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Die Welt · 1911-12-08 · 49 (8.12.1911) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
49 (8.12.1911)
Date
1911-12-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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das Aufgeben des Hebräischen — ein würdeloses, idiotenhaftes Harakiri; es hieße, Selbstmord begehen, um — das Leben angenehmer zu gestalten. „Die Belebung jüdischer Gedanken und Gesinnung" kann nur auf einem Wege geschehen, der sich vorzugsweise an die Jugend richtet. Es ist dies der Weg nationaler Erziehung. Man wird durch die Erziehung viel zur Ausbildung dieser Gesinnungen tun können, und besonders Charaktere von glänzenden Fähigkeiten und einer gewissen natürlichen Größe und Kraft, welche bei assimilatorischer Erziehung leider allzuoft zu widerspruchsvollen, in sich zerrissenen Menschen werden, könnte man durch Erweckung eines hochherzigen, uneigennützigen jüdischen Stolzes zum Segen der Menschheit dem Wohle unseres Volkes dienstbar machen. Es wird in der Macht der Erziehung liegen, Geister dieser Art durch den Hinweis auf die Taten unserer großen Männer der Vergangenheit zu edlem Wetteifer anzuspornen und in ihrem Innern ein reineres und höheres Gewissen zu erziehen, ein Gewissen, das unabhängig ist von dem Urteile kurzsichtiger Zeitgenossen und einer durch schnell verfliegende Leidenschaften irregeführten öffentlichen Meinung. Eine nationale Erziehung müßte die Jugend lehren, ihre Taten und Gesinnungen innerlich zu prüfen, nicht danach, wie die zufällig herrschende Stimmung draußen dieselben beurteilen würde, sondern ob sie die großen Lehrer und Denker billigen könnten, welche die Bannerträger und Märtyrer unseres Volkes gewesen sind. Es wird sich in ihnen ein jüdisches Gewissen und ein weiter Blick in unsere Vergangenheit und Zukunft entwickeln lassen, ein Blick, welcher Festigkeit aus den Vorbildern der Vergangenheit zu schöpfen und sich selbst an dem erhofften Beifall späterer, erleuchteterer Geschlechter unseres Volkes zu erheben imstande ist. So imaginär der Beifall von Vergangenheit und Zukunft, von Menschen, die nicht mehr sind, und von solchen, welche erst kommen sollen, zu sein scheint, so ist doch auf alle großen Geister, vielleicht bis zu einem gewissen Grade auf alle Menschen, das Vorbild von Leistungen der Vergangenheit und das Nachwirken ihrer Ideen und Taten in fernen Jahrhunderten ein bedeutender Antrieb zu ihren großen Leistungen und Taten gewesen, und dieses Streben, es der Vergangenheit gleich zu tun und der Zukunft zum Vorbilde zu dienen, war ein wesentlicher und vielleicht der glänzendste Teil ihrer Größe. Allein in einem großen Zusammenhang mit der Vergangenheit und Zukunft des ureigenen Stammes und Volkstumes kann wahrer Idealismus in die Herzen der Menschen gepflanzt werden, dessen Quellen man gegenwärtig leider vergeblich in der Nachahmungssucht und Gleichmacherei sucht. Gleichwohl wird die Erziehung nur die Keime zur Entwicklung edler Charaktere in die Jugend legen können; die Ausbildung dieser Keime muß immer dem Leben und eigener Anstrengung überlassen bleiben. Wenn der junge Mann vielleicht auch nicht unerhebliche Grundlagen eines jüdischen Bewußtseins in seinem elterlichen Hause gelegt hat, so wird er doch erst als selbstständiger Mensch der ganzen Schwierigkeiten und Gefahren bewußt, welche in den verwickelten Verhältnissen der Diaspora seine festesten Grundsätze bedrohen. Von der Erziehung wird er wohl eine gewisse Anhänglichkeit an das Jüdische mitbringen, aber dieser Keim wird mancher Jahre zu seiner Entwicklung bedürfen. Der junge Mann wird sich nicht selten durch Uebereilung, durch ungenügende Kenntnis des wahren Wertes seiner Rasse und seiner Volksideale und Mangel an Erfahrung zu Vorurteilen gegen seine Stammesgenossen verleiten lassen, er wird sich sogar, was ihn viel tiefer demütigen muß, von Modephrasen fortreißen, von fremden Einflüssen dem hohen jüdischen Ziele für kurze Zeit entfremden lassen, aber er wird auch in seinem Wirkungskreise jüdische Leistungen, Taten des moralischen Mutes zu vollbringen vermögen, welche ihn mit gerechtem Stolze erfüllen dürfen. Unter dem Einflüsse mancher Enttäuschungen über die eigene Kraft wird er den Gefahren für sein Judentum mit einem gewissen Bangen entgegensehen, bis ihn viele siegreiche innere Kämpfe mit dem kühnen Bewußtsein von Kraft und Sicherheit erfüllen, und ihm dann in diesem Bewußtsein oft erprobter Tüchtigkeit jener hohe Lohn eines zufriedenen, festen und stolzen Herzens zuteil wird. Er wird anfangs Stunden der Entmutigung und Schwäche haben, ja, vielleicht werden ihn sogar Zweifel an der Richtigkeit seines Zieles beschleichen. Er wird vielleicht auf den Gedanken kommen, daß er eine falsche Bahn eingeschlagen hat, und daß die Leute in Wahrheit das bessere Teil erwählt haben, welche unter dem Einfluß der Gleichberechtigung, der Zivilisation des XX. Jahrhunderts usw., unbekümmert um das Wohl und Wehe der jüdischen Gesamtheit, sich von ihrer Nationalität lossagen. Dann aber wird er sich wieder besinnen und die Nichtigkeit der unwürdigen Volksverleugnung durchschauen. Er wird erkennen, wie die Assimilanten trotz der äußeren Erfolge in Wahrheit doch nicht glücklich werden, wie sie sich zur Erreichung ihrer Ziele tausendmal bücken, wie sie schmeicheln, lügen und heucheln müssen, wie sie von ihren Gönnern mit beleidigender Herablassung oder geradezu mit Verachtung behandelt werden, wie sie weiter auf demselben mühseligen und dornenvollen Wege forteilen und zu allerletzt — durch den natürlichen Lauf der Dinge — dem „Meschumedtum" anheimfallen. Der nationale Jude vergleicht dann mit ihrem Streben das seinige. Er hat für seine Ziele nicht nötig, zu betteln und zu kriechen, das Zutrauen, welches er zu seiner Kraft besitzt und die Kühnheit, welche Wahrhaftigkeit und reine Ziele geben, lassen ihn sich den anderen ebenbürtig fühlen und erzwingen ihm eine Achtung selbst bei Leuten, die ihn hassen und vernichten möchten. Sein edler Stolz schützt ihn gegen die Kränkungen des Ehrgeizes und der kleinlichen Eitelkeit, er verbannt die ängstliche Sorge darüber, was andere Leute reden, der Verfolgungswahn des „Risches-Machen", wie auch das Haschen nach Protektion und Abwehr können seine Seelenruhe, sein redliches und treues Streben nicht schwächen; er ist innerlich befreit. Die Befreiung von dem Druck der Assimilation ist das einzige Mittel, die Existenz des jüdischen Volkes zu sichern. Ist der Bestand sicher, dann wird es frömmere oder weniger fromme Juden geben: eine vollständige Gleichartigkeit in dieser Beziehung ist niemals, auch nicht in den allerbesten Zeiten, erzielt worden. „Was mir (wir) seien, seien mir (wir) — aber Juden seien mir (wir)" — lautet die bekannte Strophe des jüdischen Volksliedes. In diesem Sinne öffnet sich die Aussicht auf so viele Aufgaben, die den letzten Generationen völlig unbekannt waren; es öffnet sich für ein reges Schaffen zur Förderung allgemein-jüdischer Zwecke ein Arbeitsfeld, von dessen Ausdehnung man bisher noch keine Ahnung hatte und das auf Jahrhunderte hinaus der Tätigkeit ergiebigen Stoff bietet, denn nicht auf schnelle und plötzliche Erfolge soll man zahlen; auf alles, was die sittliche Entwicklung der Menschheit anbetrifft, findet Goethe's tiefsinniges Wort Anwendung, welches lautet: Und so gewinnt sich das Lebendige Durch Folg* und Folge neue Kraft, Denn die Gesinnung, die beständige, Sie macht allein den Menschen dauerhaft. Zu diesem Bewußtsein eines lebendigen Judentums haben sich viele unserer Brüder auch in Westeuropa bereits durchgerungen. Sie sind die Bahnbrecher einer besseren Zukunft. In dieser Zukunft bekommt auch die Synagoge ihren gebührenden Anteil, denn sie ist auch eine historische Volksschöpfung. N. S.

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