Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 48 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Brief aus Rußland (Von unserem Berichterstatter.) Die zerronnenen Illusionen Mit einer psychologisch recht natürlichen, aber politisch wenig begründeten Zähigkeit haben gewisse freisinnige Blätter im Laufe der letzten Wochen allerlei Gerüchte und Erörterungen über den „neuen Regierungskurs" in die Ocffentlichkeit lanciert. Ganz besonders ereiferten sich nach dieser Richtung die einflußreichen Publizisten Bajan von den „B i r s h e \v i j a W j e d o in o s t i" und Herr R o s 1 a \v 1 e w von den „P e t e r b u r g s k i j a W j e d o m o s t i". Daß übrigens die offiziellen Parteiblätter des entschiedenen Liberalismus nicht so weit gingen, ist selbstverständlich. Aber auch die nüchterne Skepsis der „Rietsch" und „Russk i j a W jedomosti" machte den Eindruck einer absichtlichen, klug berechneten Reserve und ließ bisweilen durch die obligatorische Kühle parteigetreuer Gesinnungstüchtigkeit die lockende Hoffnung auf bessere Zeiten durchschimmern. Das unzweideutige, prononciert nationalistische Auftreten Kokowz e w s in der „finnländischen Debatte" der Reichsdmna machte indes den schönen Zukunftsträumen des freisinnigen Rußland ein grausames Ende. Ein geräuschvoll zur Schau getragener großrussischer Nationalismus Storypinscher Observanz — das war quasi die politische Deklaration des neuen Lenkers des russischen Staatsruders. Der vornehme Kokowzew mit den feinen weltmännischen Manieren bewies es, daß er die Kunst, sich echtrussisch in die Brust zu werfen und großartige Redensarten über „nationale Aufgaben", „allgemeine Staatsinteressen" u. dg!, zu machen, nicht schlechter verstellt, als sein impulsiver, etwas ungehobelterer Vorgänger. Herr Kokowzew fand es natürlich angezeigt, bei dieser „historischen' c (ielegenheit eine begeisterte Lobeshymne auf seinen Vorgänger anzustimmen und gleichzeitig feierlich zu erklären, daß er die finnländischen Vorlagen mit eben so fester Ueberzeugung vertreten werde wie Stolypin. Dies war eine um so angenehmere Ueberraschung für die herrschenden Parteien der Reichsduma, als man sich noch ganz genau erinnerte, daß der derzeitige Ministerpräsident vor rund anderthalb Jahren im Ministerrat gegen eben dieselben Vorlagen ganz entschieden Opposition machte. Die patriotische Metamorphose des ersten Staatsdieners bestätigte nur die alte Erfahrung, daß es hierzulande bei einem Minister oder Regierungschef so etwas wie bestimmte politische Grundsätze oder ein bestimmtes politisches Programm nicht gibt und nicht geben kann. Offiziell ist es der Wille des Zaren — davon sprach übrigens auch Kokowzew — tatsächlich aber sind es allerlei unsichtbare und unkontrollier- , bare Faktoren, ,zu dc^jen nicht zuletzt die famosen monarchistischen Organisationen, wie der Verband des russischen Volkes e tutti quanti, gehören, die die allgemeine Richtimg in Verwaltung und Gef e'tzgebung bestimmen. Wie dem auch sei, das offene Bekenntnis des Ministerpräsidenten zum aggressiven Nationalismus rief in den Reihen der Dumamehrheit frenetischen Jubel hervor. Alle drei staatserhaltenden Parteien: die blutrünstigen echtrussischen Männer von der extremen Rechten, die Knute- und Knebelpolitiker von der Nationalistenfraktion und die verlogenen Pseudokonstitutionellen um Gutschkow, die fälschlich das Oktober- Manifest auf ihre Fahne schrieben — all diese Herren der Situation und Liebhaber der fetten Pfründen von den verschiedenen Geheimfonds bejubelten und beglückwünschten den „Sieger''. Seitdem will nun das patriotische Getue nicht mehr zur Ruhe kommen. Kokowzew ist der Held des Tages geworden in den Hetzblättern der finsteren Reaktion und in den Teehallen des Verbandes des russischen Volkes. Er, der „feine Europäer'1', mußte es erleben, daß ihn schmutzige Pogromblättchen vom Schlage der „Russkoje Snamja", die Stolypin wegen seines „Liberalismus" bitter befehdeten, als ihren Gesinnungsgenossen begrüßten! — Kannibalische Roheit Dem glänzenden patriotischen Debüt Kokowzews sollten sich nun recht bald noch ■ viel wichtigere und imposantere „echtrussische" Kundgebungen würdig anreihen. Die siegestrunkenen Patrioten vom russischen Ünterhause feierten eine wilde Orgie, wie sie selbst in der an mancherlei Exotisches gewohnten dritten Duma einzig dasteht. Sie nahmen die „finnländischen Vorlagen" zum Anlaß, um das verfolgteste und gehetzteste Volk des Reiches, die Juden, in abscheulichster Weise zu verhöhnen. — Die Gesetzesvorlage, betreffend die Verleihung der Gleichberechtigung an die russischen lintertaiien im Großfürstentum Finnland, enthielt bekanntlich eine' Klausel, wonach die finnländischen Ausnahmegesetze gegen Juden und Zigeuner bestehen bleiben sollten. Die zuständige Durnakominission strich die Ausnahmebestimmung betreffs der Zigeuner, womit sich die Regierung einverstanden erklärte. Die Ausschließung von der geplanten Gleichberechtigung sollte also nur noch für die Juden aufrechterhallen bleiben. Da die Opposition der Reichsduma grundsätzlich die finnländischen Vorlagen samt und sonders als verfassungswidrigen Eingriff in die gewährleisteten autonomen Rechte Finnlands für unannehmbar erklärte, so konnte sie folgerichtig auch nicht für die Verleihung der Gleichberechtigung an die Juden eintreten, um nicht auf diese Weise die legislativen Funktionen der Reiclisduma Finnland gegenüber anzuerkennen. Die jüdischen Politiker und vor allem die jüdischen Abgeordneten standen nun vor einem schwierigen Dilemma. Einerseits verlangten es die Würde und die Interessen der jüdischen Bevölkerung, daß gegen die Schaffung eines neuen Ausnahmegesetzes entschieden angekämpft werde, andererseits aber ging es aus allgemein rechtlichen Rücksichten nicht an, an dem verfassungswidrigen legislativen Akte der Duma direkt oder indirekt teilzunehmen. Diese letzteren Rücksichten erhielten nun die Oberhand, und es wurde beschlossen, von einer Aufforderung an die Opposition, gegen den entsprechenden Paragraphen zu stimmen, abzusehen. Diese Situation benutzte nun der treffliche Nationalist, Herr Krupensky, um ein allerliebstes Stückchen zum Besten zu geben. Bei der Behandlung des betreffenden Gesetzprojektes im Plenum brachte er das Amendement ein, daß den russischen Juden in Finnland diejenigen Rechte eingeräumt werden sollten, die sie außerhalb des jüdischen Ansiedelungsrayons genießen. Dabei ist zu bemerken, daß dieser Antrag für gewisse Kategorien von Juden tatsächlich einen großen Vorteil bedeuten würde. Man würde aber fehlgehen, wenn man glauben wollte, daß es Herrn Krupensky tatsächlich um Recht und Gerechtigkeit zu tun war. Es war ihm vielmehr um die erwünschte Gelegenheit zu tun, an den Juden und Kadetten sein erbärmliches Mütchen zu kühlen. Seinen Antrag begründete er mit der liebevollen Fürsorge für die Interessen des russischen Volkes. Da die Juden ein Gift seien, so empfehle es sich, dieses Gift möglichst zu verdünnen. Der vornehme Gutsherr unterließ es natürlich nicht, auch den Kadetten ein Bein zu stellen. Mit schmunzelndem Behagen erging er sich darüber, daß die Kadetten sich wohl von jüdischem Gelde ernähren ließen, daß sie aber im entscheidenden Augenblick, wo es gilt, eine tatsächliche Erweiterung der jüdischen Rechte zu schaffen, zurückträten, weil die Finnländer hesser bezahlten usw. . . Das geschmackvolle Auftreten Krupenskys sollte das Signal zu einem förmlichen Hexensabbat werden. Die famosen Volkstreter von den Reihen der Rechten und der Nationalisten warfen sich mit Lust auf das treffliche Fressen. Baron Ts che rk asso w , W o j e i k o w , Fomkin, Tschcrewins k y „ S a m i s 1 o w s k y , N o w i t z k y und wie all die Pogromhetzer sonst noch heißen, ergingen sich in den schmutzigsten Insinuationen und niederträchtigsten Aufreizungen gegen die Juden. Man entdeckte auf einmal sein liebendes Herz — den Finnen gegenüber. Die Verleihung einiger Rechte an die Juden wäre eine unwürdige Rache, ein harter, immenschlicher Schlag für das unschuldige finnische Volk; die christliche Nächstenliebe verbiete es, dem armen Volke dieses grausame Uebel zuzufügen; die Reichshauptstadt würde strategisch gefährdet sein, wenn man die Juden in Finnland dulden würde; es könne keine Rede davon sein, neue Rechte an ein Volk zu verleihen, das Ritualniorde übe usw. usw. . . Der arme Nisselowitsch mußte sich wieder einmal der undankbaren Mühe unterziehen, Samislowsky der Lüge zu zeihen und festzustellen, daß dieser die Dokumente der bekannten Ritualmordprozesse fälschlich zitierte. Nachdem das Ziel erreicht war und man in den ausgelassensten antisemitischen Hetzereien reichlich geschwelgt hatte, zog Krupensky sein Amendement zurück. Es soll hier nicht unerwähnt bleiben, daß die jüdischen Abgeordneten den patriotischen Bacchanalien mit großer Würde und Selbstbewußtsein entgegentraten. Daß sie nicht auf den Leim gingen, sondern von vornherein erklärten, daß das jüdische Volk darauf verzichte, seine Rechte aus schmutzigen Händen zum Geschenk zu erhalten, — braucht nicht erst besonders liervorgehoben zu werden.