Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316510--55346-3349170- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 49 mejSelt 1325 mit einem Budget von ca. 4000 £ nicht sehr viel leisten läßt. Wo die A. J. A. miit der Alliance gemeinschaftlich Schulen unterhält, da tut es die A. J. A. meistens wegen der englischen Sprache, die von großem geschäftlichen Nutzen ist. In dieser Hinsicht soll anerkannt werden, daß die A. J. VA. nicht die Rolle unter den orientalischen Juden spielt, wie wir sie leider bei der Alliance zu beklagen haben. Nicht als ob die Leiter der A. J. A. nicht ebensogut englisch gesinnt sind, wie das Pariser Central-Comite der Alliance französisch, aber die A. J. A. ist mehr jüdisch. Die Behauptung der Miß Annie E. Landau, der Direktorin der Evelina de Rothschild-Mädchenschule in Jerusalem, die als Entschuldigung für die englische Unterrichtssprache dieser Schule öffentlich erklärte, daß die hebräische Sprache für die moralische Ausbildung der Mädchen nicht ausreichend sei, war eine Entgleisung, die berechtigterweise einen sehr scharfen Protest der jüdischen Lehrerschaft in Palästina hervorrief, aber es soll auch zugegeben werden, daß die Schule doch gut jüdisch geleitet wird. Die Zeit, wo es allgemein anerkannt sein wird, welchen schweren Schaden eine gemischte französisch-englisch-deutsche Erziehung den jüdischen Kindern Palästinas zufügt, ist noch nicht da, aber sie ist schon auf dem Wege. Wie gesagt, politisch ist die A. J. A. sehr zurückgegangen. In dieser Hinsicht haben die englischen Juden eine Wandlung durchgemacht, die ihnen nicht zum Ruhm gereicht. Jene glorreichen Tage, da Sir John Simon oder Baron Henry de Worms (später Lord Pirbright), der frühere Präsident der A. J. A., ihre Stimme mutig im Parlament erhoben, um den Gerechtigkeitssinn der englischen öffentlichen Meinung für die russischen und rumänischen Juden wachzurufen, sind vorbei. Wir haben das während der Debatten über die Aliens Bill gesehen, wo eine rein jüdische Angelegenheit verhandelt wurde, ohne daß die große Mehrzahl der jüdischen Abgeordneten sich der Sache angenommen hätten, und jetzt, wo bekanntlich die Idee der Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates streng verpönt ist (ausgenommen solche Kleinigkeiten wie Marokko, Tripolis und Persien), haben sogar die allzu wenigen mutigen jüdischen Parlamentsmitglieder ihr bißchen Courage gänzlich verloren. Die Anglo-Jewish Association erhält wohl hin und wieder von den englischen Konsuln einige Unterstützung für etwaige bedrängte Juden im Orient, aber es ist das auch alles, was jetzt erwartet werden kann. Während ihrer vierzigjährigen Tätigkeit hat die A. J. A. wohl manchesmal in die Räder der jüdischen Geschichte einzugreifen versucht, aber sie aus den Angeln zu heben und irgenwie auf eine andere Basis zu stellen, dazu fehlten der Anglo-Jewish Association die nötigen Kräfte. Die Politik des Sir Edward Grey Auch für uns Juden ist die Politik des Sir Edward Grey, des englischen Ministers des AeuBern, nicht ohne Bedeutung. Als die englisch-russische Entente vom verstorbenen König Eduard VII. eingeleitet wurde, da zeigte sich eine wenn auch sehr schwache Hoffnung, daß das neue freundschaftliche Verhältnis zwischen England und Rußland eine gewisse Rückwirkung auf die innere Politik Rußlands ausüben könnte. Eine Rückwirkung ist gewiß eingetreten, aber nicht in einem uns erwünschten Sinne. Die Art, mit der Sir Edward Grey sich an Rußland mit Haut und Haaren verkauft hat, wird ihm wohl in radikalen Kreisen sehr übelgenommen, aber es scheint, als ob seine Politik im großen und ganzen doch den Wünschen der englischen öffentlichen Meinung entspricht. Was könnten nun schon gar die Juden in Rußland von der Fürsorge Sir Edward Greys erwarten. Sind doch unsere Hoffnungen selbst da sehr gering, wo die englischen Juden vollen Anspruch auf seine Unterstützung haben. So sehr man daher Mr. Joseph Co wen zustimmen muß, der in dem „Jewish Cronicle" die englischen Juden auffordert, die schmachvolle Behandlung englisch-jüdischer Untertanen seitens der russischen Regierung zugleich mit der jetzt erörterten russisch-amerikanischen Paßfrage aufzurollen, so kann man doch nicht umhin, diesen Appell als eine nutzlose Vergeudung unserer ohnehin schwachen Kräfte und eine Bloßstellung unserer Ohnmacht zu betrachten. Daß sogar dem jüdischen Minister, Mr. Herbert Samuel, Schwierigkeiten bereitet wurden, die eine beabsichtigte Reise nach Rußland verhinderten, kann seinem Kollegen Sir Edward Grey nicht ganz unbekannt sein, aber er hat schon wichtigere englische Interessen zurückgestellt, um seine Politik durchzuführen . . . Brief aus Konstantinopel (Van unserem Berichterstatter.) Wieder ein neues türkisches Schulgesetz Mit Emrullah Effendi ist seinerzeit auch das von ihm vorgelegte Schulgesetzprojekt gefallen. Der neue Unterrichtsminister Abdurrahman Bej hat sich nun seinerseits an die Ausarbeitung eines Gesetzvorschlages gemacht, der dieser Tage seine Vollendung erfahren hat. Das neue Schulgesetz ist auf völlig neuer Basis aufgebaut. Der kulturellen Autonomie der einzelnen ottomanischen Völkerschaften ist darin der denkbar weiteste Spielraum gelassen. Jede Nationalität wird das Recht haben, auf ihren Namen alle von ihr gewünschten Schulen jeder Stufe bis zur Universität hinauf zu errichten. DieseAnstaltenkönnenjedebe liebige Sprache zur Unterrichtssprache haben, sofern in den höheren Stufen nur die Staatssprache ebenfalls gelehrt wird. Die Programme brauchen nur ein einziges Mal, und zwarbeider Begründung,d u rchdiegeistlicheOberbehörde der Nationalität dem Ministerium vorgelegt zu werden. Alle diese Anstalten, mit Ausnahme derUniversitäten, werdenvollkommengleiche Berechtigungen erteilen wie die Staatsanstalten. Die fremden Privatschulen werden eines Jrade zu ihrer Gründung bedürfen. Näheres über den hochwichtigen Plan ein anderes Mal. Die „Entente Liberale" und die Nationalitäten Fs versteht sich, daß die ottomanischen Juden das größte Interesse an der Frage haben;, wie die neue Partei, die das Strebern und die feste Zuversicht hat, die Regierungsgewalt an sich zu reißen, nachdem sie die Kammermehrheit errungen hat, über die Nationalitätenfrage denkt. Das Programm der Entente ist in dieser Beziehung ziemlich unklar, es verspricht nur im allgemeinen, daß die kulturellen Interessen der verschiedenen Völkerschaften entschieden gewahrt werden sollen. Es ist in diesem Zusammenhange bezeichnend, daß die national bestorganisierte Parlamentsgruppe, die Griechen, es bisher, entgegen den gehegten Vermutungen, abgelehnt hat, in die Entente einzutreten, weil ihr Programm nicht klar genug diesen Punkt behandelt. Sie ist zwar bereit, mit ihr dauernd zusammen zu gehen, solange die Entente sich den Grundsätzen der Griechenpartei konform verhält, kündigt ihr aber ausdrückliche Gegnerschaft an für den Fall, daß sie einmal die Rechte der Nationalitäten nicht genügend wahren sollte. Diese mannhafte Stellungnahme der Grieche^, an der sich die vier stummen jüdischen Deputierten der türkischen Kammer ein Beispiel nehmen könnten, jedenfalls aber nicht nehmen werden, hat eine bedeutsame Aussprache des anerkannten Führers der Entente, des Obersten Sadik Bej, mit einem Redakteur des griechischen „Proodos" herbeigeführt. Es ist ein pikantes Detail für uns Juden, daß der Journalist den mächtigen Oppositionsführer in vertraulichster Unterhaltung just mit Schaban Effendi antraf, einem Offizier und ehemaligen Komiteemitgliede, der vor zwei Wochen als Zeuge im Prozesse gegen die Mörder Seki Bejs das Memorandum des Ermordeten verlesen und so außerordentliche „Enthüllungen" über Judentum, Zionismus, Freimaurertum und Komitee gemacht hat. Nicht ausgeschlossen also, was übrigens auch von verschiedener Seite behauptet wird, daß Oberst Sadik Bej die Stelle ist, von der seit langem die Angriffe auf Judentum und« Zionismus ausgehen, welche mehr das Komitee und ihre Führer als jene treffen sollen. Ueber die Stellung der Partei zu den Nationalitäten äußerte sich Sadik Bej wie folgt: „Unsere Politik gegenüber den Nationalitäten ist klar und fest bestimmt. Nach Paragraph 16 unseres Programm es verlangen wir die ottomanische Verbrüderung durch Wahrung der Interessen aller Elemente in Harmonie mit der ottomanischen Einheit. Wir erblicken diese wahren Interessen in der Sicherung des gegenwärtigen Status quo der Existenz der Nationalitäten. Es wird sicherlich niemals irgendeiner derselben, sei sie muselmanisch oder nicht, erlaubt sein, sich ein Recht der Vorherrschaft über die anderen anzumaßen. Wir sind absolut überzeugt, daß eine Fortdauer des Lebens des ottomaiuschien Staates ■ ■