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Die Welt · 1911-12-08 · 49 (8.12.1911) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
49 (8.12.1911)
Date
1911-12-08
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 40 fe DrE2§ffLT 1329 Köpfen, so würde sich die Zahl der jüdischen Farmerbevölkerung in den Vereinigten Staaten auf etwa 30 000 Seelen belaufen. Organisation für hebräische Sprache u. Kultur Die Berliner Ortsgruppe der Organisation für hebräische Sprache und Kultur veranstaltet Montag, den 11. Dezember, 8y2 Uhr abends, im Restaurant Logenheim, Friedrichstr. 131c, eine öffentliche Versammlung, in der Rabbiner Ch. Tsch-erjiowitz (Rabh Zair), Odessa, über Eindrücke von meiner Reise in Palästina" (Fortsetzung) sprechen wird. Im Anschluß daran findet eine Diskussion statt. Gäste, Damen und Herren, herzlich willkommen. Um pünktliches Erscheinen wird gebeten. Tolstoi in hebräischer Übersetzung Der Wilnaer Verlag „Misrach U-Maarab" (Ost und West) gibt eine Auswahl von Tolstois Werken in hebräischer Uebersetzung heraus. Als erster Band dieser hebräischen Tolstoi- Ausgabe erschien vor kurzem der Roman „Kindheit" in der Uebertragung von J. D. B erko witz. Dem Buche gehen als Einleitung zwei literarische Essays voraus: ,,Tolstois Lebensgeschichte" von J. Ch. Rawnitzky und „Tolstoi der Künstler" von Dr. J. Eljascheft. Fast gleichzeitig mit der hebräischen Ausgabe von Tolstois „Kindheit" ist im Verlage „Jepeth" in Jaffa eine hebräische Uebersetzung der bekannten Tolstoi'schen Erzählung „D er Tod des Iwan Iiitsc h" aus der Feder von A. S. Rabbinowitz erschienen. SPRECHSAAL ■E*^ Wir erhalten folgende Zuschrift: In Nr. 46 der „Welt" weisen Sie auf die Wichtigkeit der Palästina-Reisegesellschaft in Hamburg hin, die bei jedem Zionisten großes Interesse erwecken wird. Aber der Passus im § 48 der Statuten, daß die Reisebeihilfe von 500 M. dem Gewinner erst ausbezahlt wird, nachdem er durch Bescheinigung des Palästinaamtes in Jaffa nachgewiesen hat, daß er die Reise unternommen hat, wird sicherlich auf Widerspruch stoßen. Viele Zionisten werden sicherlich nicht in der Lage sein, die 500 M. auslegen zu können, es wäre daher viel richtiger, wenn die Palästina-Reisegesellschaft dem Gewinner ein Reisebillett nach Jaffa übergibt und ihm den Restbetrag an das Palästinaamt in Jaffa anweist. Nur auf diese Weise kann dem Gewinner die Reisemöglichkeit gegeben werden. A. J. R. FEUILLETON o □□□□□□ Pogromgerücht Ein Krakauer Bild von Otto Abeles. Ein herrlicher Herbstnachrnittag hat sich in der Judenstadt niedergelassen. Das letzte Häuschen schimmert irn Sonnenglast und die Bäume der Dietelsgasse leuchten in allen Farben. Jedes Blatt zeigt seine besondere Schönheit, das feinste Aestchen hebt sich gegen den stahlblauen Himmel ab und zwischen dem abgefallenen Laub glänzen die Kastanien wie Edelsteine hervor. Von der Weichsel her weht eine herbe Brise und trägt bis in die armselige Enge des Methgäßchens den belebenden Atem des köstlichen galizischen Herbstes. Die Schritte auf den Bürgersteigen klingen hell durch die Gasse, die Geschäftsleute sitzen plaudernd oder Lieder summend vor ihren Läden und die Jungen, die aus dem Schulhaus kommen, jagen wie freigelassene Füllen die „hohe Gaß'" hinunter. Die ganze Stadt ist verklärt und vergoldet. Aus allen Augen grüßt Freude und Ueberraschüng über diesen späten Sonnensegen. Nur ins „Cafe" Bitter vermag der kristallhelle Tag nicht einzudringen. Die Türe steht zwar weit offen und das leckere Backwerk am Verkaufspult — wer hat nicht schon des Feiertags die rühmlichen Kunstwerke der Frau Bitter gepriesen — leuchten und locken die Vorübergehenden. Aber dieser altväterliche, verrauchte Raum bleibt von der Herbstpracht unberührt und zeigt das alltägliche Bild. Das ganze Publikum besteht aus einer einzigen Schachpartie, an der allerdings mehr als zwanzig Personen teilnehmen. Die beiden Spielenden sind dabei selbst nur Schachfiguren in der Hand der Kibitze und wagen keinen Zug, bevor ihn die Beisitzenden nach aufgeregtem Disput gestattet haben. Dabei müssen die Partner, die dichtumdrängt von ihren Beiständen gar kleinmütig über dem Brett hocken, auch auf die Zuschauer vor dem Fenster Rücksicht nehmen. Diese getreuesten Stammgäste des „Cafe" Bitter spielen nämlich sachkundig und leidenschaftlich mit und pochen ganz energisch gegen die Fensterscheiben, wenn ihnen ein Bauerntausch oder ein Rösselsprung nicht genehm ist. In heißen Augenblicken des Kampfes braust ein wahrer Höllenlärm durch die Gasse. Herr Bitter, der redliche „Cafetier", ist, wie immer, von den Vorgängen in seinem Lokale ganz und gar nicht berührt. Er hat einen von den Kibitzen, der Deutsch lesen kann und ihm zu Willen sein muß, weil er ihm manches Glas Tee schuldet, am Kaftan in eine friedliche Ecke gezerrt, um sich die jüngste Parlamentsrede eines jüdischnationalen Abgeordneten vorlesen zu lassen. Das ist nun bei der Unruhe und bei den verwöhnten Ansprüchen des „Cafetiers" keine leichte Sache. Da darf kein Wort unter den Tisch fallen und kein Satz tonlos abgehaspelt werden. Herr Bitter verlangt, daß ihm das Gewünschte mit allem Pathos und mit sichtlicher innerer Anteilnahme vorgetragen wird. Dann hört er andächtig zu, wiegt sich hin und her, schiebt in der Begeisterung das Käppchen nach rückwärts, schnalzt bei einzelnen Stellen mit der Zunge, als hätte er eben einen kräftigen Schluck Meth durch die Kehle geschickt, läßt sich manche Stellen, die sein besonderes Wohlgefallen finden, zwei und dreimal wiederholen und füllt jede Kunstpause des Vorlesenden mit einem geflüsterten, verzückten „Zucker!" aus. Da kommt ein Wägelchen geräuschvoll über das Pflaster gestolpert, hält vor der Türe und ein älterer Mann mit der charakteristischen russisch-jüdischen Schildmütze springt herab. Er sagt dem Nächststehenden etwas, dieser ruft laut auf, alles springt von den Stühlen, daß sämtliche Schachfiguren polternd über die Diele kollern, sie bestürmen den Fremden mit Fragen, die Kibitze von der Gasse rennen ins Lokal und bringen andere Leute mit, eine unsichtbare Stimme trägt das Gerücht mit Windeseile in alle Ecken und plötzlich hört man's von tausend Lippen: „Pogrom!!" Zwischen die Dächer der Judenstadt und den wolkenlosen Herbsthimmel hat sich gleichsam mit breiten Schwingen ein schwarzer Riesenvogel gelegt. Der Tag ist verblaßt, das Leben stockt, die Luft ist gepreßt und jeder Atemzug wird zur jQual. H

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