Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-12-01 · 48 (1.12.1911) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
48 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316509--55315-3349138
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 48 DIE3^ELT 1291 m Toimatschows Ende In diesen schweren Tagen haben wir indes auch etwas Erfreuliches zu verzeichnen. Die zweitgrößte jüdische Gemeinde Rußlands ist dieser Tage eines Unheils losgeworden, das im Laufe von vier Jahren wie ein Albdruck auf ihr lastete. T o 1 - matsch ow, der Wüterich Odessas, hat seine Entlassung erhalten. Vier Jahre lang schaltete und waltete dieser großrussische Geßler wie ein orientalischer Satrap in seiner Domäne. Ganz besonders hat die jüdische Gemeinde die schwere Hand dieses eigensinnigsten und herzloseste*! Machthabers fühlen müssen. Die unschuldigsten, auch hierzulande sonst einwandfreien Formen und Aeußerungen von öffentlicher Betätigung, Wohlfahrtsbestrebungen und Gemeindeleben wurden mit systematischer Rücksichtslosigkeit erstickt. Die Verwaltung der wichtigsten Gemeindeangelegenheiten und -Einnahmen wurden seiner Kreatur, dem berüchtigten Pogromhelden Pelikan, übertragen, dessen Tätigkeit eine fortwährende lümmelhafte Verhöhnung der jüdischen Gemeinde und boshafte Schädigung ihrer Interessen bedeutete. Der „jeschiwah" der Gewerbeschule „Trud" u. a. wurde die Subvention aus den Mitteln der Koscherfleischsteuer entzogen. Besonders arg schaltete der unermüdliche Vorkämpfer der Reaktion im j ü d i- .s c h e n Kra n k e n hause; er entließ das ihm unangenehme Aerzte- und Dienstpersonal und setzte an deren Stelle seine Günstlinge. Ein Zuschuß aus städtischen Mitteln v.n Betrage von 17 ODO Rubel, wie auch der kostenlose Bezug von Wasser aus der städtischen Wasserleitung wurde dem Krankenhause entzogen. Achrtlich erging es den verschiedenen jüdischen Schulen. Die Hooliganbanden von den verschiedenen monarchistischen Organisationen genossen völlige Straflosigkeit und durften sich alles leisten, was ihnen bequemte. Die Ausschreitungen der Studenten vom russischen Volks verband wurden ostentativ begünstigt. Diese Studenten erhielten von Talmatsch ow die Waffen, die sie ungestraft gegen ihre wehrlosen Kommilitonen in Gebrauch setzen durften. So wurde voriges Jahr in den Universitätsräumen eine „patriotische Aktionu in Szene gesetzt, die dem jüdischen Studenten Iglitzky das Leben kostete, während der Mörder, der ihm meuchlings •eine Kugel in den Hinterkopf jagte, und dessen Namen hier jedes Kind kennt, von Toimatschows Gnaden unbestraft blieb. Dies alles biitlet nur einen geringfügigen Bruchteil aus der Dienstrolle des Selbstherrschers Odessas. Und nun ist er gegangen. — Freilich nicht wegen eines seiner zahlreichen Dienstverbrechen, sondern weil er sich mit seinen Gesinnungsgenossen und Kreaturen von der städtischen Selbstverwaltung, denen er seinerzeit durch unerhörte Wahlverbrechen zum Siege verholfen hatte, wegen seines Günstlings, des erwähnten Pelikan, überworfen hatte. Es stellte sich heraus, daß diese die Kunst der Hintertreppenpolitik in den maßgebenden Petersburger Kreisen besser beherrschten, und der große Satrap, der Stolz und die Hoffnung der kämpfenden Reaktion, mußte von der bureaukratischen Oberfläche verschwinden. Wir werden ihm keine Träne nachweinen. Wer immer an seiner Stelle kommen mag, — so schlimm wie es war, kann es nicht mehr werden. Brief aus Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter.) Eine neue Phase Die innere Entwicklung der Türkei hat wieder einmal eine neue Wendung erfahren. Die lange angekündigte und vorbereitete Gründung einer großen einheitlichen Oppositionspartei ist Wirklichkeit Nicht nur eine größere Gruppierung im Schöße des Parlamentes, die nur eine nichtssagende formale Bestätigung eines seit lange bestehenden Zustandes bezeichnet hätte, sondern auch die Schaffung einer festgefügten Gefolgschaft draußen im Lande, einer wirklichen Parteiorganisation im eigentlichsten Sinne. Bisher gab es Oppositionelle auf den Bänken und auf der Tribüne der Kammer, aber ganz ohne jede geregelte Verbindung mit den Volksmassen; Volksvertreter ohne^bestimmte Vollmachten, Oppositionelle aus eigenem Gutdünken, aber nicht als Vollstrecker eines bewußten Volkswillens. Das aber wird jetzt anders. Es beginnt nun die Klubbiidung und Massenrekrutierung, genau wie auf seiten der Komiteeorganisation. Und damit beginnt die erste, wirkliche Konkurrenz gegen „Union et Progres" im Lande. Ihr wird jetzt mit gleichen Methoden und Ansprüchen die „Entente Liberale" gegenüberstehen, wie die neue Partei sich benannt hat. Die Ansprüche der neuen Partei sind vor allen Dingen auf die Eroberung der Regierungsgewalt gerichtet, und das Komitee wird schärfer als bisher um ihre Behauptung zu kämpfen haben. Wem der schließliche Sieg verbleiben wird, ist schwer zu sagen. Für das Komitee arbeiten Hunderte von Klubs und fast sämtliche höheren Verwaltungsstellen im Staate, die es mit seinen Leuten besetzt hat. Aber nur wenige Monate trennen es noch von den Neuwahlen zum Parlamente, und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß da große Ueberraschungen zutage treten. Die „Entente Liberale" ist noch gerade zur rechten Zeit ins Leben getreten, um den Wahlkampf gründlich organisieren zu können, und es kommt auch darauf an, zu wissen, wieviele der Unionklubs der Fahne ihrer Führer treu bleiben und wie viele, besonders in arabischen und in albanesischen Landen, mit fliegenden Fahnen zu den Gegnern hinüberschwenken werden. Will man aus den Vorgängen bei der Parteigründung in den beiden Parlamenten schließen, so wären die Aussichten für das Komitee nicht unbedingt günstig. Man muß sich vor Augen halten, daß ein großer Teil der fähigsten Männer der neuen Partei sich aus Abtrünnigen der Komiteesache rekrutiert, und noch gegenwärtig sind llcbertritre vom alten Lager ins neue an der Tagesordnung. Sadik Bej, der oberste Führer und eigentliche Gründer der „Entente'" ist ja selbst einer der einflußreichsten und stärksten Unionmänner gewesen, wie die von ihm im Frühjahr hervorgerufene Spaltung im Komiteelager bewiesen hat. Der liberale Name, den die neue Organisation sich zugelegt hat, ist nur cum grano salis als echt aufzunehmen. Stark konservative Tendenzen treten im Programme hervor, und wenn wirklicher Radikalismus in ihm mitunterläuft, so ist das vielleicht nur taktisches Parteigepäck, bestimmt, nach Erlangung der Gewalt über Bord geworfen zu werden. Im übrigen sind die Elemente, die die Entente Liberale zusammensetzen, so außerordentlich heterogen, daß an ein Festhalten an bestimmten politischen Prinzipien in der Praxis kaum gedacht werden kann; den Ausschlag wird für gewöhnlich wohl der Moment, der Zufall, die Opportunität, die Oppositionsleidenschaft, die Kampfberechnung geben. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß diese Heterogenität sehr bald zu der gleichen Zersetzung in der neuen Partei führt, die von innen heraus von Anfang an den Bestand des Komiteeblocks gefährdet hat und für die Zukunft gefährdet. Es ist also nichts auch nur mit einiger Gewißheit vorauszuberechnen. Ein alter Kämpe mit verrostetem Rüstzeug Gehört auch der Unionist Ebu Sia Tewfik Bej zu den Ueberläuferkandidaten? Wenn es auf die antisemitischen Anschauungen allein ankäme, so hätte er die Reife für clie Kollegienschaft Schükri-el Asselys längst bewiesen. Vielleicht hat er auch gerade mit Rücksicht auf den psychologischen Moment seine neue Antisemitenbeicnte abgelegt, mit der er vergangene Woche die Spalten seiner unter Ausschluß der Öffentlichkeit erscheinenden Wochenschrift füllte. Natürlich bringt Ebu Sia Tewfik nur „olle Kamellen". Wieder einmal: Freimaurer, Judentum und Zionismus. Er nimmt vom toten Seki Bej die ganze neulich von uns skizzierte Hinterlassenschaft. Dennoch entbehrt der Neuaufguß Ebu Sias nicht alles Originalen. Der alte antisemitische Kämpe nimmt die bekannte Entdeckung wieder auf, daß die Zionisten die eigentlich Schuldigen des italienisch-türkischen Krieges seien! Wie er diese Offenbarung deduziert, das sei mit den Worten des „Osmanischen Lloyd" hier wiedergegeben, die die Donquichotterien Ebu Sia's vortrefflich illustrieren: „Herr Ebu Sia gibt zu, daß die Freimaurerei keine Schöpfung der Juden sei, aber er behauptet, daß die Saloniker Logen von Juden gegründet seien, die italienische Untertanen waren. Diesen wird von Ebu Sia das Ziel zugeschrieben, zionistische Pläne zu fördern. Der werte Verfasser hat die Freundlichkeit, das jungtürkische Komitee wegen des Bündnisses mit diesen Logen zu entschuldigen, da die Form und die Tendenzen der Freimaurerei seinen revolutionären Bestrebungen zustatten kamen. Er will wahrscheinlich sagen, daß, nachdem die jüdischen Logen dem Komitee geholfen hatten, ihre Ziele zu erreichen, sie beiseite geschoben werden konnten — „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen." Nachdem er dann die Stellen aus den Angaben des Ii Ii üif*^l

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.