Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 47 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 47 DIEjg< 1261 Colonial-Trust, sogar feindselig. Doch treu den englischen Traditionen der Publizistik, hat der „Jewish Chronicle" in zionistischen Fragen niemals die dumme Vogel-Strauß-Politik so mancher judischen Zeitschriften des Kontinents gespielt. Während der letzten Jahre ist der „Jewish Chronicle" sogar, in das zionistische Fahrwasser geraten, und obwohl nicht ausgesprochen zionistisch, wird er doch in allen großen Fragen des jüdischen Lebens im zionistischen Sinne geleitet. So schmückt als öffentliches Bekenntniszeichen der Magen David mit den Deckel der Festausgabe der „Jewish Chronicle". Das verdanken wir unserem trefflichen Gesinnungsgenossen Leopold J. Greenberg, der seit einiger Zeit als Chefredakteur der „Jewish Chronicle" sich weitere Verdienste um die Bewegung erworben hat. Die English Zionist Federation und der Order of Ancient Maccabeans Die endgültige Entscheidung des G. A. C. in der Frage der Anerkennung des Order of Ancient Maccabeans als Sonderverband wird hoffentlich die sehnlichst erwünschte Einigkeit unter den englischen Zionisten herstellen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß beide Parteien es gut meinen, aber in einem räumlich beschränkten Arbeitsfeld wie Großbritannien können nur zwei sich ergänzende, aber nicht sich befehdende zionistische Organisationen bestehen. Daß die E. Z. F. unter allen Umständen unentbehrlich ist, wird allseits anerkannt, und der O. o. A. M. besitzt eine festgefügte Organisation sowie auch eine Anzahl tüchtiger Arbeitskräfte, die für die Bewegung von großem Werte sind. Glücklicherweise werden beide Bruderorganisationen von bewährten Männern geleitet, die gewiß die allgemeinen Interessen der Bewegung als einzige Richtschnur ihres Tuns betrachten werden. Der Besuch des Herrn Dr. Mossinsohn vom hebräischen Gymnasium in Jaffa wird hier diese Woche erwartet. Es steht zu hoffen, daß der glänzende Empfang, der ihm in Deutschland und Oesterreich zuteil wurde, ihm auch in England bereitet wird. Versammlungen zu seinen Ehren werden nächsten Sonnabend und Sonntag in London veranstaltet werden, und sein Besuch wird auch in verschiedenen Zentren der Provinz erwartet. Es wäre dies eine höchst erwünschte Gelegenheit für eine gemeinsame Aktion der E. Z. F. und des O. o. A. M. Brief aus Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter.) Wieder eine Lüge Die Italiener oder ihre Freunde auf der einen und die mehr oder weniger verkappten Antisemiten auf der anderen Seite versuchen immer wieder, den Juden alles mögliche Schändliche in Zusammenhang mit dem Kriege anzudichten. Erst erfand die „Agenzia Stefani" die Ergebenheitsadresse des nicht existierenden tripolitanischen Großrabbiners. Dann gaben die „Stampa" und der „Popolo Romano" die Entrüstung der ganzen zivilisierten Welt über die Greueltaten der italienischen Truppen in Afrika als eine Mache der jüdischen Weltpresse gegen Rom aus. Und nun hat man wieder einen Angriff gegen die ägyptischen Juden geschleudert. Der hiesige „Stambul" behauptete (unklar, aus welcher Quelle informiert), daß in Kairo eine große Anzahl tripolitanischer Juden etabliert sei. Diese hätten eine Versammlung abgehalten und beschlossen, sofort nach Beendigung des türkischitalienischen Konfliktes beim italienischen Konsulat um Aufnahme in den italienischen Staatsverband nachzusuchen. Diese neue Tartarennachricht wird nun bald wieder durch einen Brief aus Kairo an ein hiesiges Blatt dementiert, wonach in ganz Kairo nur 7 oder 8 Juden aus Tripolitanien existieren, von denen 2 französische Untertanen sind, und der Rest arme Teufel, die von den politischen Vorgängen in ihrem Ursprungslande sehr wenig Ahnung haben. Von der großen politischen Versammlung bleibt alsdann in der Tat nicht viel übrig. Die patriotischen Bestrebungen der ottomanischen Juden Der Gouverneur von Pera, Muhieddin Bey, teilte dieser Tage dem Großrabbiner mit, daß der Plan der Bildung eines jüdischen Flottenvereins die Billigung und den Dank des allgemeinen ottomanischen Flottenkomitees gefunden habe. Diese Kommission selbst richtete ebenfalls ein Schreiben an den Großrabbiner, worin für die patriotischen Anstrengungen der jüdischen Mitbürger gedankt wird, „die einen lieben und achtungswerten, unabtrennbaren Teil des einigen und freien ottomanischen Reichskörpers bilden". — In vergangener Woche hat das Großrabbinat einen Aufruf an die Juden zugunsten des „Roten Halbmonds" (Organisation für Kriegskrankenpflege) in der Presse erlassen. — In den jüdischen Schulen der Hauptstadt ist eine Pfennigsammlung zugunsten der kriegsnotleidenden Tripolitaner eingeleitet worden, die 500 M. ergab. Großrabbiner-Sorgen Im Großrabbinate der Türkei und um die Person Rabbi Haim Nahums ist es zwar seit geraumer Zeit still geworden. Aber dafür machen die Großrabbinate im Reiche ihrem Oberhaupt in Konstantinopel immer noch zu schaffen. In Aleppo hat bekanntlich die Regierungsbehörde die Absetzung des dortigen Großrabbiners verlangt, unter der Anklage, daß er sich ungesetzliche Handlungen habe zuschulden kommen lassen. Rabbi Nahum kam aber dieser Aufforderung nicht nach, unter Hinweis darauf, das erst eine Untersuchung seinerseits die Schuld des Rabbiners ergeben haben müsse. Es sind alsdann zwei Rabbiner als Vertreter des türkischen Großrabbinats nach Aleppo gesandt worden, um diese Untersuchung vorzunehmen. Die von dieser Kommission eingelieferten Berichte stellen nun offiziell die absolute Schuldlosigkeit des Aleppoer Rabbiners fest, so daß er jedenfalls auf seinem Posten bleiben wird. Ob freilich der Wali von Aleppo so klein beigeben wird, bleibe dahingestellt. — Eine zweite Haupt- und Staatsfrage scheint sich wieder um das leidige Jerusalemer Großrabbinat zu erheben. Dem „Hacherut" zufolge, herrscht in der heiligen Stadt große Unzufriedenheit unter Sefardim wie unter Aschkenasim wegen der Ernennung des Rabbi Franco von Rhodos zum Großrabbiner. Er ist offenbar den Jerusalemern zu alt, so daß sie keine wirksame offizielle Vertretung in ihm erblicken. Sie machen übrigens geltend, daß das Chachamchane Nisamnamessi die Ernennung eines über 70 Jahre alten Mannes untersage. Rabbi Nahum macht demgegenüber geltend, daß das Chachamchane Nisamnamessi nur für Konstantinopel gelte, nicht aber für die Provinz; daß die Jerusalemer aller Parteiungen ihm absolute Vollmacht zur Ernennung eines ihm geeignet erscheinenden Mannes gegeben und hernach ihr Einverständnis mit der getroffenen Wahl durch einen Brief bekundet hätten; daß er absichtlich einen Nichtjerusalemer ernannt habe, um weiteren Parteigezänken vorzubeugen, und daß es unmöglich gewesen wäre, noch länger zu warten. Formell bleibt also gegen den Standpunkt Rabbi Nahums kaum etwas einzuwenden. Gleichwohl wäre der Stadt Jerusalem eine jüngere Kraft als Vertreter in so ernsten Zeiten wohl zu wünschen. Die Festtage und die jüdischen Soldaten Dem Großrabbinate ging ein Beschluß des Kriegsministeriums zu, wonach die jüdischen Soldaten fortab nur an den Tagen der jüdischen Feste, nicht aber schon am vorhergehenden Festvorabend Urlaub erhalten sollen. Dieser Befehl muß um so mehr befremden, als auch die Feiertage und die Urlaube der mohammedanischen Rekruten, dem islamitischen Kalender gemäß, schon am Festvorabend beginnen. Der Großrabbiner hat gegen den angegebenen Beschluß formellen Einspruch erhoben. Vom Hilfsverein in Konstantinopel Herr Simon Aronet, Mitglied des neuen Medschliß Dschismani und Vorsteher der Balater jüdischen Gemeinde richtet ein längeres Schreiben an die „Aurore", in dem er dem Wirken des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Balat außerordentlich warmes Lob spendet und unter Hinweis auf die starke Ueberfüllung der dortigen Hilfsvereinsschule und den Mangel an anderen Instituten öffentlich dazu auffordert, an den Hilfsverein für Vergrößerung der Schule ein geeignetes Terrain zu übertragen. Es kämen dabei zwei unbenutzte Synagogenterrains in Frage. Diese Anregung von offizieller Seite ist ein beredtes Zeichen für das große Ansehen, dessen sich der Hilfsverein in unserer Stadt zu erfreuen hat.