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Die Welt · 1911-12-08 · 49 (8.12.1911) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
49 (8.12.1911)
Date
1911-12-08
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1330 DIEE^KELT Nr. 49 Daun sind alle Gassen und Plätze wie vom Fieber geschüttelt. Hastig eilt alles aus den Wohnungen, Gebethäusern, Kaufläden auf die Straßen. Erst ballt sich Jung und Alt allenthalben zu kleinen Knäuein'und redet gestikulierend aufeinander ein. Dann strömen die Scharen in der Krakauer Gasse zusammen. Murmelnd, rufend, schreiend wirbelt die Menge durcheinander. Vom Rangplatz her kommt ein junger Mensch von hünenhaftem Wuchs. Ein wehender jugendlich-flaumiger Bart umrahmt sein Gesicht. Die Wangen glühen, aber der Schritt ist hart und energisch. Er kommt wie einer, der diese Stunde seit Jahr und Tag herbeigesehnt hat, und seine Fäuste sind krampfhaft geballt, als müßten sie die furchtbare, erwartungsvolle Erregung unterdrücken, die diesen muskulösen Körper schüttelt. Es ist ein jüdischer Student aus Rußland, der die Schreckens tage von Odessa miterlebt hat. Die rechte Hand trägt die Narbe eines Messerstiches und über dem linken Auge hat sich das Lid für immer geschlossen. Nun steht er mitten in der Krakauer Gasse. Wie Said, der Sohn des Benjaminiten Kis, überragt er das Volk um Kopfeslänge. Er blickt mit raschen, scharfen Bewegungen um sich. Gleich einem Scheinwerfer sucht das eine Auge, das ihm geblieben ist, die Volksmenge ab und greift jede einzelne Empfindung heraus, welche die Masse bewegt: von der versteckten, leise bebenden Angst bis zum aschfahlen, unverberglichen Grauen. Von der blöden, empfindungslosen Neugier bis zum wohligen Gefühl der Sicherheit, das mit Worten des Bedauerns maskiert ist. Plötzlich reckt er sich in die Höhe, hält den Atem an und späht angestrengt nach einem bestimmten Punkte hin. Drüben am Straßeneck wittert er, was er gesucht hat. Dort zucken wie spitze, blaue Flammen die ersten Zeichen der Empörung auf. Mit einigen kräftigen Armbewegungen bahnt er sich den Weg hinüber, stellt sich an die Wand und zwingt sich mit mächtiger Stimme Gehör. Mit elementarer Gewalt bricht es aus ihm los. Seine Rede donnert über die Köpfe hin, als müßte es gelingen, die verkrusteten Seelen aufzubrechen, damit sie neue Kraft gebären. Zusammenschweißen möchte er in der Glut der Worte diese tausend Splitter zu einem einzigen, stählernen Willen. Jetzt, hier unter dem freien Abendhimmel, unter dem Eindruck der eben vernommenen furchtbaren Botschaft will er eine Schar von schaffensmutigen Pionieren, von opferfreudigen Kämpfern einen. Wenn er einen Zermürbten entdeckt, der seinen Blick und seine Rede nicht verträgt, den Kopf wegwendet und sich doch nicht wegzustehlen wagt, dann wird seine Rede blutig. Von den Odessaer Märtyrern erzählt er, die man damals zusammentrieb und wie das räudige Vieh im Meer ertränkte. Von den Schwangeren, denen trunkene Mörder das Ungeborene aus dem Leibe rissen und die Bauchhohle mit Bettfedern füllten. Von den Greisen, denen der gedungene Mob die Augäpfel herausdrückte und Nägel in den Schädel trieb. Jetzt fühlt er, wie alles an seinem Munde hängt und er preist jüdische Heldentaten. Er erinnert an die Odessaer Studenten, die aus der Universität ins Pogromviertel zogen und von denen kein einziger zurückkehrte. Mann für Mann fielen. sie im Kampf gegen bezahlte alkoholisierte Henkersknechte. Und des Frommen von Kischinew gedenkt er, der in der brennenden Synagoge verkohlte, weil er die heilige Schrift nicht verlassen wollte. Der Kreis um ihn hat sich ganz enge geschlossen. Er kann die Augen, die Stirnen in der Dunkelheit nicht mehr unterscheiden. Aber er sieht Fäuste, die sich fiebernd zum Himmel recken, und Rufe vernimmt er, die wie Fackeln lohen. Nun hält er einen Augenblick inne, schöpft Atem und holt zum letzten Streiche aus. Da dringt in die lautlose Stille der Klang von Pferdehufen. Zwei Polizisten kommen vom „Stradom" herangeritten. Noch sind sie nicht bei der Krakauer Gasse angelangt und sie nähern sich in gemächlichem Schritt. Schon der erste Ruf ,,Polizei kommt!" bringt Unordnung in die Menschenansammlung. Die Feigsten ducken sich und verschwinden mit langen Schritten im Dunkel der Seitengassen. Der Haufe wird immer unruhiger, schmilzt sichtlicfh zusammen und niemand hört mehr auf die Worte des Redners. Kaum sind die Hüter der Ordnung an der Straßenkreuzung angelangt, da zerstiebt auch der letzte Rest kreischend in alle Winde und die Schutzleute haben es nicht mehr nötig, einzugreifen . . . Todesblaß hat sich der russische Student davongeschlichen. Er zittert am ganzen Leib vor Scham und Ekel und seine Brust ist leer und kalt wie die Herbstnacht. Ziellos irrt er herum mit dumpfen, wirren Sinnen, als hätte er eine Nacht durchzecht. Erst das weiche Rauschen der Weichsel, an deren Ufer er sich hingesetzt hat, weckt ihn aus seinem Hinbrüten und bringt ihm das eben Erlebte zum Bewußtsein. Sein Herz krampft sich zusammen vor Schmerz über die hoffnungslose Kleinmut dieser Geknickten, Verbrauchten. Von den Makkabäern der Pogrome sprach er zu ihnen -- und sie liefen davon, als sich zwei Polizisten näherten . . . Ohne es zu wollen, kehrt er wieder in die Judenstadt zurück. Wie hat er sie doch so oft mit stolzer Freude betreten, wenn sie im Lichtglanz des Sabbats erstrahlte und die Männer im pelzverbrämten Seidentalar wie Fürsten zur Synagoge schritten! Heute mutet sie ihn wie ein Friedhof an.--- Plötzlich steht er vor der Stube des Herrn Bitter. Dort drinnen ist alles wieder im alten Gang. Keine Spur ist von der Sensation des Nachmittags zurückgeblieben. Man hat sich ganz unnütz aufgeregt. Das Pogromgerücht hat sich diesmal „gottlob" nicht bewahrheitet, und da nun die Gespenster verscheucht sind, hat auch alles die aufwühlende Rede des Studenten längst vergessen. Die Stammgäste sitzen im Dunstkreis der Petroleumlampe und es wird wieder von allen gemeinsam Schach gespielt. Ein Läufertausch macht den beiden Parteien die Köpfe heiß. Sie springen auf, schwingen die Tabakpfeifen drohend gegeneinander und die zwei Hauptbeteiligten legen die Hände in den Schoß und warten, bis der Sturm ausgetobt ist. Die Fäuste in den Rocktaschen vergraben und an den bebenden Lippen nagend, starrt der russische Student hinein. Dann reißt er kraftvoll die Türe auf und ruft in das Lokal, daß die Wände zittern und Herr Bitter, der bei dem gewohnten Lärm seiner Gäste eingenickt ist, erschreckt vom Stuhl auffährt: „Schach matt! Schach matt! Kriecht nach Hause, Ihr alle habt längst verspielt!" . . .

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