Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 48 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 DIE3§0ELT 1287 die keine Gedanken bedeuten oder mindestens drei bis vier ähnliche, doch verschiedene Begriffe verschwommen bezeichnen. Darum eben ist die Erörterung der Politik oder des Kampfes mit der Assimilation so schwer, weil sie den Geist nötigt, aus dem verschwommenen Nebel den genauen Gedanken herauszulesen, weil sie ihn zur Wahl zwischen mehreren Ersatzwörtern zwingt, welche natürlich niemals der Phrase entsprechen können, da sich um die Phrase durch den täglichen Gebrauch allerlei unklare Begriffsmischungen angehäuft haben. Ich möchte diese Phrase mit einer Münze vergleichen, deren Inschrift niemand mehr liest, an deren zweifelhafter Ueberkrustung jedoch die Spuren von jedermanns Hände wahrnehmbar bleiben. Ein solches Geld mag einem durch Gewohnheit vertraut werden, dasselbe ist auch ohne Zweifel wohlfeiler, bequemer und leichter erhältlich -— aber das ist alles. Gut sind diese Münzen nicht. Jedes Schlagwort scheint so wuchtig, so niederschmetternd, so sicher und bombenfest, daß gar kein Einwand möglich ist; läßt man sich aber nicht verblüffen und prüft kaltblütig Sinn und Bedeutung, so zerrinnt das Wortgepränge unter den Händen .... Das Gespenst der A n t i - P o I i t i k. Vor Definitionen politischer Parteien muß man schon von vornherein einen gelinden Schreck bekommen, wenn mau sich erinnert, wie ein Reichsgerichtsurteil den Begriff der Eisenbahn - doch ein viel einfacheres Ding als eine politische Partei — auf anderthalb Druckseiten umschrieben hat, oder wenn man an jenen Abgeordneten denkt, der einmal den Begriff der Drogtie aus den verschiedenen Konversationslexika, Handbüchern usw. im Reichstage feststellen wollte, mehr als ein Dutzend verschiedene Definitionen verlas und dann trocken meinte: „Nun, meine Herren, wissen Sie, was eine Drogue ist.44 Natürlich wußte es kein einziger Abgeordneter auf Grund dieser Definitionen. Aber man weiß es wenigstens aus dem täglichen Leben. Wer ist unter uns grundsätzlich politisch und wer ist anti-politisch? Wie ist es überhaupt möglich, anti-politisch zu sein? Die Frage stellen heißt das unbewußte Drängen nach Klärung, nach neuer Vertonung des Begriffs „Politik", in eine bewußte Gedankenarbeit überleiten. Gehen wir von dem logischen Gedankeninhalt des Begriffs Politik aus als einer Methode, welche die vorhandenen staatlichen und gesellschaftlichen Faktoren in Erwägung zieht, ihnen Rechnung trägt und sie auszunützen sucht, so ergibt sich ohne weiteres, daß der Begriff „politisch" in seiner derzeitigen Klangweise und in seiner Anwendung nur auf eine gewisse Gruppe nicht unwandelbar sein kann. Es ist unnatürlich und darum fast unmöglich, daß jemand sich in seinem Denken und Empfinden von einem Prinzip lossagt, das jedem Volk, jeder Partei, ja jedem Menschen eigen ist: die Berücksichtigung, die Benutzung der günstigen Momente und das Bestreben, die Hindernisse zu beseitigen. Im Unmut fiel zuweilen ein Wort der Uebertreibung, das als Opposition gegen eine einseitige Politik — meist war es die Unzufriedenheit mit einer Ueberschätzung „diplomatischer" Schritte — gedeutet werden konnte, aber daß jemand überhaupt keine Politik machen wolle, ist eine Anomalie. Wirklichkeit, Staatsformen, Milieu, Parteien, öffentliche Meinung zwingen jede Partei und jedes Volk, das ein gewisses Ziel anstrebt, eine zielbewußte, für sein Ideal zweckdienliche Politik zu machen. Ein anti-politischer oder auch nur ein apolitischer Zionist ist ein contradicto in adjecto, ein „homunculus" der Phantasie; in der Wirklichkeit existiert er nicht. Vielleicht sind manche gegen Palästinaarbeit und für absolutes Nichtstun. Wir würden dies als ganz verkehrt bezeichnen, aber — das ist auch etwas. Nur müßte es ganz anders heißen; daß man diesen negativen Punkt Politik nennen soll, das ist unbegreiflich. ja, man muß aus den Allgemeinheiten heraus. Als die Aufklärungsepoche im osteuropäischen Judentum begann, da hieß es: „Steh auf, mein Volk." Es wurde in tausend Varianten gesungen und gepredigt. Drei Jahre, fünf Jahre ging es: länger war es nicht möglich. Man mußte daran gehen, Bücher zu schreiben, eine Presse zu schaffen, Schulen zu gründen und dergleichen mehr. Mit unserer Kulturparole im Zionismus haben wir es ganz so gemacht. Wir mußten zeigen, was wir wollen und wie wir es machen. Ein Teil des Kongresses hebräisch seht, wie man es macht! Vielleicht ist es noch mangelhaft, es kann noch besser gemacht werden — zweifellos! Aber es ist eben der Anfang. Anders kommt man nicht vom Fleck. Man proklamiert einen Gedanken, den kein Mensch innerhalb der Partei bestreitet, weil er eine Selbstverständlichkeit darstellt. Sind noch tatsächlich innerparteiliche Gegensätze vorhanden, so gibt es nur ein Mittel, einen richtigen Versöhnungsprozeß anzubahnen: die gemeinsame Arbeit, der Uebergang von der Parole zur Erörterung, von der Erörterung — zur Tat. \ N. S. o o o o o o o Vb^ o o o o o o o AUS DER BEWEGUNG Herr Dr. L e v i n hat sich in Begleitung des Parteisekretärs der Zionistischen Organisation, Herrn Kurt Blumenfeld, für mehrere Wochen nach Galizien begeben, um in einer Reihe von Versammlungen, die von der galizischen Landesorganisation vorbereitet wurden, Vorträge zu halten, und mit den leitenden Persönlichkeiten in Galizien organisatorische Maßnahmen zu besprechen. Am Dienstag, den 21. November, fand in Lemberg eine Sitzung des Zentralkomitees statt, in der Herr Dr. L e v i n über die nächsten großen Arbeiten der Zionistischen Organisation in Palästina referierte. Am 24. November sprach Herr Blumenfeld in einer Sitzung des Zentralkomitees über organisatorische Fragen, insbesondere über die Einrichtung eines guten Bureaus. Herr Dr. L e v i n hat bisher in Massenversammlungen gesprochen, die in Rzeszow, Krakau und Lemberg veranstaltet wurden. Von Lemberg begibt er sich nach Przemysl, Jaroslau und Stanislau. Bei der Hinreise nach Galizien sprach er in einer Massenversammlung in Kattowitz. Herr Blumenfeld sprach am 23. November in der Verbindung Hasmonäa in Lemberg. Ueber die Beteiligung des Herrn Dr. L e v i n und des Herrn Blumenfeld an dem Hebräertag in Lemberg verweisen wir auf den Spezialbericht an leitender Stelle. * * Am Sonnabend, den 25. November, hielt Herr Dr. V. Jacobson im Zionistischen Verein West-Berlin einen Vortrag über die Grundlinien der zionistischen Politik.