Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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striert werden als damit, daß ich schon weitaus den größten Teil des Transjordanlandes auf lange Zeit hinaus von unseren Erwägungen ausschließen würde. Auch nach Ostjordanien (abgesehen von dem Gebiet am Tiberiassee) ist es heute eine beschwerliche, langwierige und von wenigen gemachte Reise und eine geschlossene jüdische Siedelung ist dort für lange nicht zu erwarten. Eine solche würde, wenn sie aus irgend welchen Zufallsgründen doch versucht und durchgeführt werden sollte, jedenfalls an günstigeren Stellen des näheren Gebiets sich billiger und praktischer erzielen lassen. } Wenn hier also selbst von Palästina eigentlich nur Westjordanien — ein Küstengürtel von 50 bis maximal 100 Kilometern — für praktische Zwecke einer nahen Zukunft ins Auge gefaßt wird, so gehen wir bei Nachbarländern und sonstigen Gebieten im allgemeinen nicht einmal so weit und schließen auch von vornherein (und einstweilen prinzipiell) alle Gebiete aus, die von Osteuropa aus in weiterer Entfernung als Palästina liegen. In diesem Sinne kommt von den Nachbarländern außer den nicht unter türkischer Verwaltung stehenden Gebieten von El-Arisch, Unter-Aegypten und Cypern nur der syrische Küstenstreifen von Palästina nördlich bis etwa nach Mersina, weiterhin die Insel Rhodos und von hier aus nördlich in der Hauptsache nur einige Stadtgebiete (wie Smyrna, Salonik und Konstantinopel) in Frage. Betrachten wir diese Gebiete ein wenig näher. Ueber El-Arisch (das ja — ebenso wie Cypern — zu unseren offiziellsten Nachbarländern gehört) wäre hier zu sagen, daß wir keinesfalls die ganze Sinai-Halbinsel (das eigentliche Gouvernement El-Arisch) als Einwanderungsgebiet empfehlen, sondern nur den nördlichen Küstenstreifen von Rafah bis zur Stadt El-Arisch und allenfalls von hier aus weiter bis zum Suez-Kanal. Jedenfalls wäre dies nur ein Küstenstreifen von wenigen Kilometern Tiefe, der freilich den Vorzug hat, außer der nahen Erreichbarkeit vom Meere aus und außer den besseren Wasserverhältnissen auch an der in Bälde zu erwartenden Bahnverbindung Kairo-Jerusalem zu liegen. Daß dieses Gebiet fruchtbar genug ist, um auch eine landwirtschaftliche Kolonisation größeren Maßstabes zu ermöglichen, erhellt wenigstens für die nahe der ägyptisch-türkischen Grenze gelegenen Gebiete aus den überraschend zahlreichen Spuren früherer intensiver Bebauung. Industrielle Möglichkeiten kommen noch hinzu, und auch der Handel würde in dem Grenzgebiet sich gut entwickeln können. Unter-Aegypten, also in der Hauptsache das Gebiet zwischen Port-Said, Kairo und Alexandrien, kommt für eine jüdische Einwanderung ganz besonders wesentlich in Frage. Wenn Aegypten auch scheinbar von Osteuropa weiter entfernt ist als Palästina, so liegt es doch insofern näher, als die schnellsten europäischen Verbindungen mit Palästina via Aegypten gehen. — Die beiden Hauptstädte Kairo und Alexandrien haben zusammen bereits weit über eine Million Einwohner mit rapid steigenden europäischen Bedürfnissen, und auch die industrielle Entwicklung ist eine solche, daß Aegypten allein schon imstande wäre, eine jährliche Einwanderung von vielen tausenden von Juden aufzunehmen. Abgesehen aber von den Existenzmöglichkeiten, die Aegypten selbst heute schon einer Einwanderung bietet, liegt für uns hier noch ein ganz spezielles Interesse vor. Zwischen Aegypten und Palästina bestehen heute schon jüdisch-wirtschaftliche Beziehungen, die in der außerordentlichsten Weise ausgebaut werden können. Die jüdischen Kolonien exportieren nach Aegypten einen wesentlichen Teil ihrer Weinproduktion, ein Teil der Orangenernte geht nach Aegypten, und auch unsere Mandeln finden dort einen ziemlichen Markt. Wir werden und müssen dahin gelangen, nach Aegypten auch steigende Quantitäten von Tafeltrauben, anderen Obstsorten und Gemüse zu exportieren, so daß uns der ägyptische Markt allein eine Ausdehnung unserer landwirtschaftlichen Kolonisation in Palästina gestatten würde, von der bei der Aufnahmefähigkeit des Nillandes eigentlich gar keine Grenze abzuseilen ist. — Aber auch für die industrielle Kolonisation in Palästina ist es von großem Wert, nähere Beziehungen zu Aegypten zu haben, das von Jahr zu Jahr in höherem Maße einen Stapelplatz für europäische Erzeugnisse, wie Maschinen, Ersatzteile, Materialien und dergleichen darstellt. Die Insel Cypern liegt auf dem Wege nach Palästina, wenigstens auf dem Wege der syrischen Linien, die meist über Beirut nach Palästina weiter gehen. Die Insel ist als solche leicht zugänglich, und da sie nicht sehr groß ist und außerdem gute Straßen (auch eine Eisenbahn) existieren, so ist sie eigentlich in allen ihren Teilen sehr zugänglich und insofern auch für eine Kolonisation geeignet. Trotzdem würde ich empfehlen, sich bei einer Kolonisation auf den Ostteil der Insel zu beschränken, der Palästina zunächst liegt, alle größeren Städte umfaßt (Larnaca, Nicosia, Famagusta und Limassol) und auch in anderen Beziehungen für eine jüdische Kolonisation sich besser eignet. (Einige kleinere Ansiedelungen — Margo-Chiflik usw. sind ja auch bereits vorhanden.) Die Kolonisation auf Cypern hätte, abgesehen vom nationalen Vorzug Palästinas, so ziemlich dieselben Vorteile wie in jenem Lande (vorzugsweise Eignung für intensivste Kultur, Aegypten als naher Markt usw.) und hätte noch einige andere. Hier haben wir nämlich den großen Vorzug einer Verwaltung, die seit Jahrzehnten den Möglichkeiten der Landwirtschaft die größte Aufmerksamkeit zuwendet, und wenn auch die eingeborene Bevölkerung sich diese Vorteile noch wenig zunutze kommen ließ, so ist wohl anzunehmen, daß jüdische Kolonisten zu ihrem eigenen größten Vorteil und auch zur größten Zufriedenheit der Regierung sich die Erfahrungen des dortigen Landwirtschaftsamts schneller zu eigen machen werden. Auch hier wäre eine gesunde Einwirkung auf die landwirtschaftliche Kolonisation in Palästina anzunehmen. -- Vieles, worin man in Palästina noch über die ersten Versuche oder gar Vorurteile nicht hinausgekommen ist, hat hier längst eine Lösung gefunden, und wir würden in Palästina schon viel weiter halten, wenn man auch abgesehen von eigentlicher Kolonisation — sich in anderen ähnlich gearteten Ländern wenigstens soweit um getan hätte, urn aus den dortigen Erfahrungen zu lernen. Gerade in dieser Beziehung aber liegt kein Land für Palästina so günstig wie gerade Cypern. — Erwähnt sei noch, daß beispielsweise Prof. War bürg die Fassungskraft der Insel für eine Einwanderung auf ca. 700 000 veranschlagt, eine Ziffer, die durchaus meinen eigenen Schätzungen entspricht. Gehen wir jetzt zu den außerpalästinensischen s y - rischen Küstengebieten über, so sei zunächst konstatiert, daß leider auch im engsten Palästina das direkte Küstengebiet noch viel zu wenig von unserer