Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- Aleppo 3× ep/1047811
- Basra 1× ep/1044138
- Beirut 1× ep/1047833
- Haifa 1× ep/1047930
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Kolonisation beachtet wurde (wenn auch alle bisherige Kolonisation — ländliche wie städtische — sich innerhalb einer ungefähren Grenze von nur 50' Kilometern Küstennähe vollzogen hat). Besonders auffallend ist das Fehlen jeder kolonisatorischen Tätigkeit in der ganzen Ausdehnung der Küste selbst von Haifa nördlich, obwohl doch außer Haifa auch Akka und Saida jüdische Bevölkerungen aufweisen, und obwohl das in der Verlängerung dieser Küstenlinie gelegene Libanongebiet eines der besten orientalischen Beispiele für intensivsten Landbau und sogar für eine kapitalistische Form des Betriebes abgibt. Ausgehend von einer größeren Kolonisationstätigkeit in der von Klima und Bodenqualität so sehr begünstigten Gegend von Saida (also noch im nördlichsten Küstengebiet des eigentlichen Palästina) könnte die jüdische Ansiedlung landwirtschaftlicher und industrieller Art auf das Libanongebiet mit dem als Enklave darin belegenen Stadtgebiet von Beirut (dieses gehört zum V i 1 a y e t Beirut, während das Libanongebiet eine autonome Provinz darstellt) übergreifen und weiter im Norden sich vorwiegend an die Städte Tripolis (das syrische, das seit Juni dieses Jahres durch eine Eisenbahn mit Horns und Aleppo verbunden ist), Latakieh und Alexandrette halten. Von dieser syischen Küste aus wird auch eine kolonisatorische Tätigkeit vorwiegend städtischen und industriellen Charakters sich an den Hauptplätzen der in maximal hundert Kilometern Meeresnähe sich hinziehenden französischen Bahn entwickeln können. Weitaus in erster Linie käme hier Aleppo in Betracht, dos von jeher einer der bedeutendsten Handelsplätze im Orient war, und das seit der Eröffnung der von Süden kommenden Bahnlinie (Oktober 1906) außerordentliche Fortschritte macht und einen großen Bevölkerungszuwachs aufweist. Auch die jüdische Bevölkerung der im Ganzen auf 300 000 geschätzten Einwohnerschaft wird auf 12000 — nach anderen auf 20 000 — veranschlagt. (Interessant ist übrigens, daß im Norden von Aleppo, in dem Landstädtchen Killis, einige tausend Juden sitzen, von denen etliche, wenn auch nicht Landwirtschaft treiben, so doch Ländereien und Weinberge besitzen.) Aleppo ist auch deshalb als ein Hauptpunkt künftiger jüdischer Entwicklung in Nordsyrien zu betrachten, weil es voraussichtlich schon im Jahre 1913 von der anatolischen und der Bagdadbahn erreicht sein und daher einen Hauptknotenpunkt des Verkehrs auf dem Landwege zwischen Europa und Kleinasien einerseits und Syrien-Palästina usw. andererseits abgeben wird. Dieses letzte „usw." verdient übrigens eine Definition. Nicht nur gehen die südlichen Verbindungen Palästinas nach Medina und Mekka weiter, sondern bei dem bald zu erwartenden Anschluß der syrischen und ägyptischen Strecken und bei den Fortschritten der Kap-Kairo-Bahn werden die syrischen Linien in etwa 4 Jahren bereits eine Weltbedeutung allerersten Ranges haben. Außer dieser nordsüdlichen Verbindung wird ja die Bagdadbahn über Aleppo hinaus nach dem Euphrat und von dort nach Bagdad und Basra verlängert werden, so daß Aleppo — ebenso wie in den alten Karawanenzeiten — in wenigen Jahren einen Weltverkehrsmittelpunkt allerersten Ranges darstellen wird. — Daß ein solcher Platz in unserer Orient-Kolonisation eine überragende Bedeutung gewinnen muß, ist hiernach klar, und wenn auch die vorn Verfasser bereits vor fünf Jahren angeknüpfte Verbindung Aleppos mit unserem palästinensischen Informationsdienst einstweilen noch keine erheblichen Resultate gezeitigt hat, so ist doch anzunehmen, daß schon die allernächste Zeit hierin Wandel schaffen wird. Zum ägyptisch-syrischen Verkehrsgebiet gehört von Rechtswegen oder vielmehr auf Grund der natürlichen Verkehrsverhältnisse auch das Gebiet von Mersina-Adana. Auch hier dürfte eine gewisse jüdische Kolonisations^ tätigkeit am Platze sein, wenn auch die klimatischen) Verhältnisse einstweilen noch vieles zu wünschen übrig lassen. Der Hafen von Mersina hat aber auf alle Fälle eine solche Bedeutung, daß wir wenigstens i h n nicht außer Acht lassen sollten. Von Mersina an bietet die Südküste Kleinasiens für eine nähere Zukunft so gut wie keine aktuellen oder wertvollen Möglichkeiten. Eine Ausnahme bildet hier die dem äußersten Südwesten vorgelagerte Insel Rhodos, die außerordentlich fruchtbar, von einem vorzüglichen Klima begünstigt und nur sehr dünn bevölkert ist. Hier leben (in der Hauptstadt) bereits 4—5000 Juden, und es wäre von größtem Wert, hier eine Art Etappe anzulegen. Rhodos ist auch das von Palästina entfernteste Gebiet, auf dem ich noch eine landwirtschaftliche Kolonisation größeren Umfanges empfehlen möchte. Weiterhin bleiben die drei Städte Smyrna, Salonik und Konstantinopel. In allen dreien sind starke jüdische Gemeinden (man schätzt in Smyrna 35 000 Juden, in Salonik 80 000 — die halbe Einwohnerschaft! — und in Konstantinopel heute etwa 75 000), und es ist kein Zweifel, daß die Bedeutung dieser drei Hauptstädte sowohl hinsichtlich des Handels wie auch der unter den neuen Zollverhältnissen vorauszusehenden industriellen Entwicklung .außerordentlich steigen wird. Diese drei Städte allein geben uns die Möglichkeit einer Seßhaftmachung von Zehntausenden von Juden innerhalb ziemlich kurzer Zeit und auf so geschäftsmäßiger Basis, daß eigentlich nur eine bessere Kenntnis der dortigen Zustände und Möglichkeiten erforderlich sein wird, um jüdische Kapitalisten und Arbeiter in großer Zahl auf dieses lohnende Feld einer Betätigung hinzuweisen. Außer diesen drei Hauptstädten gibt es natürlich auch andere Städte, die einer schon heute mehr oder weniger namhaften jüdischen Bevölkerung, die wohl eine Vermehrung durch Einwanderung verträgt, bei denen aber doch eine so ausgesprochene Entwicklungstendenz heute noch nicht festzustellen ist, Unterhalt gewährt. Zweifellos besteht die Möglichkeit — besonders im Fall von Konstantinopel und Smyrna — auch landwirtschaftliche Siedelungen in der Nähe jener Städte und zu ihrer Versorgung mit Nahrungsmitteln anzulegen, doch wird diese Kolonisation zu dem möglichen Umfang der städtischen Ansiedelung wie auch zu dem Umfang der landwirtschaftlichen Ansiedelung in den vorgenannten Landgebieten in keinem Verhältnis stehen. Hier ist vielmehr die Industrie unsere weitaus größte Chance, die, wie anderwärts ausgeführt wurde, im Laufe weniger Jahrzehnte im türkischen Reiche solche Dimensionen annehmen wird und muß, daß viele Millionen von ihr leben können. Dies ist — in großen Zügen — das Landgebiet einer vorauszusehenden jüdischen Kolonisation auf landwirtschaftlichen und städtischen Grundlagen, die in einer in kurzem zu erwartenden eingehenderen Publikation des Verfassers auf Grund umfassender Materialien des Näheren behandelt werden wird.