Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 48 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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im m 1282 DIESqKLT Nr. 48 < IR M.''? w »y* tj -flf S * ■ r ' \ Feindselige Kritik oder freundschaftliche Ermutigung? Von Dr. O. Thon. Ich möchte einige Worte über das hebräische Gymnasium in Jaffa sprechen, das seit fast einem Jahre in der jüdischen Publizistik aller Sprachen Gegenstand wenig wohlwollender Kritik oder gar direkter Anfeindung ist. Stellen wir zunächst die Tatsachen fest. Der Lehrplan in seiner Ganzheit und in allen seinen sachlichen .und pädagogischen Einzelheiten wird keiner kritischen Auseinandersetzung unterzogen, sei es, weil er allgemeine Billigung findet, sei es auch, weil diese Sache nur wenig interessiert. Nur einmal, soviel ich weiß, wurde die Forderung erhoben, daß der Lehrplan durch mehrere Unterrichtsstunden für Talmud und talmudische Literatur ergänzt werde. Eine Forderung, der ich mich übrigens voll und ganz anschließe. Sonst aber steht die Frage des Lehrplanes, wie gesagt, nicht zur Diskussion. Den einzigen Angriffspunkt bildet der Bibelunterricht. Der Betrieb des Bibelunterrichtes im Jaffaer Gymnasium soll durchaus zweckwidrig, ja, ganz und gar verderblich sein. Es soll dort die Bibel ganz nach der Methode der extremsten Bibelkritik unterrichtet werden, wodurch im Kinde jeder Keim von religiösem Glauben erstickt wird. Ueberdies kommt das Kind oder der Jüngling bei dieser Art von Unterricht auch gar nicht zur Empfindung der einfachen biblischen Schönheit, gewinnt keinen ergreifenden und für das ganze Leben nachhaltigen Eindruck von der Erhabenheit der heiligen Schrift, kurz, es entsteht in der Seele des Kindes eine Leere oder gar eine Verwüstung, die fürs ganze Leben irreparabel bleiben. So behaupten die Kritiker, und die bringen ihre Vorwürfe nicht etwa im Tone liebevoller Besorgtheit vor, sondern sie verfallen sofort alle, nämlich von den extremsten — Berufs orthodoxen, möchte ich beinahe sagen, bis zu den großen Wortführern radikalen Freisinns, in einen Ton zorniger Entrüstung und vernichtender Strafpredigt. So die eine Seite, die Angreifer. Die andere Seite, die angegriffene, leugnet vollständig die Prämisse. Sie behauptet — und wenn man sie nicht der bewußten Lüge zeihen will, muß man dieser strikten Behauptung geradezu entscheidende Bedeutung beimessen —, sie behauptet also, daß im Jatfaer Gymnasium nicht nach bibelkritischer Methode unterrichtet wird, daß dort bloß die Unterrichtsmethode eine andere, eine natürlichere, keine so verkünstelte und homiletisierende, wie im Golus, ist. So steht Behauptung gegen Behauptung, und es fragt sich, welcher Behauptung kommt vernünftigerweise die größere Glaubwürdigkeit zu. Um diese Frage zu beantworten, muß man zunächst daran festhalten, daß wir nicht eine Spur von Berechtigung haben, einen der beiden Gegner einer bewußten Lüge zu zeihen. "Erstens, weil es sich ja nur um durchaus bekannte und in allgemeiner Hochachtung stehende ehrenwerte Persönlichkeiten handelt, die sicherlich einer Lüge nicht fähig sind. Zweitens aber ist irgendein Verdacht auch aus dem Grunde unzulässig, weil ja die Wahrheit herauskommen kann und bei einiger gründlicher Untersuchung herauskommen muß. Schon der Talmud lehrt in seinem Zivil- und Strafgesetze den psychologisch außerordentlich treffenden und unwiderlegbaren Grundsatz: „In Sachen, die bekannt werden können oder müssen, pflegen Menschen nicht zu lügen." Nun verhält sich die Sache so: Die Kritiker können im Tatsächlichen irren, die Angegriffenen können aber bloß lügen, oder eben die Wahrheit sagen. Ein Irrtum ist bei ihnen ausgeschlossen, weil sie ja den Tatbestand kennen müssen. Die Kritiker können von falschen oder doch übertreibenden Berichterstattern — um nicht zu sagen: Zuträgern — irregeführt worden sein, die Angegriffenen aber weissen es aus sich selbst. Also: glaube ich den Kritikern des hebräischen Gymnasiums, dann stemple ich Dr. Mossinsohn zum bewußten Lügner, glaube ich aber dem Dr. Mossinsohn, dann erkläre ich die Voraussetzungen der Kritiker für irrtümlich oder übertrieben. Wofür wird man sich entscheiden? Mir scheint es vernünftiger, gerechter, unendlich wahrscheinlicher, anzunehmen, daß die Kritiker irren, als daß Dr. Mossinsohn eine bewußte Unwahrheit sagt. Mit dieser, meines Erachtens, durchaus logischen Feststellung, ist die ganze Frage eigentlich endgültig erledigt. Es wird einfach keine Bibelkritik getrieben und damit fallen alle daran geknüpften Schlußfolgerungen in sich zusammen. Indessen möchte ich noch ein ganz klein wenig auf die Frage eingehen, was denn sehr frommen Seelen als Bibelkritik erscheinen kann und es dennoch nicht ist. Gelänge eine solche Feststellung, dann wäre ein gut Teil des Mißverständnisses behoben. Zweifellos: wirkliche, echte Bibelkritik kleinen Kindern und unreifen Jünglingen auch nur in ganz kleinen Dosen einimpfen zu wollen, ist nicht nur ein Verbrechen, sondern vor allem ein gottverlassener Blödsinn. Nicht nur .deswegen, weil die Bibel ein Heiligtum ist und dem jüdischen Volksbewußtsein für alle Ewigkeit bleiben soll, sondern weil die Kinder vor öder Langeweile und verdrossener Interesselosigkeit bald überhaupt am Unterricht nicht teilnehmen und jedenfalls von ihm nichts wegtragen würden. Man versuche nur, sich eine derartige Unterrichtsstunde vorzustellen, und man hat die ganze heillose Lächerlichkeit sofort lebhaft vor Augen. Da steht ein Lehrer und erzählt 10—12jährigen Jungen, daß es etwa ein halbes Dutzend Jahvisten, ebensoviel oder nodi mehr Elohisten gegeben hat, dazu eine recht ausgiebige Anzahl von Redaktoren, die alle immer im Streit und Hader miteinander sich herumbalgen. Was dereine erzählt, um Ephraim ins helle Licht zu rücken, das leugnet der andere, um nur Ju d a nicht gar zu sehr zu kurz kommen zu lassen. Und gar der Herr „P" (Priesterkodex) — was der für ein komischer Kauz ist und wieviel geschmacklose Zuschneiderei der sich geleistet haben soll! In bibelkritischer Methode Kindern die schöne Bibel lehren! Großer Gott, — das wäre ja Tollheit! Man braucht sich bloß einmal eine Regenbogenbibel anzusehen, — jeder Satz ein ausgewachsenes Spektrum, jedes Wort eine Verrenkung, jede Erzählung eine sinnverwirrende Verschrobenheit. Das soll jemand Kindern geben wollen? Ich war schon ein 21 jähriger * junger Mann, als ich das erstemal systematische Bibelkritik in Vivisektion, d. h. an der lebendigen Bibel gehört habe, — wahrhaftig, ich habe niemals vorher und nie nachher ödere Stunden verlebt. Ein sehr verehrter und sehr geliebter Lehrer hat da mit einem Male in die schläfrige Zuhörerschaft die sehr aktuelle und sehr amüsante Frage hineingeworfen: „Wer