Vorschrift vergossen hat, soll ihn das Volk mit den Ethrogim beworfen haben. Und er soll dafür ein Blutbad im Volke angerichtet haben. So berichten die Quellen. So werden die Andeutungen wenigstens ausgelegt. Möglich, daß es so war. Aber das kann doch nicht der tiefste Grund gewesen sein. Es muß doch auf der einen oder anderen Seite ein sehr ernster Konstruktionsfehler vorhanden gewesen sein, wenn der Faden des Zusammenlebens so bei jedem leichten Anziehen gleich reißen konnte. Wo lag dieser Fehler? Zweifellos zunächst auf Seiten der Hasmonäer, die sich auf dem Throne nicht das alte volkstümliche Wesen zu bewahren verstanden. Sie bekamen, hoch oben angelangt, den Stich ins Orientalisch-Despotenhafte. Und das mochte wohl das Volk gereizt haben. Aber ebenso zweifellos lag der Fehler auf Seiten der Pharisäer selbst, ein schwerer Konstruktionsfehler,