Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Gouvernement Podolien, den der in Aussicht gestellte Lohn — die Avancierung im Amte und die Versetzung nach Kiew — zur kühnen Tat anspornte, übernahm es, die Schuld des armen Juden nachzuweisen. — Die Verteidigung des Angeklagten soll, neben den Berufsanwälten Grusenberg und Margolin, auch der berühmte russische Schriftsteller Wladimir Korolenko, ein hingebungsvoller Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit, übernommen haben. — In der Jagd nach Beweisen für den Ritualmord um jeden Preis ließ man sich herbei, in aller Form das Gutachten eines Odessaer Droschkenkutschers einzuziehen. Der eigentümliche Experte hat sich vor einigen Jahren durch niederträchtige Verleumdung der Odessaer jüdischen Gemeinde, die er revolutionärer Umtriebe beschuldigte, „berühmt" gemacht. Seit jener Zeit genießt er die besondere Gunst der „schwarzen Hundertschaft". Man glaubte nun annehmen zu dürfen, daß der verdienstvolle Denunziant sich auch diesmal nützlich machen würde, mußte aber die Enttäuschung erleben, daß der echtrussisch gesinnte Droschkenkutscher die Frage, ob die Juden Christenblut gebrauchen, verneinend beantwortete. Das Odessaer Patriotenblatt „Russkaja Rjetsch" bemerkte hierzu, daß Gran — dies der Name des befragten Sachverständigen — freilich des Vertrauens würdig sei, es erscheine aber zweifelhaft, ob er auch wirklich gut informiert sei, ob ihn nicht vielmehr die Juden von ihren wichtigsten Geheimnissen fernhielten. Die Ritualmordinterpellation - angenommen Der Block der wutschnaubenden Pogromhelden von der Rechten und der politischen Falschmünzer vom Zentrum hat sich wieder einmal bewährt, und die Ritualmordhetzer haben wieder eine Chance mehr. Am 30. November beriet die zuständige Dumakommission über die vor acht Tagen eingebrachte äieue Interpellation der Rechten betreffend den Kiewer Ritualmord. Die feige Verlogenheit der Herren Oktobristen stand wieder einmal im schönsten Lichte. Der Referent, Abgeordneter Lutz (Oktobrist), der seinerzeit gegen die erste Blutlügeinterpellation votierte, änderte jetzt seine Ansicht und empfahl die Annahme des neuesten Machwerks der Pogromhetze. Der Wandel in der Gesinnung des edlen Abgeordneten erklärt sich dadurch, daß ihn Purischkewitsch vor kurzem in dem Odessaer Patriotenblatt „Russkaja Rjetsch" streng zurechtwies und die Chersoner Gesinnungsgenossen aufforderte, bei den Wahlen in die vierte Duma gegen Lutz zu votieren. — Dem geschmeidigen Herrn Lutz schlössen sich seine Fraktionsgenossen an, und die „Interpellation" wurdegegen die Stimmen der Opposition angenommen. Der Vertreter des Polenklubs, Herr Jaronsky, tat sehr gewissenhaft und — diplomatisch und enthielt sich der Stimme. Die Ansiedlungsvorlage All diese Siege der Rechten, werden wohl nicht ohne Einfluß auf das Geschick der Ansiedlungsvorlage bleiben. Bekanntlich haben die Vertreter der konstitutionell-demokratischen Partei im Seniorenkonvent der Reichsduma den Antrag der Arbeiterpartei auf Behandlung der Initiativvorlage wegen Aufhebung des Ansiedlungsrayon in der laufenden Session nicht unterstützt, und der Antrag wurde abgelehnt. Wie sich nachträglich herausstellte, geschah dies auf den Wunsch des jüdischen Abgeordneten Nisselo witsch, der bei der gegenwärtigen verschärften antisemitischen Stimmung in der Reichsduma von der Behandlung der Vorlage in der laufenden Session das Schlimmste befürchtete. Nun sind es jetzt gerade die Parteien der aggressiven Reaktion, die auf die Behandlung der Ansiedlungsvorlage dringen, um sie zu Falle zu bringen. Ihre glänzenden Siege bei der Behandlung der finnischen Gesetzprojekte und der Blutlüge-Interpellation gewähren ihnen die Zuversicht auf einen neuen Sieg. Der oktobristisch-nationalistische Block soll den Herren der Situation die Möglichkeit geben, die wichtigsten Beratungsgegenstände der Duma in kurzer Zeit zu erledigen. Nicht nur der Ausgang, sondern auch der Umfang der Debatten soll durch diesen Block bestimmt werden. Auf diese Weise wird man binnen kurzem die Ansiedlungsvorlage in Angriff nehmen können, um sie unverzüglich ablehnend zu erledigen. Das Stolypinsche Zirkular Inzwischen soll dem jüdischen „Wohnrecht" an anderer Stelle zur Ader gelassen werden. Dazu soll das bekannte Stolypinsche Zirkular herhalten. Wie erinnerlich, hat Stolypin am 1. August 1906, zu einer Zeit, als er von liberalen Anwandlungen noch nicht ganz frei war, zirkularisch verordnet, die Juden, die sich bis dahin außerhalb des Ansiedlungsrayonsi niederließen, unbehelligt am Platze zu lassen, „wenn sie keine Gefahr für die ortsansässige Bevölkerung bieten". Gegen diese ,gesetzwidrige Handlung" hat die „Rechte" vor längerer Zeit eine Interpellation eingebracht. Jetzt haben sie es durchgesetzt, daß ihre Interpellation binnen kurzem im Plenum zur Behandlung kommen soll. Wie es scheint, haben sie sich in ihrer Rechnung auf eine weitgehende Berücksichtigung ihrer — wohl nicht unwillkommenen — Interpellation nicht getäuscht. Wie aus Kiew berichtet wird, soll die dortige Behörde von der Zentralregierung ein Rundschreiben erhalten haben, welches die Rechtsgültigkeit des Stolypinschen Zirkulars annulliert. Ausweisungen Die Stimmung der hohen politischen Sphären wird von den feinfühligen lokalen Behörden mit großer Gewissenhaftigkeit belauscht und befolgt. So wiurde dieser Tage vom Petersburger Stadthauptmann gegen 145 jüdische Handwerker, die die Handwerkerkammer aus den Listen der Zünfte gestrichen, die Ausweisung verfügt. Im unglückseligen Kiew nimmt die Hetzjagd auf wohnrechtlose Juden mit ihren üblichen Begleiterscheinungen, wie nächtliche Streifen und dergl., geradezu fabelhafte Dimensionen an. Vor kurzem wurden auf diese Weise in einer Nacht mehr als 40 wohnrechtlose Juden festgenommen und ausgewiesen. Aus dem Kreise Lukow (Gouvernement Sjedletz) wurden dieser Tage fünfzig jüdische Familien, die auf Bauerngrundstücken ansässig waren, ausgewiesen. Häufig vergreift sich die diensteifrige Behörde auch an Personen, deren Wohnrecht außer allem Zweifel steht. So wrurde vor kurzem aus Astrachan der geschäftshalber zugereiste jüdische Ingenieur Rabin'O witsch, dem seine Hochschulbildung das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons verleiht, ohne weiteres ausgewiesen. Das Schönste leistete sich indes die Polizei in Semip a 1 a t i n s k. Hier wurde vor kurzem ein jüdischer Kaufmann, der das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungrayons besitzt, festgenommen und vier Tage im Gefängnis genalten, wobei es ihm nicht gestattet wurde, ein Beschwerdetelegramm nach Petersburg zu richten. Es hat nicht viel gefehlt, daß er die Unbilden der sibirischen Per-Schub-Beförderung gekostet hätte. Glücklicherweise war er in der Lage, eine Spende von 200 Rubeln zugunsten des lokalen Feuerwehrvereins zur Verfügung zu stellen, wofür er mit der bloßen Ausweisung davonkam. Der betreffende Kaufmann, der über den Vorfall in der „Rjetsch" berichtet, fragt naiv, was denn aus ihm geworden wäre, wenn er die nötigen 200 Rubel nicht besessen oder wenn es in Semipalatinsk keinen Feuerwehrverein gegeben hätte? Brief aus London (Von unserem Berichterstatter.) Anglo-Jewish-Association Die Jahresversammlung der Anglo-Jewish Association, die vorigen Sonntag unter dem Vorsitz ihres Präsidenten, Claude G. Montefiore,in Bristol stattfand, ist umsomehr beachtenswert, als sie hiermit den vierzigsten Jahrestag ihrer Gründung feiert. Auch beansprucht dieses Ereignis ein allgemeines Interesse, da die Anglo-Jewish Association fast das einzige Bindemittel zwischen den Juden Englands und der großen jüdischen Welt darstellt. Die A. J. A. bezeichnet sich offiziell als ein Zweig der Alliance Israelite Universelle, und wurde gegründet im Jahre 1871, da der deutsch-französische Krieg eine Lahmlegung, wenn nicht gar eine Einstellung der Arbeit der Alliance herbeizuführen drohte. Den Weltgedanken der Alliance dem Nützlichkeitsdrange opfernd, wurde die Anglo- Jewish Association als eine rein englisch-jüdische Gesellschaft ins Leben gerufen, um die Zwecke der Alliance zu unterstützen. Wie die Alliance, ist die A. J. A. ein Schulverein — hier englisch, dort französisch — und die diplomatische Arbeit, die einst von nicht geringer Bedeutung war, ist in den letzten Zeiten fast ganz in den Hintergrund getreten. Die Schulen, die von der A. J. A. in der Türkei, Aegypten, Griechenland, Rumänien, Marokko und Indien subventioniert werden, haben eine Schülerzahl von über 10000, obwohl sich