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Die Welt · 1911-12-08 · 49 (8.12.1911) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
49 (8.12.1911)
Date
1911-12-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49 DIE^ELT 1313 Diaspora ihre Kinder dieser Anstalt anvertrauen, urn ihnen in Jerusalem eine religiöse Mittelschulbildung angedeihen zu lassen. Da die Jerusalemer Anstalt jedoch im Geiste der jaffaer Sch westers chul'e geleitet wird, während letztere in ihrer Entwicklung viel weiter fortgeschritten ist, so wird naturgemäß niemand der Jerusalemer Schule den Vorzug geben. Das Hebräische Gymnasium in Jaffa, dem Achad-Haam besondere Aufmerksamkeit zugewandt und das er einige Male besucht hat, machte im allgemeinen einen recht guten Eindruck auf ihn. In einer Sitzung des Aufsichtsrates der Anstalt legte Achad-Haam seine Ansichten über die Aufgabe des Gymnasiums und die zweckmäßige Ausgestaltung seines Lelirplanes eingehend dar. Was den Bibelunterricht im Gymnasium betrifft, sprach sich Achad- Haam gegen die Unterrichtsmethode aus, die zurzeit dort geübt wird. Er habe die Schüler mündlich geprüft und ihre Schulaufgaben durchgesehen, und sei zur Ueberzeugung gelängt, daß die jetzige Art des ßibelumterrichts in der Tat vom Standpunkte unserer nationalen PostuJate und der allgemein pädagogischen Anforderungen manches zu wünschen übrig lasse. Hier sei ohne Zweifel eine gründliche Reform notwendig. Achad-Haam sprach daun noch über einen literarischen Plan, der ihn seit längerer Zeit beschäftigt. Er beabsichtigt nämlich, in einem größeren Werke die Ethik des Judentums vorn nationalen Gesichtspunkte aus darzustellen. Schließlich machte er nähere Mitteilungen über eine Vortragsreihe, die er im nächsten Jahre in Philadelphia auf Einladung der dortigen Universität zu halten gedenkt, und die „das Wesen des Judentums" zum Gegenstände haben wird. * Der „Oberrabbiner von Tripolis". Ein italienisch-jüdisches Blatt entschleiert uns den Wortlaut des Depeschenwechsels Rom—Tripolis, der der aufsehenerregenden Nachricht der „Agenzia Stefani" zugrunde lag. Wir erfahren daraus, daß ein römischer Jude, er zeichnet „Presidente della Universita israelita di Roma" an den Gemeindepräsidenten von Tripolis telegraphiert hat, mit der Aufforderung, die Korrespondentenmeldungen von schlechter Behandlung der tripolitanischen Juden durch die Italiener zu dementieren, das tadellose, von jedem Antisemitismus freie Verhalten der Italiener zu bestätigen, sowie von der Dankbarkeit der tripolitanischen Juden gegenüber Italien und ihrer Begeisterung für die italienische Eroberung Zeugnis abzulegen. Dieses Telegramm legt den Juden von Tripolis die Antwort sozusagen vorgekaut in den Mund; und es hat sich tatsächlich ein Idiot oder ein Schwindler an der afrikanischen Küste gefunden, der dem römischen Israeliten seinen Herzenswunsch erfüllte und die gewünschten Lobhudeleien auf Italien zurücktelegraphierte. Dieses Subjekt unterzeichnet tatsächlich „Rachach, Großrabbiner von Tripolis", obwohl auf autoritative Weise festgestellt ist, daß es in dieser Stadt gar keinen Großrabbiner gibt. Tatsächlich hat denn auch ein zweites Telegramm des Herrn von der israelitischen Universität zu Rom, das die Erklärungen des türkischen Großrabbiners dementiert haben und die Existenz des tripolitanischen Großrabbiners festgestellt sehen möchte, keine Antwort mehr gefunden, womit die Fabelhaftigkeit des „Großrabbiners von Tripolis" wohl gebührend illustriert ist. Was an dem Streich vor allem interessiert, ist nicht die Handlungsweise irgendeines unzivilisierten berberischen Juden, sondern die Psychologie unseres römischen „Glaubensgenossen", der sie provoziert hat. Wir haben es hier mit einer Ausgeburt jener häßlichen und gefährlichen Assimilationskrankheit zu tun, die in einer Hypertrophie der chauvinistischen Seelenorgane besteht, in einer Manie, sich ungefragt und um jeden Preis zu betätigen, um das Wohlgefallen der „Gojim" zu erwecken. Diese Art jüdischen, oder vielmehr unjüdischen, Mausdhel-Chauvinismus kennt keine Grenzen und keinen Hemmungsapparat; sie schwemmt alle Dämme nieder und fragt nicht danach, ob nicht etwa die jüdischen Brüder eines anderen Landes unter ihnen begraben werden können. Was kümmert es den „Präsidenten der jüdischen Universität" zu Rom, ob sein Telegramm und die Schwindelantwort die fünfhunderttausend ottomanischen Juden gefährdet! Was schert es ihn, was der tripolitanischen Juden wartet, wenn etwa die afrikanische Provinz den italienischen Erobererhänden wieder entgleitet und unter die türkisch-arabische Herrschaft zurückgelangt! Spürt er es, wenn das ganze ottomanische Judentum mit dem Schimpfe der Vaterlandslosigkeit beworfen wird? Nichts da! Es kommt einzig und allein darauf an, „oben" einen guten Eindruck zu erwecken, den getreuen italienischen Juden ein arrogantes Zufriedenheitslächeln römischer Christenkreise einzutragen, vielleicht —. wer weiß — noch einen kleinen, ganz kleinen Orden für patriotische Dienste davonzutragen. Ein höchst humaner Standpunkt. * Die Deutsche Levante-Zeitung über den X. Zionisten- Kongreß. Die „Deutsche Levante-Zeitung" in Hamburg bringt in ihrer Nr. 11 vom 20. November einen Artikel über den X. Kongreß, dem wir folgenden Passus entnehmen: ,,Hält 'man sich vor Augen, daß diese Zionisten und ihre Vorgänger im Verlaufe ihrer Arbeit viele Tausend jüdischer Bauern in Palästina in blühenden, aufstrebenden Kolonien angesiedelt haben, dann kann einem die Leistung mancher kolonialen Großmacht, die zuerst ganze Stämme farbiger Eingeborener abgeschossen hat, um auf Riesengebieten ein paar hundert Weiße seßhaft zu machen, doch nicht mehr so sehr imponieren. Und man wird bald geneigt, eine Bewegung ernsthaft zu prüfen, die mit scheinbar altmodischen Kräften, wie sie der idealistische Kolonisationseifer „Privater" darstellt, Tüchtiges schafft, und man wird auch nicht umhin können, die Bewegung mit als einen unter den beachtenswerten Posten der Orientpolitik in Rechnung zu ziehen. Das ist der Eindruck, den die Verhandlungen des diesjährigen zehnten Zionistenkongresses auf den objektiven Beobachter machen mußten. Die etwa 400 Delegierten, die sich in Basel versammelt hatten, waren sich offenbar nach mancherlei Erfahrungen und Zweifeln der ersten Jahre über die wesentlichsten Punkte einig: Entgegen der aus Mißverständnis oder unfairen Absichten noch immer an verschiedenen Stellen und sogar im türkischen Parlament lautgewordenen Meinung, als erstrebe der Zionismus in Palästina etwas wie einen Sonderstaat mit Sondertendenzen, legten der Kongreß, sein Präsidium und seine Kommissionen Wert darauf, bei jeder Gelegenheit zu betonen, daß der Zionismus in loyalster und öffentlichster Form die Ansiedlung von Juden als Glieder und Diener des ottomanischen Reiches wünsche in der einzigen Absicht, ein Wiederaufleben jüdischen Geistes und gesammelter jüdischer Kraft auf der alten Heimaterde zu ermöglichen. Und wenn die junge Türkei heute noch Mißtrauen oder nicht genügend Zutrauen zu den zionistischen Plänen hat, um großzügigere Kolonisationsarbeit zu gestatten, so ist der Kongreß der Meinung, daß „nicht durch Worte und Informationen allein, sondern durch unbeirrbare Fortführung des jüdischen Wirkens und Schaffens in Palästina die türkische Regierung veranlaßt werden wird, sich mit den Tatsachen zu befassen, die die stärksten Argurnente in sich selbst tragen. Wenn die Türkei erkannt haben wird, daß ihr Interesse an einer Erschließung des Landes durch Juden, an der noch gar nicht absehbaren Steigerung seiner Steuer-, Nähr- und Wehrkraft mit dem Interesse jüdischer Siedler an einer Produktivierung Palästinas zusammenfällt, dann ist zugleich das politische Schlüsselwort gegeben, dessen die zionistische Gemeinschaff bedarf, um auf Grund von türkischen Konzessionen als legitimierte Körperschaft ihr Kolonisationswerk aui breiter Basis auszubauen. Auf Grund solcher Argumentation hat der Kongreß von der in früheren Jahren noch vielfach von Zionisten vertretenen Anschauung, -daß man auf rein „diplomatischem" Wege von der Türkei einen „Charter" auf Palästina erhalten könne und solle, endgültig abdiziert und die Arbeit für und in Palästina als sein erstes politisches und kolonisatorisches Mittel erklärt." Der Artikel schildert dann die Institutionen, die der praktischen Arbeit in Palästina dienen, und schließt mit folgenden Sätzen: „Der Kongreß "brachte die Gewißheit, daß es ein gesunder, immer mehr erstarkender Organismus ist. Und man könnte es gerade in diesen Tripolis-Zeiten wohl verstehen, wenn die Türkei sich diesen Organismus offen und freundschaftlich nutzbar machte. Ein durch Juden kultiviertes hochstehendes Palästina würde jedenfalls europäischen Mächten nicht den Vforwand bieten können, daß sie „Zivilisation in ein barbarisches Land tragen wollen/4 * Tramway-Verbindung Jaffa— Pethach-Tikwah. In den „Mitteilungen des Oesterreichischen Export-Vereins'4, die in Wien erscheinen, finden wir einen Artikel über die Wirtschaftslage in Jaffa, dem wir folgendes entnehmen: „Die Entfernung zwischen Jaffa und Pethach-Tikwah beträgt etwa 15 Kilometer. Bis jetzt führt nur ein Teil des Weges

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