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Die Welt · 1911-12-08 · 49 (8.12.1911) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
49 (8.12.1911)
Date
1911-12-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 49 . D1E2 daß aus dem wohltätigen Zwecken gewidmeten Legate des Freiherrn von Rothschild dem Studentenheim der ansehnliche Betrag von 20 000 Kronen zugeflossen ist. Alle Kräfte werden nun vereinigt, damit der Grundstein für diese so dringende Heimstätte ehestens gelegt werden kann. Ein Viererausschuß, bestehend aus den Herren Luzian Brunner, Dr. Low, Dr. Lanzer und dem Obmanne des innerösterreichischen, zionistischen Distriktes Dr. J. H. Körner, hat sich zu energischer Propaganda für diese hochwichtige Aktion zusammengetan. Der Reingewinn der Makkabäerfeier sämtlicher zionistischer Vereine Wiens, die unter Mitwirkung des Mitgliedes unseres E. A. C. Dr. S. Lewin in den Sophiensälen am 12. Dezember abgehalten wird, ist dem Studentenheim gewidmet. Alle jüdisch-akademischen Korporationen der Wiener Hochschulen werden die Ueberschüsse ihrer diesjährigen Veranstaltungen dem gleichen Zwecke zuführen, und der Obmann des ersten Wiener jüdischen Turnvereins, Herr Dr. Immerglück, hat namens seiner Vereinigung zugesagt, für das Heim, in welchem sich auch eine jüdische Turnhalle befinden wird, eine großzügige Aktion zu entfalten. Jetzt gilt es, die ganze jüdische Oeffentlichkeit zur Mitarbeit an diesem schönen Werke aufzurufen. Es handelt sich um eine hochwichtige, allgemein jüdische Angelegenheit, die keinen weiteren Aufschub verträgt. „Union"-Versammlung Nichts ist trostloser, als eine Vereinsversammlung der „O e s t e r r e i c h i s c h -1 s r a e I i t i s c h e n Union". Der große Saal ist unheimlich leer. An ein paar Tischen verzehren ungefähr dreißig Herren — fast keiner jünger als 60 Jahre — umständlich ihr Nachtmahl. Kein Nachwuchs, keine Anteilnahme, kein Fünkchen von jener wunderbaren Erneuerung, die der ganzen jüdischen Gegenwart Sinn und Leben gibt. Und doch hat es sich in der Versammlung vom 30. November um eine hochwichtige Angelegenheit gehandelt, die — wenn sie in guten Händen ruht — ein gesundes Stück jüdischer Gegenwartsarbeit zu werden verspricht, nämlich um die Schaffung einer Gesamtorganisation zur Regelunodes jüdischen Wanderbettels. Bekanntlich besitzt Deutschland seit 1. Oktober 1910 eine derartige Organisation, die „Deutsche Zentralstelle", die klaglos funktioniert und einem doppelten Zwecke dient: Kranke Wanderbettler werden in ihre Heimatgemeinde befördert, also zu Ortsannen gemacht, die von ihrer Gemeinde — wenn erforderlich unter Mithilfe der neuen Organisation — erhalten werden. Gesunde, körperlich rüstige, professionsmäßige Wanderarme hingegen, die der Arbeit entwöhnt sind und sich ihr Lebenlang von Gemeindezu Gemeinde fortbetteln, sollen Arbeitsstätten zugeführt und zu einem Handwerk erzogen werden, damit sie sich wieder selbst erhalten körinen. In Weißensee besteht bereits eine solche Arbeitskolonie und erzielt gute Resultate. Diese Art der jüdischen Armenfürsorge ist also als Mittel zur körperlichen und moralischen Hebung eines, wenn auch sehr kleinen Bruchteiles unserer Elendmassen entschieden zu begrüßen, und eine solche Organisation soll nun mit einer Zentralstelle in Wien und Kreisarmenkassen in der Provinz auch in Oesterreich ins Leben gerufen werden. Das sonst treffliche Referat des Präsidenten der „Union". Herrn Dr. Samuely, ließ das Allerwiclitigste vermissen: die Darlegung der Ursachen, die den jüdischen Wanderbettel hervorrufen und fördern. Allerdings ist Herrn Dr. Samuely zugute zu halten, daß man in der Union" über die Sünden der assimilatorischen Politik, die in den mehrsprachigen Ländern den nationalen, antisemitischen Boykott verschärft und jüdische Gewerbetreibende, Landwirte und Kaufleute zu vagierenden Schnorrern degradiert, unmöglich sprechen kann. Die „Oesterreichisch-israelitische Union" ist ja der Hort dieser Assimilationspolitik! Es ist noch unvergessen, daß ihre Führer das Friedenswerk des Landesausschusses in der Bukowina, der im Interesse der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung anläßlich der Schaffung nationaler Kurien auch eine eigene jüdische Kurie vorsah, im Bunde mit Kuranda und L ö w e nstein durch häßliche Hintertreppenpolitik im Ministerium des Innern hintertrieben haben und zum Verdruß aller Beteiligten die Bukowinensisclien Juden in die deutsche Kurie zwängten. Was soll man aber dazu sagen, daß von der neu zu schaffenden „Gesamtorganisation" Galizien von vornherein ausgeschlössen wird? Man denke: Das Land der £ELT ■ i 1323 krassesten Judennot, aus weichem sich erwiesenermaßen der weitaus größte Teil der unglücklichen wandernden Hungerleider in die anderen Provinzen ergießt, der Teil des Reiches, in welchem 80 °/o der österreichischen Juden wohnen, wird in diese merkwürdige „Gesamtorganisation" nicht einbezogen. Wo liegt die Ursache? Verträgt sich's etwa mit dem deutschfreiheitlichen Geist der Initiatoren nicht, mit den polnischen Juden zusammenzuwirken? Soll eine ähnliche Spottgeburt das Licht der Welt erblicken, wie der „Gemeindebund", der sich unter Ausschluß Galiziens etabliert? Wir hoffen, daß die gute und großherzige Idee der Schaffung einer modernen Fürsorge für die jüdischen Wanderbettler Oesterreichs nicht an dem kleinen Geiste der „Union" scheitert. Der böse „jüdische Zwischenhandel" In den Tagen der krassen Lebensmittelteuerung ist es ein beliebtes Schlagwort der antisemitischen Parteien, daß der ,,jüdische Spekulationsgeist", der „wucherische semitische Zwischenhandel" die gewaltige Teuerung auf dem Gewissen habe. Aus allen judenfeindlichen Versammlungen hört man die entfesselten Instinkte nach Ausschaltung der „verbrecherischen jüdischen Brot-, Fleisch- und Milchspekulanten" schreien. Da hat zu guter Stunde einer unserer fähigsten Parlamentarier, der (arische) Abgeordnete Dr. Lecher, jüngst im Abgeordnetenhause eine treffliche Rede gehalten, in welcher er dem Schwindel tüchtig an den Leib rückte, dem Zwischenhandel die Schuld an der wirtschaftlichen Not beimessen zu wollen. Dieses Märchen werde nur aus nationalen oder „a n - deren politischen Gründen" verbreitet. Der Marktdetailpreis werde durch Monopole, begründet durch Eigentumsverhältnisse oder durch zolltarifarische Verhältnisse oder Kartelle oder durch eine Kombination aller dieser Momente, auf die allerhöchste Stufe getrieben. Von diesen hohen Preisen profitiere der Händler gar nichts. Er sei vielmehr ein Gefangener der Kartelle und der großen Syndikate. Der Händler habe daher an der wilden Preisbildung gar kein Interesse. Dr. Lecher hat ein gutes Wort zur rechten Zeit gesprochen. Es mußte endlich dem infamen Versuch begegnet werden, den Judenhaß mit der Phrase vom wucherischen jüdischen Zwischenhandel, der „auf Aushungerung der christlichen Mitbürger hinarbeite", von neuem aufzustacheln. Brief aus Rußland (Von unserem Berichterstatter.) Zur Kiewer Ritualmordhetze Die Interpellation der „Rechten" betreffs des Kiewer „Ritualmordes" hatte bereits den Erfolg, daß die Kiewer Polizei von Petersburg aus aufgefordert wurde, Näheres über die Beweggründe zu berichten, die zur ursprünglichen Verhaftung der Verwandten Juschtschinsk}rs führten. In gut informierten Kiewer Kreisen herrscht die Ueberzeugung, daß der Mord an dem unglücklichen Knaben von Berufsverbrechern begangen wurde, die durch den simulierten Ritualmord einen Plünderern und Mordbrennern bekanntlich immer erwünschten Pogrom hervorrufen wollten. Der Plan soll in der Wohnung eines Verwandten des Knaben ausgearbeitet worden sein. Ob gewisse „Patrioten"kreise, die ein Interesse an der Ritualmordhetze haben, von vornherein an der Sache aktiv beteiligt waren, bleibt dahingestellt. Jedenfalls läßt die Aehnlichkeit des Mordes mit der Schilderung des berüchtigten Ritualmordlügners Lutostansky auf die tätige Mitwirkung von „Gebildeten" schließen. Die offenkundige Tätigkeit der Herren Patrioten setzt erst post factum ein und findet ihren Ausdruck in einer wüsten Pogromagitation im Zusammenhange mit dem ,,Ritualmorde" und in den unverschämtesten Machenschaften zur Beeinflussung der Polizei und der Untersuchungsbehörde. Die neuerdings infolge der Petersburger Verordnungen angestellten Recherchen haben in diesen Kreisen eine große Nervosität gezeitigt. — Vorläufig steht ihre Sache allerdings gar nicht so schlecht. Für die edle Aufgabe der Abfassung der Anklageschrift gegen den Juden B e i 1 i s , die die Kiewer Mitglieder der Staatsanwaltschaft dankend ablehnten, fand sich ein auswärtiger Helfer in der Not. Der Staatsanwalt des Kreises W i n n i t z a,

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