Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316510--55338-3349162- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 49 DJE^ELT ■ 1317 Phantom oder Ideal? Die psychologische Forschung versucht neuerdings eine wissenschaftliche Klärung des Begriffes des Ideals. Hiernach bedeutet Ideal einen beliebigen Gegenstand, wofern er als Wert in einem reinen, d. h. von störenden Momenten freien, emotionalen Vorgang mit innerem Streben nach Verwirklichung („Realisierungstendenz") erlebt wird. Ein solches Gebilde stellt sich jedoch nur als Teilerscheinung innerhalb des gesamten, freilich nicht immer zur vollen Entwicklung gelangenden Prozesses dar, welcher seinen eigentlichen Abschluß erst in der „Idealwirklichkeit" findet, im Erleben des verwirklichten Ideals. In engem Verwandtschaftsverhältnis zum Ideal, das keineswegs eine gewissermaßen starre Gegebenheit bildet, stehen zahlreiche andere Bewußtseinsphänomene, derart, daß sich leicht die Grenzlinien verwischen, welche die wissenschaftliche Analyse ihrerseits notwendig ziehen muß. Zu diesen idealverwandten Erscheinungen gehört auch das „Phantom". Es ist, kurz gesagt, ein Ideal ohne ,,R e a 1 i s i e - rungstenden z", ohne jede „Wirklichkeitsbezogenheit". Begreiflicherweise wird gerade ein Phantom mit besonderer Leichtigkeit zum Ideal; während ebenso die Rückwandlung zum Phantom unschwer wieder erfolgen kann. Dies alles gilt für das Erleben des Einzelnen. Aber ähnliches dürfte auch für das Gemeinschaftserleben von der völkerpsychologischen Forschung ermittelt werden. Wir dürfen zweifellos annehmen, daß gelegentlich ein Gemeinschaftsideal aus einem Phantom entsteht, und zwar so, daß ein von einzelnen erlebtes Phantom zunächst ihnen selbst Ideal wird, dann aber als solches in der Gemeinschaftspsyche Wurzel faßt und entsprechende Wirkungen zeitigt. * * * Ein derartiger Prozeß scheint gegenwärtig in der jüdischen Volksseele vor sich gehen zu wollen: ein Individualphantom beginnt bei seinen Trägern Idealcharakter anzunehmen, und die Hoffnung erwacht, daß es übergreifend sich zum Volksideal erweitere. Die eine der modernen Hauptfornien des alten Zionsgedankens bildet bekanntlich der ,,geistige Zionismus" A c h a d H a a m s. Nach dieser Lehre muß zur umfassenden Neubildung Israels allererst seine innere, geistig-sittliche, Gesundung erfolgen. Aber nur auf dem Boden seiner historischen Heimat und zugleich mit deren Verjüngung durch die für das Gesamtwerk begeistertsten und befähigsten Elemente vermag sie sich befriedigend zu vollziehen. Selbstverständlich im Einklang mit den Interessen des Staatsganzen, von dem es politisch einen Teil ausmacht, soll Zion zum geistignationalen Zentrum der jüdischen Gemeinschaft ausgestaltet werden, deren Mehrheit wohl auch weiterhin an der Peripherie jenes Zentrums bleiben wird und bleiben kann, nachdem ein einheitlicher, die Gesamtheit einigender, fester Mittelpunkt geschaffen ist. Von einem solchen Gesichtspunkt aus muß notwendig, bei aller Anerkennung der Unerläßlichkeit eifrigster materiell-kolonisatorischer Tätigkeit in Palästina, die dort zu leistende g e i s t i g - k u 11 u r e 11 e Arbeit am wertvollsten erscheinen. So durfte denn Achad Haam ohne Furcht vor Mißverständnissen, denen er freilich fortwährend begegnet, einmal die Aeußerung tun : „Die Errichtung einer großen Lehranstalt für Wissenschaft oder Kunst in Palästina . . . ist . . . meiner Ansicht nach eine nationale Großtat, welche uns unserem Ziele näher bringt als hundert Ackerbaukolonien."*) Dergestalt geschah es, daß mancher „geistige Zionist" heimlich von einer hebräischen, hauptsächlich etwa den Geisteswissenschaften als Pflegestätte dienenden Hochschule in Palästina zu träumen begann. Schon gibt es dort hebräische Gymnasien und Anstalten für Kunst und Musik; eine technische Hochschule, sogar ein medizinischnaturwissenschaftliches Institut sind im Werden begriffen. Aber gerade, weil bereits eine so rege, die Kräfte stark in Anspruch nehmende Tätigkeit herrscht, konnte der Gedanke kaum ernstlich Raum gewinnen, daß die Errichtung einer hebräischen Hochschule für Geisteswissenschaften, welche einem „geistigen Zionisten" das Zentrum des Zentrums bedeuten muß, überhaupt im Bereiche der Möglichkeit liege. Daher kam es gar nicht zu einer entsprechenden Idealbildung. Als reines Phantom erhob sich im wirklichkeitsfernen Traume das Bild der hebräischen Hochschule in Zion als eines Wahrzeichens des Judentums der Zukunft. Auf einmal beginnt das heimliche Phantom einzelner ihnen zum Ideal zu werden. Unmittelbar vor dem X. Zionistenkongreß, welcher auch für den Anhänger des „geistigen Zionismus" sich recht erfreulich gestaltete, brachte der „Haschiloach", die bekannte hebräische Monatsschrift, einen Aufsatz von dem Herausgeber Dr. Joseph Klausner: „Hochschule für Geisteswissenschaften"*). Der Artikel hatte im wesentlichen folgenden Inhalt: In Rußland sind neuerdings die Bestimmungen über die Erlangung des Reifezeugnisses höherer Schulen für jüdische Schüler dermaßen verschärft worden, daß der russisch-jüdischen Intelligenz die schwerste Gefahr droht. Ohne Reifezeugnis ist im In- und Auslande das Studium an einer Hochschule unmöglich. Und wenn es einzelnen gelingen sollte, im Ausland ein solches Zeugnis zu erwerben und hier eine Universität zu beziehen, so besteht für diese wenigen wie gleichzeitig für das Judentum überhaupt eine andere Gefahr. Der russischjüdische Student pflegt im Auslande dreifach zu leiden: als Jude im allgemeinen, als Fremder im besonderen und als russischer Jude ganz besonders gerät er gewöhnlich in eine für seine Denk- und Willensrichtung verhängnisvolle Isolierung. Dadurch geht er auf die eine oder andere Weise allmählich dem jüdischen Volke verloren, welches gerade der „Intellektuellen", die in seiner historischen geistigen Kultur wurzeln, so dringend bedarf. In dieser Not wendet sich der Blick nach Palästina. Hier existieren zwei Gymnasien, die von jüdischen Schülern aus Rußland frequentiert werden können und von welchen das eine schon in drei Jahren die ersten hebräischen Reifezeugnisse erteilen wird. Was soll aber mit den hebräischen Abiturienten geschehen? Als einheitliche Vollmenschen hebräischer Kultur werden sie nach Berlin oder Bern kommen, um innerlich entzweit zurückzukehren. Nur das heimatliche hebräisch-jüdische Milieu erspart ihnen von vornherein den berüchtigten „Riß zwischen Judentum und Menschentum": dort allein sind und bleiben sie ungebrochen Träger und Mehrer des Menschentums in der besonderen Wirklichkeitsform des hebräischen Judentums. Eine hebräische Hochschule in Palästina erweist sich demnach als eine aus den gegebenen Verhältnissen erzeugte Notwendigkeit, als ein praktisches Bedürfnis. Zwar erscheint die Errichtung einer Universität, wie sie einst Prof. S c h a p i r a träumte, vorerst unmöglich und nicht einmal unbedingt nötig. Möglich und notwendig ist dagegen die Errichtung einer Hochschule für Geisteswissenschaften. Ihrem Begriffe gemäß ■*) „Techiath haruach" in „AI paraschath derakhim" IIS. 130. *) „Haschiloach", 25. Bd., Heft 1, S. 1—6. ■KSiiMiä^^HHBHIlHIHI^HHHHlHBIHflHHIi^^^^^^^^l