Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-12-08 · 49 (8.12.1911) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
49 (8.12.1911)
Date
1911-12-08
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316510--55347-3349171
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1326 DJESqRELT ■ ■ Nr. 4Q fortab unmöglich ist, wenn die Regierenden den Nationalitäten ihre Rechte nicht zuerkennen. Die Lehren einer langen Vergangenheit und die neueren Erfahrungen sind die beredtesten Verteidiger dieser unserer Ueberzeugumg. Die Vertreter, die die Nationalitäten zum allgemeinen Kongreß entsenden werden, der nächstens von unserer Partei abgehalten werden wird, werden dort alle Gesichtspunkte entwickeln können, um die sich ihre wahren Interessen konzentrieren. Nach Artikel 16 wird die Partei sie alle gelten lassen, sofern sie nicht den Interessen anderer Nationalitäten oder der ottomanischen Einheit Eintrag tun." „Wir werden nicht nur den kommunalen Status quo der Nichtmohamedaner respektieren, wir werden sogar bestrebt sein, nach ihrem Muster die mohamedanischen Gemeinden zu organisieren. Wir werden ihnen dieselben Formen geben und dieselben Rechte zur Gründung ihrer kommunalen Schul- und Sozialinstitutionen. Die Regierung wird eine Kraft sein, die mit Unparteilichkeit und im Geiste völliger Gleichheit alle diese Gemein Schäften verwalten wird." Ueber die Frage der Schulsprachen gingen die Meinungen Schaban Effendis und Sadik Bejs wesentlich auseinander, was beweist, daß die Partei hier durchaus keine klare Stellung nimmt. Während Schaban die absolute Sprachenfreiheit nur für die unteren Volksschulen gelten lassen, im Gymnasium aber den Zwang zur Staatssprache etabliert sehen will, denkt Sadik Bej anscheinend freier darüber. „Die Schulen wollen nicht Regierungsbeamte, sondern Bürger bilden, die für den Lebenskampf gerüstet sind. Folglich hat die Sprachenfrage gar keine Bedeutung. Die Schüler können sich ganz gut die Wissenschaft in ihrer Volkssprache aneignen und gleichzeitig daneben die offizielle Landessprache erlernen. Aber unser Programm enthält darüber nichts. Es sagt nur, die Partei werde, auf Grund der im Programm aufgestellten Prinzipien, an die Ausarbeitung der Gesetze schreiten, die den Unterricht im allgemeinen regeln werden." Das ist zwar angenehm zu hören, aber alles andere als klar. Und es begreift sich aus diesem Punkte heraus die Reserve der Griechengruppe wtoihl. Ist doch das neue Unterrichtsgesetz, daß der aus den Unionisten hervorgegangene Minister soeben ausgearbeitet hat, viel entschiedener freiheitlich und fortschrittlich gestaltet. Im allgemeinen versprechen die Oppositionellen den Nationalitäten genug. Aber nach allem, was von dem Auftreten dieserseits bisher bemerkbar wurde, muß man das Gefühl haben, daß hier im Wesentlichen nur an die mohamedanischen Nationalitäten, die Araber, Kurden und Albaner, gedacht wird. Unter Nichtmohamedanern scheinen aber die Oppositionellen nur christliche Nationalitäten zu verstehen, da sie bisher, wo sie nur konnten, den Juden Böses zuzufügen suchten. Es wäre Sache der jüdischen Politiker und gerade jetzt der richtige Moment, über diesen Punkt auf dieselbe Art eine Klärung zu provozieren, wie es die Griechen ihrerseits getan haben. Aber von unseren jüdischen Parlamentariern ist überhaupt nicht zu erwarten, daß sie sich mit Dingen abgeben, die das Lebensinteresse der Juden betreffen. Was nicht ausschließt, daß sie darauf hoffen, von den Juden wiedergewählt zu werden. Die Geheimnisse des Zionismus Dieser Tage erschienen an den Mauern S t a m b u 1 s große Anschläge, die die Neugier des Publikums erregten. Auf denselben wurde im Jahrmarktsbudenstil angekündigt, das demnächst ein Buch erscheinen werde, welches die Dessous, die Geheimnisse d^s bisher seinem wahren Wesen nach lange noch nicht genügend erkannten Zionismus und seine Gefahren darstellen werde. Als Verfasser ist ein gewisser Mochsin Bej angegeben. Es unterliegt keinem Zweifel, daß es sich um ein Elaborat im Sinne der Aussage im Seki-Prozesse oder der Ebu Siaschan Presse-Publikationen handeln wird. Es hat auch viel Wahrscheinlichkeit für sich, daß ein parteitaktisches Wahlmanöver vorliegt, durch das die oppositionelle „Eiitente Liberale" bei der demnächst bevorstehenden Kamrnerersatzwahl für Konstantinopel den Kandidaten des Komitees „Union et Progres" aus dem Felde zu schlagen rechnet. Es heißt, daß der Großrabbiner an zuständiger Stelle wegen der in dem Verfahren liegenden Versuche der Aufhetzung gegen das jüdische Bevölkerungselement Schritte ergreifen wolle. Man darf jedenfalls auf den Inhalt des neuen „historischen Werkes" gespannt sein. "{Aus Adrianopel Die Zeiten der allgemeinen Glückseligkeit zwischen der Gemeinde und ihrem Großrabbiner Haim Bidgerano scheinen vorüber. Dieser hat es nämlich gewagt, als Entgelt für die Erfüllung seiner Pflichten der Gemeinde gegenüber nun auch die der Gemeindemitglieder selber zu verlangen und auf der Bezahlung der Gemeindeabgaben zu bestehen. Dabei scheint er jedoch die empfindlichste Stelle seiner Baale-Batirn getroffen zu haben. Es blieb bei den Forderungen; die Zahlungen aber — gerade wie in Konstantinopel — blieben aus. Da griff Rabbi Bidgerano zu energischeren Mitteln. Er machte einfach von zwei Paragraphen seines „Berat" (der türkischen Privilegienurkunde) Gebrauch, durch die ihm das Recht zugesprochen wird, die öffentlichen Gewalten zur Eintreibung der Kultussteuern in Anspruch zu nehmen. Er begab sich daher zu den Wilajetsbehörden und den Konsulaten, und seinem Einflüsse gelang es tatsächlich, die Unterstützung dieser Instanzen zu erlangen. Es wird jetzt gezahlt. Aber man schreit natürlich über Vergewaltigung, man behauptet, um das Vier- und Mehrfache des wahren Steuerbetrages beraubt zu werden, und man will beweisen, wie bar jedes moralischen Einflusses der Adrianopeler Großrabbiner sei, da er zur öffentlichen Gewalt gegen seine eigenen Juden Zuflucht habe nehmen müssen. Wer aber die hiesigle Situation kennt, weiß, was er davon zu halten hat. Rabbi Bidgerano seinerseits aber wird jetzt durch verständige Verwendung der eingehenden Steuern zu beweisen haben, daß er recht tut. Besonders wird er dem Ausbau des gänzlich darniederliegeiiden Schulwesens seine Aufmerksamkeit zu schenken haben. Die Entwicklung der türkischen Volkswirtschaft Die Unterbreitung des neuen türkischen Staatsbudgets durch den Finanzminister Nail Bej bietet die beste Gelegenheit, das stetige Steigen der türkischen Volkswirtschaft zu verfolgen, welches, trotz der unendlichen Havarie, die die innere und die äußere Lage des Landes ihm entgegensetzen, auf allen Gebieten des Lebens sich unverkennbar geltend macht. Daß es wirtschaftlich vorwärts geht, schreibt der „Osrnanische Lloyd", erkennt man leicht an der größeren Regsamkeit auf diesem Gebiete. Pläne, die Jahre lang im Stadium der Vorstudien blieben, als noch alles von dem Willen eines Einzigen abhing, gelangen zur Ausführung, und da auch im Wirtschaftsleben ein Tritt tausend Fäden regt, ein Schlag tausend Verbindungen schlägt, so sehen wir, wie sich immer neue hoffnungsvolle Keime ansetzen. Aber nichts ist so überzeugend, wie die Zahl; und die Angaben, die Hulussi Bej, der Minister der öffentlichen Arbeiten, in der Kammer über die Steigerung der Getreidetransporte auf der Anatolischea Bahn gemacht hat, erwecken die Vorstellung von dem entfesselten Riesen, der seiner Bande ledig sich zu recken beginnt und die Welt durch seine gewaltige Kraft verblüfft. Im Jahre 1908, dem Jahre der Wiedergeburt des Verfassungsstaates, wurden auf der Anatolischen Bahn 198,4 Millionen Kilogramm Getreide, in den ersten zehn Monaten des laufenden Jahres jedoch 507,4 Millionen kg Getreide transportiert — das bedeutet in drei Jahren eine Steigerung nicht nur des Verkehrs, sondern vor allem der Produktion um das Dreifache! Dabei sind wir erst am Anfange der Entwicklung, die sich in dem Maße fortsetzen wird, wie die wachsenden Schienenwege neue Gebiete in das Getriebe der Volkswirtschaft einbeziehen, Verbesserung in Verwaltung und Rechtspflege die Rechtssicherheit erhöhen und eine freie Presse die Bürgschaft biete, daß Bedrückung und Unrecht ihre Sühne finden. Daß alle Gradmesser des wirtschaftlichen Wohles eine steigende Tendenz aufweisen, geht auch aus folgenden Daten hervor: Die Zolleinn ahmen haben sich im Laufe eines Jahrfünfts fast verdoppelt, die Einnahmen aus dem Eisenbahnverkehr weisen erhebliche Steigerungen auf. Haidar Pascha— Angora, Salonik—Monastir, Srnyrna—Akaba erfordern keine Kilometergarantie mehr. Auch die inneren Abgaben haben in den letzten beiden Etatsjahren wachsende Einnahmen ergeben, insbesondere die Zehnten. Der vor einigen Tagen veröffentlichte Bericht 4er Dette Publique hat bei der ihm überwiesenen Verwaltung der Zehnten, des Aghnam usw. im Jahre 1326 eine Steigerung um 6,28 Prozent gegen das Jahr 1325 festgestellt bei gleichzeitiger Ermäßigung der Kilometer-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.