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Die Welt · 1911-12-01 · 48 (1.12.1911) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
48 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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ist Jisklia?" Nein, wahrlich, ich möchte dem Gymnasiallehrer nicht ins Auge schauen, der seinen Schülern nähere biographische Details über Milkha und Jiskha einpauken wollte, um eventuell zu dem sehr belebenden, Geist und Gemüt erfrischenden wissenschaftlichen Resultate zu gelangen, daß die arme Jiskha irgendein elohistisches Einschiebsel ist. . . . Gewiß ist Bibelkritik, ohne die wilden Auswüchse, von denen sie nachgerade überwuchert wird, ein sehr interessantes und kulturgeschichtlich wertvolles Studium — aber nur für reife Menschen, die die Bibel schon genossen haben, und nun sie auch in allen historischen Zusammenhängen verstehen und aus ihr anderweitiges historisches Verständnis ziehen wollen. Aber auf Kinder soll man erst die ganze Schönheit, Innigkeit und — scheuen wir doch das Wort nicht! — Heiligkeit der Bibel einwirken lassen. Zerfasert man sie aber, dann verfliegt die Wirkung. An einem sezierten Leichnam, auch des schönsten Menschen, kann man nicht Menschenschönheit empfinden und bewundern lehren. Also — diese Art von Bibelkritik gehört natürlich nicht in die Schule und wird auch im Jaffaer Gymnasium, nach den Versicherungen, denen ich restlos glaube und denen jeder ehrliche Mensch restlos glauben muß, nicht betrieben. Nun gibt es aber, kann es wenigstens geben, eine Art von kritischer Methode, die frommen Gemütern von geringer Kenntnis — es gibt wohl solche! — Befremden und Bangigkeit einjagen kann, weil sie von der hergebrachten Lehrmethode stark abweicht. Ich meine einlach : man kann die Bibel nach dem schönen, klaren, ungekünstelten Wortsinn verstehen lehren. Das ist im Golus nicht der Fall. Da hat sich in den Wortsinn eine Menge von homiletischen Deutungen hineingedrängt, die nicht mehr herauszubringen sind. Ich will ein krasses Beispiel anführen, das vielleicht wirklich schon ein Grenzfall der Verrenkung ist, aber immerhin die alte Methode grell beleuchtet. Zu meiner Zeit wurde im Cheder, wenigstens von meinem „Rebbe", der übrigens sonst ein vollständig normal-gebauter Mensch war, übersetzt: „Und sie zogen aus Marah und kamen nach Elim und in Elim waren zwölf Stämme und siebzig Sanhedrin . . (IV. Mos. 33, 9.) Dort steht nämlich, daß es in Elim zwölf Quellen und siebzig Palmen gab. Das Kind konnte ein alter Jud7 werden, ohne zu wissen, daß dort kein Wort von Stämmen und Sanhedrin stand. Wie man zu solcher wilden Verrenkung kam? Einfach, weil ein bekannter Midrasch diese symbolische Deutung gibt. So hat man Bibel unterrichtet. Das war eine antikritische Methode. Nun unterrichtet man jetzt die Bibel in Palästina. Man übersetzt nicht, sondern man erk 1 ä r t bloß. Natürlich erklärt man wahr und schön. Man ist in Palästina, — die geographischen Erklärungen und Bestimmungen drängen sich geradezu auf: „Masa Damasek" muß erklärt werden, denn Damaskus ist keine judäische Stadt, „Masa Zor" muß sinngetreu erklärt werden, denn „Zor", das weiß schon das Kind, ist keine judäische Stadt; den Thabor und den Hermon hat das Kind lebendig vor Augen, man muß sie ihm klar zeigen. Da kann der Midrasch nicht hineindringen, man muß vielmehr den reinen und natürlichen Wortsinn herausschälen. Da kann es keine traditionelle Deutung, sondern nur eine reine und ehrliche Erklärung geben. Wenn man von Sprache in Sprache übersetzt, ist die Aufmerksamkeit des Kindes ganz von der Uebersetzung absorbiert und das Kind fragt recht wenig. Aber wenn man nicht übersetzt, sondern erklärt, dann muß doch dem halbwegs aufmerksamen Kinde auffallen, daß, z. B. in Jesajas, von Kap. 40 angefangen, ein ganz anderer Ton herrscht und andere Verhältnisse vorliegen. Darf man da nicht von einem zweiten Jesajas reden und den historischen Hintergrund malen? Es wäre wahrhaftig eine Sünde, weil eine Verkrüppelung des sich1 entwickelnden Denkens, wenn man es nicht täte. Und wenn man die Psalmen liest und erklärt — immer: nicht übersetzt! — und man gelangt zu Psalmen, die erst ihren ganzen erhabenen und ergreifenden Sinn auftun, wenn man sie mit großen und erschütternden geschichtlichen Ereignissen in Zusammenhang bringt, — darf man da nicht von Makkabäerpsalmen reden? Wahrhaftig, es wäre ein schweres Vergehen gegen das Kind, wenn man das nicht täte. Leidet darunter aber der Gesamteindruck, den die Bibel auf das Kindergemüt macht? Sicherlich — nicht. Im Gegenteil, der Eindruck ist dann stärker, weil realer, weil wahrhaftiger, weil unmittelbarer, weil das Kind die tiefe Intuition des Sängers, den berauschenden Enthusiasmus des Sehers in sich erlebt und den ganzen heiligen Schauer empfindet, den es nie mehr im Leben vergessen wird. Wer so Bibel lernt, ohne sie zu übersetzen, aber sie in ihrer Entstehungsstimmung erlebt, — dem wird sie für immer ein wahres Lebenselement, eine unaufhörlich bildende und wirkende Seelenkraft bleiben. So, denke ich mir, wird im jaffaer Gymnasium Bibel gelehrt. Nun legt man aber den Maßstab unserer Golusholprigkeit an die Lebensfrische Palästinas an und kommt zu falschen Vorstellungen. Und dann geht die Hetze los und man redet sich in Feindseligkeit hinein und kritisiert schonungslos, wo man nur liebevoll ermutigen soll. Mit Liebe und Verehrung soll man sie aufmuntern und ermutigen, diese edlen und wackeren Pioniere, die tausend glänzende Möglichkeiten im Golus haben fahren lassen, um in Palästina eine Heimstätte und Pflegestätte für den sich neubildenden jüdischen Geist zu schaffen. Hat etwa Zerstörungstrieb diesen Idealismus erzeugt? Nein, ihn konnte nur edler und großer Schaffenstrieb erzeugen. In der Palästina-Ausstellung in Basel hat mich nichts so sehr angezogen und gefesselt, als die Abteilung des Jaffaer Gymnasiums. Da konnte ich mich stundenlang nicht losreißen von den entzückenden sauberen Heften der Jaffaer Gymnasialschüler. Wie haben es die Lehrer in dieser kurzen Zeit bloß fertiggebracht, diesen ganzen Schatz an Sprache und Ausdrucksmöglichkeit aufzuhäufen? Wie schön und wie klar sie in hebräischer Sprache mathematische Lehrsätze formulieren und verwickelte Beweise explizieren. Was haben wir ihnen denn mitgegeben? Nichts, oder fast nichts. Keine Lehrbücher, keine Vorarbeiten, keine Vorbilder. Alles haben sie sich selbst geschaffen mit ihrem starken Willen und wohl auch mit ihrer starken Begabung. Und diesen großen Idealisten sollte man Knüppel zwischen die Beine werfen? Diesen starken Intelligenzen sollten Zionisten in den Arm fallen? „AI thechet'u bajaled!" Versündigt euch nicht am Kinde, — am echt jüdischen, am ganz jüdischen Kinde, das sie uns dort erziehenwollen! Die Kritik ist, ich bin davon überzeugt, unberechtigt, denn außer allgemeinen Redensarten über Bibelkritik, die dort getrieben werden soll, von deren Ausmaß und Inhalt noch kein klares Wort zu hören war, wird nichts Posi-

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