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Die Welt · 1911-11-24 · 47 (24.11.1911) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
47 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1258 DIE3§0ELT Nr. 47 Der Vortrag dieses gediegenen Forschers interessierte mich so außerordentlich, weil sich hier die allgemein menschlichen Bestrebungen mit den Bestrebungen des Zionismus begegnen. Auch wir bringen dem Bau von Verkehrsstraßen, der Wiederbelebung, der Erschließung Asiens, der Seßhaftmachung, kurz der Kolonisation das größte Interesse entgegen. Das heilige Land ist eine alte Kulturstätte gewesen. Es härte nicht der Ausgangspunkt einer mächtigen Geistesbewegung werden können, wenn nicht die Kultur dort eine feste Stätte gehabt und den Boden bereitet hätte. Es liegt kein Grund vor, weshalb nicht eine neue Kulturstätte hier geschaffen werden könnte. Menschliche Untätigkeit hat den Verfall des Landes verschuldet; menschliche Tätigkeit kann es wieder in die Höhe bringen. Es kann und wird der Menschheit wieder von neuem durch unser Volk, durch unsere Arbeit gewonnen werden. Dem jüdischen Unternehmungsgeist eröffnen sich große Perspektiven. Er wird durch Erschließung des Landes, durch Beteiligung an der Schaffung von Verkehrswegen die Produktion fördern und an den Früchten dieser Produktion seinen gerechtfertigten Anteil nehmen. Er wird sich bemühen, den Wohlstand des verarmten Landes zu heben, und so der Kultur Raum schaffen und aus den Fortschritten der Kultur für sich Vorteil ziehen. Das ist der Sinn des Zionismus, der früher oder später von allen Menschen, die für Großes Sinn haben, anerkannt werden muß. Der Zionismus ist nicht nur ein Segen für das jüdische Volk: er ist auch ein Segen für das Land, für den Orient. Wir sind ein kleines und schwaches Volk. Wir können nicht eine große Kolonisationspolitik machen, wir können keine großen Eisenbahnen bauen, aber das Werk, an dem wir arbeiten, liegt auch auf der Linie jener großen, epochemachenden Arbeiten, die für ein freies, menschenwürdiges Leben und für höhere Daseinsformen sowohl für uns selbst, als für die ganze Bevölkerung des Landes die Vorbedingungen schaffen. Wie ist es denn in Aegypten anders geworden? Wie ist Aegypten zu dem geworden, was es jetzt ist? Als im Jahre 642 der Chalif Omar seinen Feldhern A m r u , den Eroberer Aegyptens, beauftragte, ihm eine genaue und lebhafte Schilderung des in Besitz genommenen Landes zu machen, schrieb dieser nach Anführung der Schönheiten des Niltales von den Bewohnern: „Eine Bevölkerung, begnadet vom Himmel, die gleich Arbeitsbienen nur dazu bestimmt zu sein scheint, für die anderen Menschen zu arbeiten, ohne selbst von den Mühsalen ihrer Arbeit Nutzen zu ziehen, pflügt den Acker und streut den Samen, gute Ernte erbittend von dem Erhabenen, der die Früchte wachsen und gedeihen läßt." So blieb es bis in die jüngste Zeit: die armen Fellachen waren die gedrückten und geplagten Menschen, denen der Lohn ihrer Arbeit nur zum geringsten Teile zugute kam. Diese Zustände haben sich geändert. Durch Erschließung des Verkehrs wurde die erste Bresche in die alten Verhältnisse gelegt, die englische Verwaltung tat die weiteren Schritte. Recht und Gesetz trat an Stelle der Willkür, freie Arbeit an Stelle der Frohnden, die willkürliche Ausbeutung durch käufliche Beamte hörte auf. Das war der Segen der vordringenden Kultur, daß sie dem Unterdrückten zu seinem Rechte verhalf, daß sie ihm die Verwertung der Erträgnisse seiner Arbeit ermöglichte. Das wird auch der Segen unserer Kolonisation in Palästina sowohl für uns wie für die Araber sein. Wir wollen ein Land, welches in Stumpfheit, Barbarei und Elend versunken war, zu neuem Kulturleben erwecken, wir wollen weite, wüste Flächen dem Pflug unterwerfen, mit einem Netz guter Straßen das Land bedecken. Wer Sinn und Verständnis hat für Bagdadbahn, Mekkabahn, Jungtürkentum, Verfassung, Gleichberechtigung, kurz für die Wiederbelebung des Orients, muß das zionistische Werk in Palästina in den Kreis dieser historischen Notwendigkeiten ziehen, besonders nachdem es sich zur Genüge geklärt hat, daß der Zionisrnüs im Grunde Arbeit in Palästina bedeute. Im gegenwärtigen Zustand des Zionismus wäre es schwer, die zionistische Methode auf zwei Arten aufzufassen. Wir für unseren Teil sehen nur eine, die wirklich praktisch ist. Der Zionismus, wir können davor die Augen nicht verschließen, kann nicht warten, er will die Arbeit, er will sie entschlossen, offen; allein er will eine Arbeit, die auch im kleinen großzügig bleibt. * * * Die unvermeidlichen Fehler. Ich lauschte mit besonderer Aufmerksamkeit den Ausführungen des Vortragenden, als er die Fehler schilderte, die im ersten Stadium der Arbeit des Bahnbaues gemacht worden sind. Wir sind so ungehalten darüber, wenn uns nicht alles sofort gelingt! Die anderen haben es gelernt: man muß Fehler machen, wenn man überhaupt etwas macht; die Mißerfolge dürfen nicht entmutigen, sondern zu neuen Versuchen anspornen. Die Natur liefert uns ein Bild davon, wie es in der menschlichen Gemeinschaft hergeht. Ueberall, wo Weizen wächst, wächst auch Unkraut unter demselben; der Volksglaube nimmt an, daß der Teufel es aussäet. Die Rade, die Trespe und der Lolch sind unnütze, vielleicht sogar schädliche Gewächse. Man würde ihrem Gedeihen ein vollständiges Ende bereiten, wenn man mit dem Getreidebau aufhörte, denn sie haben ihr Gedeihen niemals anders als auf dem Getreidefelde gefunden. Jede neue Kulturpflanze hat neue Ungezieferplagen im Gefolge; der Glanzkäfer ist mit dem Raps zugleich ins Land gezogen, und der Engerling schreibt von der Zuckerrübenkultur einen gewaltigen Aufschwung seines Geschlechts her. Der Landwirt sucht der Verbreitung des Unkrauts und des Ungeziefers nach Kräften Einhalt zu tun, aber er würde doch ein seltsames Gesicht machen, wenn man ihm zumuten sollte, den Anbau von Kulturpflanzen zu beschränken, um die Landplagen zu vermindern, denn am Ende ist es doch besser, Weizen mit untermischten Unkraut als überhaupt keinen Weizen zu haben. Diesen Grundsatz sollte man doch auf das Volksleben anwenden. Kann das Volk irgendwo ein Unkraut ausjäten, ohne zugleich eine edle Pflanze zu beschädigen, so würde es fahrlässig handeln, wenn es diese Tat unterließe. Kann es aber des Unkrauts nur Herr werden, indem es zugleich die edlen Saaten beschädigt, so soll es zuvor genau und gewissenhaft berechnen, ob nicht der Nutzen, den es auf der einen Seite stiftet, hinter dem Schaden zurückbleibt, den es auf der anderen Seite verursacht. In unserer Arbeit muß es auch Unkraut geben; darauf muß man gefaßt sein. Arbeitet man nicht, so kommt man nicht vorwärts — und wir wollen ja vorwärts kommen. So machen alle Völker ihre Kolonisationsarbeit, so bauen sie ihre Bahnen, so gründen sie ihre Niederlassungen — mit tausend Fehlern, mit tausend Mißgriffen, die immer mehr vermieden werden, bis das Ziel erreicht wird. N. S. Zur Beachtung Die Telegramm-Adresse des Zionistischen Zentralbureaus, der Redaktion und Administration der „Welt", sowie des Jüdischen Verlages lautet: Orghip, Berlin. Die Telegramm-Adresse des Hauptbureaus des Jüdischen Nationalfonds in Köln ist: Keren, Köln.

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