Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-11-24 · 47 (24.11.1911) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
47 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316508--55287-3349109
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Brief aus Wien (Von unserem Berichterstatter.) Außerordentlicher Distriktstag des innerösterreichischen Dist ri kts- Ko m i tees Unter überaus zahlreicher Beteiligung von Delegierten und Zuhörern hielt das Wiener D. K. am 18. d. M. eine außerordentliche Tagung ab, um zum bevorstehenden Brünner Zionistentage Stellung zu nehmen. Zunächst erstattete der Präsident der westösterreichischen Organisation, Gg. Adolf Böhm, sein Referat über die Organisationsfrage. Er führte aus: Ursprünglich bestand eine Gesamtorganisation für ganz Oesterreich mit dem Wiener Landeskornitee an der Spitze. Im Jahre 1905 erhob sich gegen die Wiener Leitung eine heftige Opposition, die (am Prager Parteitage) zu einer weitgehenden Autonomie der Distrikte führte. 1907 glaubte sich Galizien selbständig machen zu müssen. Der Grund der Abtrennung lag nur in der Rücksicht auf die Landespolitik. Die Wiener Oberbehörde war nunmehr ausgeschaltet, während die drei westösterreichischen Distrikte autonom weiterbestanden. Diese taten sich nun 1908 auf Grund eines „Bundesvertrages" zu einem losen Verbände zusammen. So entstand die heutige Organisationsform, die Referent als unhaltbar bezeichnet. Vor allem bestände die Autonomie der Distrikte parteirechtlich nicht, denn sie stütze sich auf ein gesamtösterreichisches Statut, das nicht mehr in Kraft ist. Ferner sei in der Leitung eine einheitliche Willensbildung bei Fortbestand von 3 koordinierten Nebenbehörden ausgeschlossen. Die neue Epoche im Zionismus erfordere ein Arbeiten mit intensivsten Mitteln und deshalb müßten die Organisation und ihre Kräfte konzentriert werden. Aus diesen Gründen lege die Leitung den neuen Organisationsentwurf vor, der folgende prinzipielle Abänderungen vorsieht: Die Vereine unterstehen dem Landeskomitee, an welchem natürlich die drei Landesgruppen Innerösterreich, Böhmen, Mähren gleichmäßig partizipieren. Die Distrikts - ko mite es sind nur mehr Unterbehörden mit beschränkter Autonomie. Aus den interessanten Ausführungen des Referenten über die Frage der innerpolitischen Betätigung geben wir die Leitsätze wieder: Die Politik ist für uns nicht Selbstzweck, sondern nur ein Mittel zum Zionismus. Die Landespolitik muß immer unter zionistischer Leitung stehen und muß im ganzen Lande einheitlich sein. Niemals aber darf die Landespolitik von den Zionisten gemeinsam mit den Assimilantengemacht werden. Gg. Böhm glaubt nicht, daß der Zionistentag bindende Beschlüsse betreffend die innerpolitische Betätigung zeitigen werde. Die allgemeine Entwicklung sei noch nicht reit dazu. Zunächst müsse die Gesundung und Erstarkung der Organisation erzielt werden. An dieses Referat schloß sich eine anregende Debatte, die bis Mitternacht währte und an der sich die Delegierten Weisengrün, Wechsmann, Dr. Kohn, Ingenieur Stricker, Reik, Dr. Ehrlich, Landau, Dr. Abeles, Geliert, Nebenzahl beteiligten. Wir heben das wichtigste heraus: Gg. Wechsmann (Bar Kochba) bekannte sich als Gegner der innerpolitischen Betätigung, weil sie den Zionismus entkräftige. Gg. Dr. Kohn erklärt, die zionistische Partei sei nicht berufen, Politik zu treiben und verlangt für die Politik ein anderes eignes Organ. Im übrigen unterstütze er jeden Zentralismus. Gg. Dr. Weisengrün legt dar, daß eine gesunde innerpolitische Betätigung das wichtigste Mittel zur Nationalisierung der Massen sei, die in der Gegenwart für unser Endziel nicht mindere Bedeutung hätte, wie die praktische Palästinaarbeit, denn sie sei die Zusammenfassung' aller moralischen und ästhetischen Werte, die jetzt da sind. Gg. Stricker betont, daß es sich keineswegs darum handle, jeden Zionisten zurPolitik zu zwingen, sondern nur Erzielung einer einheitlichen, wahrhaft jüdischnationalen politischen Arbeit, die sich auch auf das wirtschaftliche und kulturelle Gebiet erstrecken, den strengsten moralischen Anforderungen entsprechen müsse und Mandatshascherei nicht aufkommen lassen dürfe. Gg. Geliert von der „Hatchijah" sprach zunächst hebräisch und betonte die Notwendigkeit des nationalen Radikalismus auf allen Gebieten. Er wünscht eine intensivere Betätigung des „Jüdischen Nationalvereins" in jüdisch-kultur eil er Hinsicht und fordert, daß der neu zu wählenden Parteileitung ein hebräisches Sekretariat zur Seite gestellt werde. Der Distriktstag sprach sich für Annahme des neuen Statutes aus und gab seiner Ansicht in einer einhellig akzeptierten Resolution Ausdruck. Die „alten Herren" Man hat sichs nie recht eingestanden — aber es ist nicht zu leugnen, daß nur ein kleines Fähnchen der absolvierten zionistischen Akademiker aktiv in der Organisation steht. Es wäre aber gefehlt, daraus zu schließen, daß die große Zahl unserer Hochschüler einfach abfällt, wenn sie ins öffentliche Leben getreten ist. Man staunt vielmehr über die Informiertheit der einstigen Kommilitonen in zionistischen Fragen, wenn man ihnen gelegentlich begegnet. Es ist die Scheu vor dem Parteileben, die viele ferne hält. Die Partei fordert vom Individuum Aufopferung des Einzelwillens — häufig auf Kosten seines Intellekts — und man muß wohl sagen: die Partei lebt nicht in uns — wir leben in der Partei .... Was aber in uns allen lebt, in jedem gesondert und tausendfältig differenziert, das ist die Bewegung. Sie ist das Höhere, das Zeugende. Sie verhält sich zur Partei, wie die motorische Kraft zu dem Werkzeuge, dessen sie sich bedient. Der zionistischen Bewegung gehören auch alle die einstigen Studenten an, die sich scheinbar verloren haben. Daß dem so ist, hat das geglückte Unternehmen einiger Gesinnungsgenossen gezeigt, einen „zionistischen Verband ehemaliger Akademiker" in Wien zu konstituieren. Dem ersten Ruf hat eine sehr stattliche Zahl von ehemaligen akademischen Bürgern Folge geleistet, die man jahrelang nicht mehr gesehen hat. Die Versammlung vom 16. d. M. hat die von Gg. Dr. Jakob Ehrlich vorgelegten Statuten genehmigt. Der Verband ist als Konzentrations punkt der Intellektuellen im Zionismus gedacht und wird so eine längst empfundene Lücke ausfüllen. Die Ausführungen einzelner Redner haben aber auch gezeigt, daß es neben diesem vornehmsten Zwecke, ein geistiges Zentrum zu bilden, noch zahlreiche wichtige Aufgaben gibt, die mit Vorteil nur von dieser neuen Vereinigung gelöst werden können. Vor allem Leitung und Erziehung der Studentenschaft und Fürsorge für ihr materielles Wohl, Aussprache über die spezifisch jüdischen Interessen innerhalb der einzelnen liberalen Berufe, denen die einstigen Akademiker nunmehr angehören, und Organisierung des jüdischen Rechtsschutzes. Es wird sich bald zeigen, daß diese unsere jüngste Organisation für die Entwicklung der Bewegung von großer Bedeutung ist. Brief aus London (Von unserem Berichterstatter.) „The Jewish Chronicle" Eine siebzigjährige fruchtbare Tätigkeit in der jüdischen Zeitschriftenliteratur ist mit der dieswöchentlichen Ausgabe des „Jewish Chronicle" beendet worden. Mit Ausnahme der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" ist der „Jewish Chronicle" das älteste Mitglied der jüdischen Presse, und gewiß das einflußreichste. Gegründet im Jahre 1841, hat der „Jewish Chronicle" während sieben Dezennien an allen Phasen des öffentlichen jüdischen Lebens hervorragenden Anteil genommen. Es war zur Zeit des Ritualmordes in Damaskus, den Anfängen der Reform- und Emanzipationsbewegung, als der „Jewish Chronicle" seine publizistische Tätigkeit aufnahm. Vieles hat sich seitdem in der jüdischen Welt, speziell in den englisch-sprechenden Ländern, geändert, aber der „Jewish Chronicle" hat seine Stellung als leitendes Organ der englischen Judenheit behauptet. Auch vom rein zionistischen Standpunkte soll die siebzigjährige Feier des „Jewish Chronicle" gewürdigt werden. In dieser Richtung hat er eine Entwicklung durchgemacht, die den triumphierenden Zug unserer Bewegung glänzend zum Ausdruck bringt. Es war der „Jewish Chronicle", der Herzl und seine kühne Idee der Welt darstellte. Leider aber erfuhr Herzl vom „Jewish Chronicle" keine weitere Unterstützung seiner Pläne. Im Gegenteil, er verhielt sich ablehnend, und in manchen Punkten, wie bei der Begründung des Jewish

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.