Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 49 DIE^ELT 1327 garantien um 29,37 Prozent. Dabei wird noch über Unterschleife und Mängel bei der Steuererhebunggeklagt — Mißstände, die allmählich abgestellt werden dürften. Bemerkenswert ist auch, daß das Defizit des laufenden Finanzjahres (1327) sich erheblich niedriger stellen wird, als vorausgesehen wurde, nämlich nach Nail Bejs Ansicht auf etwa 31/2 bis 4 Millionen Ltq., weil der Minister eine Verminderung der Ausgaben um 2 Millionen Ltq. und eine Einnahmeerhöhung um 1 Million erwartet. Diese dürfte sich aber wesentlich höher stellen, da sie bereits während der ersten sieben Monate der Finanzperiode 1,2 Millionen Ltq. ergeben l^aben. Für das neue Etatsjahr ist ein Fehlbetrag von 3,7 Millionen im ordentlichen Etat vorhergesehen, der sich aber durch Leistungen für die Erfordernisse der Anleihe von 1910 und der Anleihe für öffentliche Arbeiten, sowie durch die letzte Rate des außerordentlichen Heeresbudgets auf 5,8 Millionen erhöht, jedenfalls aber ganz bedeutend geringer ist als das Defizit des vorigen Jahres. Nicht mit Unrecht hat daher der Finanzminister auf die völlige Balanzierung des Budgets binnen drei Jahren seine sichere Hoffnung gesetzt. Brief aus Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) In der vergangenen Woche wurde hier das neue Lokal der Israelitischen Bibliothek und des Klubs ,,Maccabi" eingeweiht. Die Räumlichkeiten sind nur klein, aber sie bilden den Mittelpunkt für unsere Jugend, die von dem Wunsche beseelt ist, dem Judentum und ihrem Lande zu dienen. Der Sekretär des Klubs „Maccabi" erstattete einen Bericht über die Arbeit, die seit der Gründung geleistet wurde. Es fanden 26 Veranstaltungen statt, bei denen eine Reihe von Rednern über historische und literarische Fragen, sowie über das moderne jüdische Leben sprachen. Der Klub hat 3 Broschüren herausgegeben; eine in französischer und zwei in spaniolischer Sprache, und zwar in einer Auflage von je 1400 Exemplaren. Ein großer Teil derselben wurde gratis in der Türkei verteilt und viele Exemplare gelangten bis nach Larissa und Philippopel. Es wurden im vergangenen Jahre Waisenkinder des Gan-jeladim des Hilfsvereins mehrfach gespeist und mit Kleidung versehen. Zahlreiche jüdische Emigranten aus Rußland und anderen Ländern wandten sich an den Klub und wurden mit Ratschlägen und Geldunterstützungen bedacht. Während des letzten Pessachfestes wurden 11 jüdische Soldaten von Klubmitgliedern aufgenommen. Die Israelitische Bibliothek ist die einzige Institution dieser Art in der Türkei. Sie besitzt eine Büchersammlung von mehr als 1000 Bänden, und zwar von Werken philosophischer, wissenschaftlicher und literarischer Art in hebräischer und französischer Sprache. Für alle, die ihre Kenntnisse, insbesondere auf jüdischem Gebiet, erweitern wollen, bildet diese Bibliothek einen wahren Schatz. Besonders wird durch sie die nationale Erziehung der jüdischen Jugend gefördert und die Kenntnis der hebräischen Literatur unter ihr verbreitet. Kürzlich hat die Bibliothek in unserer großen Kommunalschule, der Talmud Thora Hagadol, eine Büchersammlung eingerichtet, die für den Gebrauch der Schüler, deren es mehr als 1400 gibt, bestimmt ist. II o o o *&Ö2_ PALASTINA "öi^ o o 0 II 3}^ Jaffaer Chronik Lebhaftes Treiben herrscht gegenwärtig im Jaffaer Hafen. Die Zeit der Orangenausfuhr ist gekommen, und man sieht hier tausen.de von Kisten aufgestapelt, in denen die Früchte aus den Bojaren der näheren und weiteren Umgebung Jaffas verpackt sind, um nach Liverpool, Marseille, Australien und anderen Orange markten verfrachtet zu werden. Täglich bringen zahlreiche Kamele größere Apfelsinentransporte aus den umliegenden Ortschaften und Kolonien nach dem Jaffaer Hafen. In eingeweihten Handelskrisen hält man den Ertrag der diesjährigen Orangenproduktion für außerordentlich befriedigend und hebt mit besonderer Genugtuung die guten Preise hervor, die die palästinensischen Früchte auf dem Weltmarkt erzielen. Nach einer Reihe trüber, winterlicher Regentage herrscht in Jaffa und den benachbarten Kolonien wieder heiteres, angenehmes Wetter. Der Jaffaer jüdische Turnverein macht sehr erhebliche Fortschritte. Die Mitgliederzahl steigt andauernd und auch das Interesse der Mitglieder für die Turnsache gestaltet sich immer reger und intensiver. Die Turnübungen finden vorläufig in der Aula der jüdischen Mädchenschule statt, doch gedenkt die Vereinsleitung schon in nächster Zeit einen eigenen Turnsaal zu mieten. Auch soll in Tel-Awiw ein Zweigvereiii ins Leben gerufen werden. Besondere Verdienste um die jüdische Turnsache in Jaffa hat sich der wackere Turnlehrer, Herr Orlow, erworben, der unermüdlich für den Aufschwung des Vereins tätig ist und es verstanden hat, denselben auf ein recht hohes, achtunggebietendes Niveau emporzuheben. Die Mitglieder des Central-Coinites des hebräischen Lehrerverbandes haben in Jaffa zwei Abendkurse für Erwachsene eingerichtet, von denen der eine in den Räumen der Mädchenschule und der andere im Hebräischen Gymnasium abgehalten wird. Das jüdische Publikum bringt dieser neuen Institution lebhaftes Interesse entgegen, und die Zahl der Teilnehmer an den Kursen steigt von Tag zu Tag. Die Absolventen der Jaffaer Tachkemoniscluile haben einen Verein zur Pflege der jüdischen Literatur und Wissenschaft ins Leben gerufen. Vor kurzem hielt in diesem Verein Herr Dr. Grünhut aus Jerusalem einen Vortrag über das Thema „Ein geistiges Zentrum in Palästina'4. Am 14. November verließ der hebräische Schriftsteller Achad-Haam Palästina und schiffte sich wieder nach Europa ein, nachdem er fast zwei Monate im Lande geweilt und die jüdischen Kolonien in Judäa und Galiläa sowie die meisten palästinensischen Städte besucht hatte. Der Waad von Tel-Awiw veranstaltete ihm zu Ehren einen Festabend, der von den angesehensten Kreisen der Jaffaer Judenschaft besucht war und sich zu einer imposanten Kundgebung der hebräischen Renaissancebewegung gestaltete. Aus Pethach-Tikwah Am 11. Nov. fand in Pethach-Tikwah die übliche jährliche Generalversammlung der Koloniebewohner statt. Es wurde neben anderen wichtigen Beschlüssen interner Natur der Beschluß gefaßt, der ottoinanischen Heeresverwaltung 1000 Frs. als vorläufigen Beitrag zu den Kosten der Landesverteidigung zur Verfügung zu stellen. Ferner beschloß die Generalversammlung, alle Mittel aufzubieten, um dem Mörder des grusinischen Juden auf die Spur zu kommen und ihn der Bestrafung zuzuführen. Die orthodoxe „Freie Vereinigung'4' in Frankfurt a. M. hat Herrn Dr. B. M. Lewin zum Lehrer an der Talmud-Thora in Pethach-Tikwah berufen. Derselbe hat sein Amt mit dem Beginn des neuen Schuljahres angetreten und bereits eine Reihe von Verbesserungen im Schulbetrieb eingeführt. Besonders anerkennenswert ist die Verfügung, wonach die Talrnud- Thora-Schüler nunmehr zum ausschließlichen Gebrauch der hebräischen Sprache im Verkehr miteinander verpflichtet sind. In dieser Beziehung geht die Leitung der Talmud-Thora der dortigen Ica-Schule mit gutem Beispiel voran; in dieser Anstalt bedienen sich die Schüler noch vielfach des jüdisch-deutschen Idioms. Zu wünschen wäre allerdings, daß in der Talmud- Thora endlich die s e p h a r d i s c h e A u s s p r a che des Hebräischen zur Geltung käme, wie dies auch in der orthodoxen Tachkemonischule in Jaffa seit einigen fahren der Fall ist. .- 1 : Zur Bewachung der Orangengärten sind kürzlich 17 neue jüdische Wächter angestellt worden. Erfreulicherweise macht sich auch in Pethach-Tikwah in letzter Zeit das Bestreben geltend, die oft ganz unzuverlässigen arabischen Wächter nach Möglichkeit durch jüdische Kräfte zu ersetzen. Die Handwerker von Pethach-Tikwah haben unter dem Namen „Achiese r" („Brüderlicher Beistand") eine Vereinigung ins Leben gerufen, die die Interessen des Handwerkerstandes wahrnehmen soll. Auch auf die geistige Fortbildung ihrer Mitglieder will die neue Organisation bedacht sein und plant zu diesem Zwecke die Einrichtung von Abendkursen. Der Vorstand des Handwerkervereins hat sich an die dortige Lehrerschaft mit der Bitte gewandt, ihm bei der Ausführung dieses Vorhabens zur Seite zu stehen. Die neue, nach E. Saphir benannte Volksbibliothek und Lesehalle wurde am 10. November eröffnet und eifivut sich eines sehr regen Zuspruchs.