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Die Welt · 1911-12-08 · 49 (8.12.1911) · page 21

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
49 (8.12.1911)
Date
1911-12-08
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Büch erbesprech ungen Dr. F e 1 i x A. Theilhaber: Der Untergang der deutschen Juden. Eine volkswirtschaftliche Studie. München 1011. Verlag Ernst Reinhardt. Ein unheimliches Buch, geeignet, schon durch seinen Titel uns das Gruseln zu lehren. Juden und Untergang, das sind Begriffe, die man gemeinhin nicht zu verbinden pflegt. Wir Juden sind nicht nur in unserer Vorstellung das „Am Olam'-, auch die Nichtjuden haben sich damit abgefunden, uns als ein Volk aere perennius anzusehen, und nun kommt ein gut jüdischer Volksgenosse und sucht uns zu beweisen, daß der Untergang der deutschen Juden unausbleiblich sei, wenn nicht beizeiten Vorbeugungsmaßregeln ergriffen werden. Ja, nicht einmal den Trost will er uns lassen, daß es sich nur um die deutschen Juden handelt, die man vielleicht als einen geringfügigen Bruchteil der Gesanitjudenheit bezeichnen könnte, nein, auch sonst sind die Verhältnisse innerhalb der westeuropäischen Judenheit fast überall die gleichen. Theilhabers Buch kommt allerdings nicht völlig überraschend, denn die landläufige Ansicht, daß die Juden eine gesunde und kräftige Rasse seien, die sich außerordentlich rasch vermehre, die zumindest mehr Kinder zur Reife bringe als die anderen, wurde schon wesentlich erschüttert durch die Untersuchungen Wassermanns über die deutschen Juden und Zollschaus über das Rassenproblem. Theilhaber hat sich nun der mühevollen und undankbaren Aufgabe unterzogen, nachzuweisen, daß die Vermehrung der deutschen Juden eine so ungenügende sei, daß man füglich von ihrem nahen Untergange sprechen könne. In folgendem sei einiges aus seinem statistischen Material angeführt. Die Seelenzahl der deutschen Juden stieg von 512 000 im Jahre 1871 auf 637 001) im Jahre 1Q05; die Vermehrung ist absolut nicht bedeutend, relativ aber stellt sie sich an der allgemeinen Bevölkerungszunahme Deutschlands gemessen als eine Abnahme dar, denn während 1871 im deutschen Reiche auf je 10 000 ortsanwesende Personen 125 Juden kommen, entfallen 1905 auf dieselbe Zahl nur mehr 100 Juden. In den achtziger Jahren nimmt die jüdische Bevölkerung jährlich nur um 627 Seelen zu bei ausgesprochen günstiger Sterblichkeit, später wird die Zunahme wieder größer, aber nur infolge größerer Immigration. Auf Rechnung der Einwanderung ist z. B. nach ziemlich genauer Schätzung fast :\i des Plus der jüdischen Bevölkerung für die Jahre 1890 bis 1905 zu setzen. Die Pogromjahre haben die Einwanderung so sehr gefördert, daß man annehmen kann, die deutsche i Juden haben sich in den letzten 15 Jahren überhaupt nicht vermehrt, denn der Geburtenüberschuß allein hätte nicht mehr ausgereicht, die durch Taufe, Austritt, Mischehe, Auswanderung entstandenen Verluste auszugleichen. Jedenfalls hängt das zusammen mit der Binnenwanderung der Juden, also mit der aus politischen und wirtschaftlichen Ursachen erfolgten Wanderung der Juden aus dem Osten in den Westen und der Landflucht der Juden in die Städte. Die jüdische Landbevölkerung ist auf dem Aussterbeetat, die Städte aber nicht mit Juden überfüllt. Nur Berlin schmarotzt auf Kosten des ganzen Reiches. In Berlin wohnt heute schon J/5 der deutschen Juden, in den Großstädten mehr als 1und in der Großstadt sind die Fruchtbarkeitsverhältnisse die ungünstigsten, liier wird der Geburtenüberschuß auch noch immer schlechter, weil die in der Großstadt herangewachsene Generation nur wenig mehr beeinflußt wird von den gesunden großelterlichen Anschauungen und von den Forderungen der Religion. In der Großstadt kommt in immer weiteren Kreisen das Z vv e i k i n d e r s y s t e m zur Geltung, während nach den wissenschaftlichen Forschungen eine gesunde Geburteapolitik in jeder Ehe mindestens drei Geburten erfordert. Mit der quantitativen Verminderung geht erwiesenermaßen auch noch eine qualitative Verschlechterung Hand in Hand. In Bayern läßt sich besonders genau statistisch nachweisen, wie die Häufigkeit der Geburten in Stadt und Land differiert, es hat sich die Zahl der jüdischen Städter mehr als verdoppelt, die Geburtenzahl aber hat auch absolut abgenommen. Es entspricht die Fruchtbarkeit von 6000 Städtern ungefähr der von 4000 Dorfjuden, wobei der Stadt auch noch eine große Geburtenzahl der Ausländer zustatten kommt. Neben der allgemein giltigen Erscheinung, daß die G/oßst-idt die Geburtenzahl sehr ungünstig beeinflußt, kommen bei den Juden noch die quantitativ und qualitativ schlechteren Eheschließungen in Betracht; denn bei den Juden ist die Zahl der eheschließenden Individuen bedeutend geringer als bei den anderen Völkern und die Ehe hinsichtlich der Geburten viel minderwertiger, weil die Spätehe einen großen Prozentsatz ausmacht. Ist nun die Geburtenzahl sehr schlecht, und sind durch die andauernde Konzentration in den Städten und die sonstigen noch immer anhaltenden Ursachen für die Zukunft nur noch ungünstigere Ergebnisse zu erwarten, so bietet die günstige Sterblichkeit der Juden keine Aussicht auf einen besseren Geburtenüberschuß, denn die Sterblichkeit, speziell die Säuglingssterblichkeit, ist heute bereits so gering, daß eine Besserung kaum zu erhoffen ist. Die schlechten Aussichten für die Zukunft werden noch trüber, wenn man bedenkt, daß die Ncbenfaktoreu, wie Taufe und Mischehe, deren eine den Gipfel der Assimilation, der andere den völligen Mangel jeglichen Rassehewußtseins verraten, nicht ohne weiteres beseitigt werden können. Theilhaber schlägt zum Schlüsse seines Buches eine Rettungsaktion vor, deren Basis die Nationalisierung der jüdischen Gemeinden bilden soll. Es soll der alte Vorschlag Dr. Eisenstadts auf Schaffung einer j ü d i s c Ii e n Eugenetik zur Durchführung gelangen, eine gesunde Geburtenpolitik eingeschlagen werden, eine höhere Besteuerung der Junggesellen unter gleichzeitiger Minderung ihrer Rechte als Gemeindemitglieder eingeführt werden. Die Junggesellensteuer gäbe auch die notwendige finanzielle Grundlage für eine Geburten prämii', vor allem müßte aber der verwerfliche Brauch aufhören, daß bei Stellendeeizungen Knderlose bevorzugt werden, wie es selbst d:e größten Gemeinden tun; es müßte im Gegenteil der kinderreiche Familienvater bevorzugt werden. Ich habe Theilhabers Ausführungen nur in bescheidenstem Auszuge wiedergegeben und will darum auch nur zu seinem Rettungsplan Stellung nehmen. Da muß ich freilich bekennen, daß ich mir nur wenig von einer solchen Aktion verspreche. Ich halte für das Grundübel die mangelnde Beobachtung des jüdischen Gesetzes, das uns von Re'iglonswegen zur Vermehrung und Fruchtbarkeit anhält. Auch die Nationalisierung der Gemeinde wird wohl wenig helfen können, um so weniger, als ja die Leitung der G r o ß g e m e i n d e n , um die es sich jetzt vornehmlich handelt, nicht so leicht den Händen der religiös und national Indifferenten, die sie meist innehaben, entwunden v/erden kann. Rückkehr zum jüdischen Gesetze wie auch Nationalisierung lassen sich aber nicht in kurzer Zeit erzielen, und darum müßte man am Bestände der deutschen Judenheit schier verzweifeln, wären die von Theilhaber ermittelten Daten einwandsfrei sichergestellt. Aber Theilhaber ist aus Liebe zu seinem Volke Schwarzseher geworden, hat die Zahlen zu traurig gedeutet, wie der bekannte jüdische Statistiker Dr. Jakob Segall im Septemberheft der Zeitschrift „Im deutschen Reich" eingehend darlegt. Nach Segalls Ansicht ist eine exakte Fruchtbarkeitsstatistik heute noch ein Ding der Unmöglichkeit, da die wissenschaftlichen Vorarbeiten fehlen. Er gesteht wohl zu, daß die Fruchtbarkeit der deutschen Juden eine höhere hätte sein können, aber er findet, daß Theilhaber sie zu gering veranschlagt, wie er auch die Sterblichkeit der deutschen Juden zu günstig beurteilt. Die geringe Zunahme der jüdischen Bevölkerung findet nach Segall ihre Erklärung in großen, aus politischen und wirtschaftlichen Ursachen entstandenen Abwanderungen der Juden, die zeitweilig sehr große Dimensionen angenommen haben. Jedenfalls gebührt Theilhaber das Verdienst, mit seinem Buche die jüdische Oeffentlichkeit aufgerüttelt und zur Abwehr ernster Gefahren eindringlich ermahnt zu haben. Prag. S, H. Lieben. Schluß des redaktionellen Teiles Warnung! Ein junger Wiener, Alovs Reich, hat sieh verschiedenen Mitgliedern der Posener Ortsgruppe als Vertreter des Jüdischen Verlags vorgestellt und uns gehörige Pücherobjekte zu veräußern gesucht. Reich ist, nachdem er beim Leeren einer Nationalfondsbüchse in den Räumen des Zentralbureaus überrascht wurde, ms er em Di niste entlaufen. Er ha! uns anscheinend eine Reihe von Büchern entwendet, und sucht sich auch durch entwendete N.-F. Büchsen-Vcrsciilußmarken zu legitimieren Wir ersuchen, uns Mitteilung zu machen, falls er Bücherobjekte anzubringen sacht. Reich isi etwa IS Jahre alt, mittlerer Statur, hat he.lb'oadcs Kraushaar. B erlin W. 13. jüdischer Verlag.

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