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Die Welt · 1911-12-08 · 49 (8.12.1911) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
49 (8.12.1911)
Date
1911-12-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1318 DiEJ§ffiLT Nr. 49 hätte sie hauptsächlich zu pflegen: die von uns sog. Wissenschaft des Judentums in allen ihren Einzeldisziplinen, semitische Sprachen und Literaturen, klassische Philologie, allgemeine Geschichte und Literaturgeschichte, Philosophie, Psychologie, Soziologie usw. Eine solche Hochschule erfordert keine allzugroßen Geldmittel, während geeignete hebräische Lehrkräfte teilweise schon vorhanden sind. Natürlich könnten nicht sofort alle Lehrfächer zugleich Vertretung finden. Aus kleinen Anfängen mag das Ganze erstehen, um vielleicht später zu einer vollständigen Universität sich zu erweitern. Jedenfalls muß der Anfang jetzt gemacht werden. Wir dürfen nicht länger warten: die Zeit drängt. - Diese praktische Anregung hat das heimliche Phantom einzelner ihnen durch Erweckung der „Realisierungstendenz" zum Ideal gewandelt. Aber noch ist der Idealcharakter schwach und schwankend. Die Erlebenden wissen: Erweitert sich ihr Ideal nicht zu einem solchen der Gemeinschaft, so nimmt es besser wieder seinen alten Phantomcharakter an. Denn das Idealgebilde stellt, wie wir sagten, nur eine Teilerscheinung in dem Gesamtprozeß dar, welcher seinen eigentlichen Abschluß erst in der erstrebten „Idealwirklichkeit" findet. Dieser Abschluß läßt sich jedoch in unserem Falle nur dann erreichen, wenn der Gedanke, welcher einigen Individuen zum Ideal geworden ist, von der Gemeinschaft idealisch erlebt wird; d. h. als Ideal getragen wird wenigstens von einer bestimmten kollektiven Minderheit des jüdischen Volkes. Sonst bleibt das Ideal unrealisierbar. Und dann wäre von vornherein die Rück Wandlung in seinen früheren Zustand vorzuziehen: es möchte dann leicht dienlicher sein als reines Phantom einsamer Träumer, * * * Wie wird die Entwicklung verlaufen? Dürfen wir hoffen und bauen auf die Fähigkeit des jüdischen Volkes — Ideale zu bilden? Dürfen wir hoffen, daß das bisherige Phantom einzelner, welches ihren schüchtern idealischen Charakter an genommen hat, auch von der Volksseele idealisch erlebt wird und die Verwirklichung kraftvoll in die Wege geleitet werden wird? Oder müssen die vereinzelten Träumer wieder heimlich weiterträumen? Dies also ist die Frage: Phantom oder Ideal? Schear Jasen ub. Notizbuch Aufrichtige Bekenntnisse. In einem Aufsatz „Positives Judentum", der in der „Aligem. Zeitung d. Jud." abgedruckt war, beklagte sich Herr Rabbiner Dr. S a ni u e 1 - Essen, daß im modernen Judentum die Betonung des religiösen Elements im persönlichen und öffentlichen Leben stärker zurückgegangen sei, als bei den christlichen Religionsgemeinschaften; der Rabbiner in den Synagogen habe gar kein oder ein Zufallspublikum; die Synagogenscheu müsse überwunden werden, „die Belebung jüdischer Gedanken und Gesinnung'1 müsse wieder von der Synagoge ausgehen. Diese Klage und diese Aufforderung haben Herrn Justizrat Dr. Felix M a k o w e r zu einer Erwiderung veranlaßt, deren Anfang in der letzten Nummer der genannten Zeitschrift erschienen ist. Herr Dr. Felix Makower meint, daß Rabbiner und jüdische Gemeindeverwaltungen um die Wette es allen denen, die den orthodoxen Standpunkt verlassen haben, auf das höchste erschweren, Beziehungen zu den Rabbinern und den Gemeinde-Einrichtungen aufrechtzuerhalten4* . . . zunächst durch Festhalten am Freitag nachmittag (?) und Sonnabend als Zeiten des Gottesdienstes; eine weitere Erschwerung liegt, nach der Ansicht des Herrn Dr. Makower, in dem Festhalten an einer fremden Sprach e (Kursiv des Originals) als derjenigen des Gottesdienstes. Er fügt noch hinzu, die Trennung der Geschlechter beim Gottesdienst bilde auch eine Erschwerung; er verurteilt dann die Behandlung der Frauen als „Wesen zweiter Ordnung", - die Speisegesetze usw. Also, wenn die Rabbiner den „Tag des Herrn41 einsetzen, die fremde Sprache, d. h. die hebräische, abschaffen und die Frauen als ,,Wesen erster Ordnung'4, d. Ii. etwa als Vorbeterinnen fungieren lassen werden, dann ist „die. Belebung der jüdischen Gedanken und Gesinnung" sichergestellt. Hebraismus-reine Sonntagsunterhaltungen, womöglich in Dame-Heerdes, etwa theologisierende Five-o-clock's — das wäre das neue Bild im Kaleidoskop der verschiedenartig versuchten Kultusakte. Ein verworrenes und verschlungenes Bild. Nennen wir's: ein liberal-religiös-sonntäglich-suffragistisch-antihebräisches Kuddel-Muddel. Ich weiß nur nicht, warum die Rabbiner, nach dein Vorschlag des Herrn Dr. Makower, dieses sonderbare Experiment machen sollen. Die Rabbiner? Ist ja auch diese Benennung ein Wort aus jener „fremden Sprache", die Herr Dr. Makower rücksichtslos ausrotten möchte! Dieses drollige Ansinnen erinnert mich an ein Wort des alten Wloclawker Rav, Reb Chaim Josef Karo. Er war deutscher Staatsangehöriger, aber ganz im Osten akklimatisiert, wo er 40—50 Jahre als Rabbiner fungierte. Er war über 90 Jahre alt, als die russische Regierung daran ging, die „ausländischen Juden'4 auszuweisen. Der greise Rabbi sollte auch ausgewiesen werden. Selbstverständlich war die Aufregung in der Kehilla groß; alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt, Protektionen, Bakschisch, Ratschläge aller Art. Als sich die unerquickliche Angelegenheit in die Länge gezogen hatte, wurde der Rabbi ungeduldig. Was soll denn so ein ausgewiesener Ausländer unternehmen, wenn die Kreisbehörde seiner Bitte keine Folge leistet? --- fragte er den Parneß. Dann muß er sich an die Provinzialbehörde wenden erwidert dieser. Und wenn auch die Provinzialbehörde absagt? Dann bleibt nur noch Petersburg! Und wenn auch dies nicht hilft? — Dann, antwortete der Parneß, muß sich eben der Mann, wenn er bleiben will, taufen lassen. So? sagte der Rabbi naiv jetzt hab ich's heraus! Also, um in Wloclawek Rabbiner sein zu dürfen, muß man sich taufen lassen! Der Vorschlag des Herrn Dr. Makower streift sehr hart daran. Damit die Rabbiner religiös wirken können, sollen sie sich zuerst von allem lossagen, was die Religion bildet. Ja, was bliebe dann noch zu,,wirken"? Deutsch reden über Monismus, bunte Phrasenflitter über Ethik, Menschheit, Mission u. dgl. ■— ja, dazu sind gar nicht Rabbiner, nicht einmal Juden nötig! Ich muß jedoch sagen, daß mich der Makower'schc Aufsatz tief gerührt hat. Es klingt aus ihm ein Ton wahrer Ueberzeugung und großer Aufrichtigkeit heraus. Das „Manischt a n a" des Herrn Dr. Samuel-Essen ist eine richtige und ernste Frage. Warum ist es anders? Daß Herr Dr. Makower auf diese Frage reagiert und daß er von seinem Standpunkt mit lobenswerter Offenherzigkeit seine Reformwünsche kundgibt, ist nützlich, weil es zur Klärung der Lage beiträgt. Nur sind die Voraussetzt! n g e n falsch. Das Judentum ist eben anders; dieses Anderssein bildet eben seine Grundlage. Es ist in einem ganz anderen Lichte zu sehen, nicht in dem #der christlichen Bekenntnisse, die man reformieren oder nicht reformieren kann, sondern in dem eines uralten und doch ewig jungen Kulturvolkes, das seine Ueberlieferungen, seine Schöpfungen, seine Ziele und Ideale hat. Dieses Volk hat seine Ehre und seine Güter; die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag wäre Verrat und Fahnenflucht;

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