Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316510--55333-3349157- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kongreß zu entsenden, die innerhalb zwei Jahren, also von einem Kongreß zum andern, 400 Sdiekel abgeliefert haben. Während bisher die Schekelarbeit nur in den Kongreßjahren mit einiger Energie betrieben wurde, soll sie nunmehr während der gesamten Kongreßperiode eifrig fortgesetzt werden, denn jeder Schekel zählt für die Wahlen. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft unseres Volkes soll sich in freudige Taten umsetzen. Alle unsere Anhänger sollen von dem Bewußtsein durchdrungen werden, daß es von ihnen selbst abhängt, ob wir in den nächsten Jahren mächtig vorwärtsschreiten oder in dumpfem Stillstand verharren sollen. Die Bahn zur Arbeit ist frei, die zionistische Organisation ist einig, nun soll sie aller Welt zeigen, was sie vermag, und wenn sie bisher langsam, in mühseligem Ringen, Schritt für Schritt an Terrain gewann, so soll sie nunmehr im Sturmschritt marschieren! o o o o o o o o o o o o o o REVUE DER PRESSE O O O O O O O II O O O O O O O -- Achad-Haam über die gegenwärtige Lage in Palästina. Kurz vor der Abreise des hebräischen Schriftstellers Achad- Haam aus Palästina empfing er den Jerusalemer Korrespondenten der „Hazefirahu, dem er seine Eindrücke von seinem zweimonatlichen Aufenthalt im Lande ausführlich darlegte. Wir entnehmen den in Nummer 264 der „Hazefirah" wiedergegebenen Aeußerungen Achad-Haams das folgende: Auf die Frage des Korrespondenten, was jetzt für die Entwicklung des Kolonisationswerkes geschehen könne und welche Arbeitsmöglichkeiten die neue Leitung der zionistischen Organisation habe, erwiderte Achad-Haam, er sehe infolge der verworrenen politischen Lage keine Möglichkeit zu großzügiger Arbeit. Unser Werk müsse in der bisherigen Richtung langsam vorwärtsschreiten. Nach wie vor müsse kolonisatorische Kleinarbeit verrichtet werden, die allerdings mühsam und langwierig sei. Die neue zionistische Leitung verfüge nicht über große materielle Mittel. Zu berücksichtigen sei ferner, daß die Anhänger des früheren Systems auch jetzt noch an der Spitze der Finanzinstitute stehen. Auf dem Gebiete der Propaganda habe die neue Leitung allerdings die besten Aussichten für eine erfolgreiche Tätigkeit. In diesem Zusammenhang erinnerte Achad-Haam an die Vorrede zum zweiten Bande seiner Schrift ,,A I Paraschath Derachim", wo er in einer Art Nachruf auf Herzl ausgeführt hatte, Herzl habe einen messianischen Funken in sich getragen, und diesen zündenden Funken werde jeder andere Führer der Organisation naturgemäß vermissen lassen. Acliad- Haam empfahl daher schon damals die Einsetzung einer kollegialen Leitung, ohne daß er mit dieser Ansicht durchzudringen vermochte. Ueber die Fortschritte, die das palästinensische Kolonisationswerk seit seinem letzten Aufenthalt in Palästina gemacht hat, desgleichen über die jüdische Arbeiterfrage gedenkt Achad-Haam seine Ansichten in einem größeren Aufsatz niederzulegen. Ueber die Entwicklung der hebräischen Sprache und Kultur in Palästina äußerte sich Achad-Haam in begeisterten Worten. Bezüglich des Schulwesens sagte er, es sei kein Vergleich zwischen dem, was er jetzt gesehen und den früheren Zuständen. Die Lage sei in vielen Beziehungen hocherfreulich, gleichwohl könne man darin noch keine Gewähr für das Entstehen eines geistigen Zentrums sehen. Immerhin seien schon Ansätze für ein solches Kulturzentrum vorhanden. Man denke bloß an das Hebräische Gymnasium, das gewiß keine besondere Aufmerksamkeit hervorgerufen hätte, wenn es sich an einem Orte außerhalb Palästinas befände. Als palästinensische Anstalt finde es jedoch in allen national gesinnten Kreisen des Judentums das regste Interesse, wie schon die Tatsache beweist, daß die Anstalt Schüler aus allen Ländern der Diaspora zählt. Das Gespräch kam dann auf die Frage des Unterrichts der arabischen und türkischen Sprache. Achad- Haam glaubt, daß die Kenntnis des Arabischen empfehlenswerter sei. Die Zukunftsaussichten der türkischen Sprache in Palästina seien sehr fraglich, während das Arabische noch lange eine Notwendigkeit für uns sein wird — bis einst die Araber gezwungen sein werden, hebräisch zu lernen. Der Korrespondent der ,,Hazefirah" fragte hierauf: „Fürchten Sie nicht, daß eine stärkere Kultur als die unsere die Vorherrschaft im Lande erringen wird, und wir auch hier wieder den Gefahren der kulturellen Assimilation ausgesetzt sein werden?" Achad-Haam erwiderte: „Eine solche Befürchtung liegt mir fern. Ich habe meine Anschauungen über die Schaffung eines hebräischen Kulturzentrums in Palästina niemals auf den Umstand gegründet, daß es in Palästina keine starke fremde Kultur gibt. Wir haben andere positive Gründe, die zugunsten unserer nationalen Kultur in Palästina sprechen. Ueberhaupt braucht uns vor einer fremden Einwanderung nicht bange zu sein. Haben sich etwa viele Engländer in Aegypten niedergelassen? Palästina ist für andere Völker ein durchaus ungeeignetes Kolonisationsgebiet." In der Frage der Schaffung einer für die jüdischen Interessen eintretenden arabischen Zeitung enthielt sich Achad-Haam jeder bestimmten Meinungsäußerung. In Europa, meinte er, haben die apologetischen Aufsätze der in den verschiedenen Landessprachen erscheinenden jüdischen Zeitungen herzlich wenig genützt. Aber möglicherweise seien die Verhältnisse in Palästina anders geartet. Hier gibt es nur wenige arabische Zeitungen von recht fragwürdiger Qualität, und es wäre denkbar, daß ein gut geleitetes arabisches Preßorgan allgemeinen Charakters, das jedoch die jüdischen Interessen vorzugsweise pflegen würde, einen großen Einfluß auf die arabische Bevölkerung gewinnen könnte. In dieser Hinsicht kenne er die Verhältnisse viel zu wenig, als daß er sich hierüber in irgendwie bestimmter Weise aussprechen könnte. Der Korrespondent brachte das Gespräch auf die einzelnen Schulanstalten Palästinas. Die Kunstgewerbeschule „Bezalel", die Achad-Haam am ersten Tage seines Jerusalemer Aufenthalts besucht hatte, machte auf ihn einen ausgezeichneten Eindruck. Im Hinblick auf die Art und Weise, wie in der jüdischen Presse erfahrungsgemäß für manche Institute ,,Propaganda" gemacht wird, hatte Achad-Haam angenommen, daß auch die Berichte über den Bezalel ein gut Teil Uebertreibung enthielten. Um so angenehmer war er von den wirklich großartigen Leistungen der Anstalt überrascht. Eine Kunstakademie, von der Professor Schatz noch jetzt träumt, werde der Bezalel allerdings niemals sein. Eine Akademie für reine Kunst erfordert eine Menge künstlerischer Kräfte, ein vielseitiges, reichentfaltetes Kunstleben usw. Von alledem könne in Palästina noch lange keine Rede sein. Hingegen ist Achad-Haam überzeugt, daß der „Bezalel''' sich mit der Zeit zu einer achtunggebietenden Kunstgew e r b e s c h u I e entwickeln wird. Auch dieses Ziel erfordert freilich große Geldmittel, aber Professor Schatz werde diese /Mittel sicherlich aufbringen. Schon jetzt bietet der Bezalel etwa 450 jüdischen Personen in Jerusalem lohnenden Erwerb. In nicht allzuferner Zeit dürfte die Zahl der Leute, die ihren Lebensunterhalt durch den Bezalel finden, an die tausend heranreichen. Auch über die Schulen des Deutschen Hilfsvereins in Jerusalem äußerte sich Achad-Haam sehr befriedigt. Er habe sich bei dem Besuche dieser Schulanstalten nicht sonderlich um den Lehrplan und die Unterrichtsmethode bekümmert, sondern ihn habe bloß die Frage interessiert, ob die Zöglinge zu Deutschen oder zu Juden herangebildet werden. Mit Genugtuung habe er nun feststellen können, daß in den Schulen des Hilfsvereines 1600 Schüler zu wirklichen Volljuden erzogen werden. Tatsache sei, daß das Hebräische in den palästinensischen Schulen des Hilfsvereins viel intensiver gepflegt werde, als das Deutsche. Die Aussichten des Hebräischen Gy mnasiums in Jerusalem scheinen ihm nicht sonderlich günstig zu sein. Einstweilen liegt nur ein sehr bescheidener Anfang vor. Die Anstalt hat einige fähige Lehrkräfte, aber dieser Umstand allein könne keine Gewähr für die Zukunft bieten. Hätte das Jerusalemer Gymnasium einen religiösen Charakter, so wäre es denkbar, daß traditionell gesinnte Eltern in der