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Die Welt · 1911-12-01 · 48 (1.12.1911) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
48 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1286 DJE3§KELT Nr. 48 Notizbuch Licht- und Schattenseiten der Paradoxe. Wenn in eine sich langsam hinschleppende Verhandlung plötzlich eine paradoxe Behauptung geworfen wird, geht es wie ein erfrischender Luftzug durch eine große ermüdete Versammlung. Hier schüttelt man die Köpfe; „das geht zu weit", meint erregt dieser, „hört, hört!" ruft man ermunternd und zustimmend auf jener Seite. Wie in elektrischer Beleuchtung erscheint der Gegenstand der Debatte, der bisher in dem Halbdunkel der Gemeinplätze und der Logik des ,gesunden Menschenverstandes" halb unkenntlich verborgen lag. Durch diese Anregung gewinnt die Erörterung neue Gesichtspunkte, kommt ein neuer Schwung in die sich bekämpfenden Ansichten. Jeder hat einen ahnlichen Eindruck erfahren, so oft er in seiner Lektüre auf paradoxe, seltsame, herausfordernde Meinungen gestoßen ist. Werden dieselben nur mit einem gewissen Nachdruck in einer beredten Sprache vorgetragen, so beschäftigen sie den Leser länger und anhaltender, als Sätze, die sogenannte unzweifelhafte Wahrheiten enthalten, und die wir in ährer Allgemeinheit und Zweifellosigkeit um so geringer schätzen zu dürfen glauben, je mehr wir in diesem Augenblick von dem Paradoxen verwirrt und geblendet sind. Gewiß hat sich das Paradoxe in vielen Fällen als der Schlüssel, der das Tor zur Wahrheit öffnet, als kräftiges Mittel, eine schleichende, versteckte Krankheit im Denken und Dichten zum Ausdruck zu bringen und dadurch die Möglichkeit ihrer Heilung herbeizuführen, erwiesen. Schon Sokrates hat es gewußt. Aber wenn schon in philosophischen und ästhetischen Fragen die häufige Anwendung eines solchen Mittels schädfich wirken müßte, welch größerer und gefährlicherer Schaden würde angerichtet werden, wenn man die nationalen Dinge und die sozialen Verhältnisse beständig vom Standpunkt des Paradoxen behandeln wollte. Die Politik ist im großen und ganzen ein Alltagsgeschäft, sie wird immer mehr des fleißigen Arbeiters als des in Paradoxen schwelgenden Träumers bedürfen. Denn die politischen Gestaltungen, die bürgerlichen und gesellschaftlichen Zustände der Völker sind nicht luftige Schemen, die mit der Schnelle des Gedankens ihre Form ändern können, sondern reale Dinge und Gewalten, die umfallen und sich selbst zerstören, wenn man sie auf den Kopf stellen will. Wie sie langsam geworden sind und eine unwandelbare Richtung verfolgen, die unbewußt und allgewaltig in ihnen liegt und sie vorwärts treibt, so kann man sie nicht plötzlich von Außen her stillstehen heißen oder ihnen gar eine Umkehr gebieten. Während die Volksarbeit stetig fortschreitet, bewegt sich derjenige, der das Paradoxe liebt, in Sprüngen. Scharfsinnig erkennt er das Altgewohnte, die Routine, den Schlendrian der Geschäfte, mißmutig sieht er seine raschen Gedanken bald an diesem bald an jenem Haken anstoßen, heute scheitern sie ganz, morgen treten sie nur in verstümmelter Form an das Tageslicht. Wie sollte das nicht einen ungeduldigen Mann, der von Ideen überströmt, verstimmen? Er will alle seine „Blütenträume" reifen, alle s^ine Ideale verwirklicht sehen. Je schwieriger es ist, etwas Reales, Wirkliches herzustellen, um so leichter lassen sich im Reiche der Theorie immer neue Gebilde aufführen. Je wunderlicher sie sich ausnehmen, je schneller sie einander folgen, um so mehr zeichnen sie sich durch ihre Mannigfaltigkeit und die Buntheit ihres Farbenspieles von der aschgrauen Einförmigkeit aus. Es ist Zug und Schwung in all diesen ,,neuen" Gedanken und Plänen. Eine Weile hat das Publikum die angenehme Empfindung eines Reisenden, der die Lokomotive plötzlich aus dem Trab eines „Bummelzuges" in den Galopp eines „Blitzzuges" übergehen fühlt. Allmählich aber, bei reiferer Ueberlegung, wenn man Zeit gefunden hat, sich die ,,neuen" Ideen näher anzusehen, bemächtigt sich der Menge ein ganz anderes, ängstliches Gefühl. Wohin geht die Fahrt? Was ist der Zweck der sausenden Eile? fragen alle. Das Paradoxe beantwortet diese Fragen nicht. Es ist nicht seine Art, auf Einzelnes einzugehen. Seine Domäne ist das Allgemeine. * * * Vom Allgemeinen zum Detail. Der Zionismus mochte in der ersten Zeit als ein Paradoxon scheinen. Jellinek sagte es schon von der Pinskerschen „Autoemanzipation". Wir brauchen uns deswegen gar nicht zu schämen. Jede neue Idee, jede Erneuerung einer alten Idee, die in Vergessenheit geraten und weltfremd geworden ist, muß bei den meisten diesen Eindruck hervorrufen. Was ist die erste idee? Ein Blitz, der das Nachtgewölk zerreist und dem verirrten Wanderer einen Weg zeigt; ein Ariadnefaden für die Bestrebungen und die Gedanken. Deshalb muß die erste Verkündigung einer Idee fremdartig, herausfordernd und überraschend klingen und soll sich nur ans Allgemeine halten. Darin besteht ihre Größe. Aber ist ihr Prinzip einmal anerkannt worden, ist das, was in ihr originell, kurios, unwahrscheinlich und doch grundfest und richtig war, Gemeingut einer Reihe von Anhängern geworden, so muß das ursprünglich Revolutionäre evolutionär werden. Wir sehen das Walten dieses Gesetzes in der Geschichte aller Offenbarungen und Erfindungen, in dein Siegeslauf aller Ideen. Wenn der Damm, der eine starke Flut lange zurückgestaut hat, endlich bricht, wenn nur die Schleusen plötzlich geöffnet werden, so steigen die Wasser in wilden Sturniwirbeln auf die neue Bahn, schwankend in der Richtung, aber gewaltig, wohin sie sich wenden. Erst wenn sie eine Strecke in der Freiheit zurückgelegt haben, einigen sich die kämpfenden Strömungen wieder, und das scheinbar Feindselige verbindet sich, um gemeinsam den naturgemäßen Weg zu verfolgen. Das sind die Begleiterscheinungen des Wirkens jeder neuen Idee. Die alten Dämme, gegen die die Wogen so lange immer wiederholt anschlugen und den freieren Durchgang begehrten, sind nach allen Richtungen überflutet, und die Durchbrüche zu tiefen Zerklüftungen ausgewühlt, die die Umwallungen selbst da mit Einsturz bedrohen, wo sie sich als segensreich beschirmende bewähren dürften. Ein solcher Zustand ist nicht zu tadeln, denn er erzeugt sich aus der Notwendigkeit; aber er muß erkannt werden. Und bedurfte man früher auf solchen Wassern der stärksten Steuermänner, der Meer- und Sturmgewohntesten, so sind plötzlich ganz andere Bedürfnisse eingetreten: die gestaltende Kraftanwendung, die Bahn, die Richtung, die Biegungen, das zielbewußte Lenken, das ganz andere Impulse, Erfahrungen, Methoden erheischt. In dieser Phase befindet sich jetzt der Zionismus. Wir sind weiter gekommen. Politik? Alle Zionisten denken politisch; es muß ja für jeden Zweck, der mit Zeit- und Ortumständen rechnet, eine gewisse Politik gemacht werden. Die Frage ist nur wie und dieses Wie führt — ob wir es wollen oder nicht — notwendigerweise zum Detail, und da gibt's keine Parteien mehr, oder es gibt deren Hundert, denn bei einzelnen Dingen müssen die Ansichten verschieden sein. So ist es auch mit allem — auch mit dem Kampfruf gegen die Assimilation. Nichts war schöner, erhebender und notwendiger als dieser Ruf, aber nachdem er zehn Jahre lang schallte, muß sich dann die Frage regen: Gut, aber macht es anders und zeiget, wie ihr es anders macht. Die wunderbarsten Parolen werden zu Gemeinplätzen, zu Redensarten,

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