Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 47 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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mittels weniger hundert Francs pro Familie hunderte und tausende neuer Existenzen aufgebaut werden können. Zahlreiche Industrien in der ganzen Welt und zwar besonders diejenigen, die die meisten Arbeitskräfte beschäftigen, haben keinen größeren Kapitalbedarf als wenige hundert Francs pro Arbeitskraft, und bei vielen ist der erforderliche Betrag s o gering, daß er fast gar n i c h t ins Gewicht fällt. Als einzelne Beispiele seien hier genannt die Zigarettenindustrie, die bei Handarbeit (deren Qualität noch immer durch keine Maschine ersetzt wird, und die z. B. in der ägyptischen Zigarettenindustrie noch weitaus die erste Rolle spielt) eine Einrichtung erfordert, die pro Arbeitskraft nur wenige Francs kostet. Diese Industrie könnte Zehntausende lohnend beschäftigen und kann von jedem einzelnen Punkte aus für den Weltexport arbeiten. Eine weitere große Industrie, bei der die maschinellen Behelfe vollständig in Fortfall kommen, ist die Spitzenindustrie, die an vielen Punkten der Erde die Bevölkerung ganzer Distrikte ernährt, und die ebenfalls von jedem beliebigen Punkte aus ihre hochwertigen und fast nichts wiegenden Produkte überallhin ausführen kann. In Palästina haben wir, wie bekannt, eine ganz besondere Spitzentechnik, die jetzt schon an verschiedenen Stellen des Landes von jüdischen Arbeitskräften ausgeübt wird. Gegenwärtig arbeiten daran etwa zweihundert, es könnten aber längst viel mehr sein und nichts steht im Wege, in dieser und verwandten Branchen ebenfalls viele Zehntausende lohnend zu beschäftigen. Weitere Beispiele von Industrien, die mit minimalen Mitteln (im Verhältnis zu der Zahl der beschäftigten Arbeitskräfte betrachtet) eingerichtet werden und viele Zehntausende beschäftigen könnten, bieten neuerdings wieder vielfach verschiedene Zweige der Textilindustrie, die mittels billiger elektrisch bedienter Einzelmaschinen betrieben wird. In England ist man sogar in allerneuester Zeit für manche Zweige zum Hand- und Fußbetrieb zurückgekehrt. Daß die mit der Nähmaschine bewerkstelligten Industrien ebenfalls kein großes Kapital pro Arbeitskraft erfordern, ist bekannt, und wenn in diesen Erwerbszweigen Hunderttausende von Juden in den Vereinigten Staaten (neben Hunderttausenden von Italienern usw. usw.) ihren Erwerb finden können, so gibt uns das einen Begriff, welchen Umfang diese Industrien bei dem steigenden Bedarf der orientalischen Länder auch hier annehmen können. Die Uhrmacherei, bei der die Hauptarbeit nicht die Herstellung, sondern das Zusammensetzen der einzelnen Teile ist, kann ebenfalls in einem Lande wie Palästina (und mit einem nahen Markte wie dem ganzen Orient vor sich) viele Zehntausende beschäftigen und die maschinellen Behelfe sind auch hier ganz minimal. Auch das Steinschleifen, wie es für die Uhrenindustrie, für die Bijouteriebranche und für andere Zwecke geübt wird, betreibt man neuerdings mittels winziger, elektrisch angetriebener Maschinen, die sehr wenig kosten und in bequemster Weise sowohl den fabrikmäßigen, wie den hausindustriellen Betrieb ermöglichen. Es ist hier nicht die Absicht, ein vollständiges Verzeichnis geeigneter Industrien zu nennen, doch würde schon innerhalb der wenigen, bereits genannten, die jedenfalls für unseren Fall nicht ungeeignet sind, eine Einwanderung von Hundertausenden bereits hinreichende Erwerbsgelegenheit finden! Außer der Landwirtschaft (die, wie wir gesehen haben, nicht wegen mangelnderMöglichkeiten bisher nur einen so kleinen Umfang angenommen hat) und außer den industriellen Möglichkeiten, die ebenfalls für sich allein eine große Bevölkerung ernähren können, kommen nun noch kombinierte Arbeitsweisen in Frage, mittelst deren für die landwirtschaftliche Hochsaison eine große Zahl, sonst vorwiegend industriell beschäftigter Arbeitskräfte zur Verfügung stünden, während andererseits die Industrie (in der landwirtschaftlich weniger in Frage kommenden Zeit) ebenfalls Hilfskräfte heranziehen und heranbilden kann. In dieser doppelten Beschäftigung liegt eine viel größere Unabhängigkeit und eine größere Sicherung gegen A4ißerfolge. Die neuen Kolonisationsformen der Gartenstadt (oder des Industriedorfes) bieten auch den außerordentlichen Vorteil einer gesünderen Lebensweise und nehmen der Industrie viele Schattenseiten, die sie in den europäischen Ländern aufweist und die im neuen Lande mit seinen verhältnismäßig niedrigen Bodenpreisen, seiner luftigen Bauweise und seinem günstigen Klima ohnehin schon viel weniger in Frage kämen. Unter den angeführten landwirtschaftlichen und industriellen Beschäftigungen war keine, die für den selbständigen Erwerb (mit oder ohne Organisation) größere Installationskosten pro Familie verursachen muß, als innerhalb der wiederholt erwähnten Differenz der Uebersiedelungskosten liegt. Aber auch diese billigen Formen der Ansiedelung können noch wesentlich erleichtert oder verbessert werden, wenn für Grund und Boden, für Ameliorationen und für Wohnungen durch große — bereits bestehende oder noch zu schaffende — Organisationen gesorgt würde. Solche Organisationen könnten sowohl geschäftlichen wie auch Wohlfahrts-Charakter tragen. Bei der intensiven landwirtschaftlichen Kolonisation, die hier proponiert wurde, und auch1 bei den ländlichen Formen einer industriellen Ansiedelung (bei der ebenfalls zu jedem Häuschen ein Stück Gartenland gehören müßte, das groß genug wäre, um den größten Teil des eigenen Bedarfs der Bewohner zu decken) kommt Land und Haus (schon einschließlich solcher Ameliorationen wie Wasserleitung für Bewässerung und häusliche Zwecke) in einem Ausmaß in Frage, das jedenfalls viel weniger als tausend Mark per Familie ausmachen muß. Kann nun Land und Haus von einer Gesellschaft etwa in der Form der „ewigen Pacht" bereit gestellt werden, so brauchen die dafür entfallenden monatlichen Zahlungen nicht mehr als maximal zehn Mark auszumachen, und das ist viel weniger als heute ein städtischer Handwerker oder ein Koloniearbeiter für eine schlechte Wohnung, ohne Land und ohne damit ein Eigentum zu erwerben, zu bezahlen hat. Kommt die Kostenfrage für Land und Haus auf diese Weise für die Einwanderer zunächst in Fortfall, so entsteht dadurch die Möglichkeit entweder einer bereits reichlicheren Installation oder der Zugänglichkeit dieser Ansiedelungsform auch für solche Leute, die nicht in der Lage sind, eine ersparte Uebersiedelungsdifferenz von ca. 7—800 Mark pro Familie mitzubringen. Mit anderen Worten würde die Emigrationsmöglichkeit eine viel größere Schicht der osteuropäischen Judenheit erreichen, und angesichts eines so außerordentlichen Resultats würde es sicherlich nicht schwer sein, auf dem Wege der Wohlfahrtseinrichtung oder auch' auf rein geschäftsmäßigem Wege die Millionen aufzubringen, die für Land und Häuser anzulegen wären. Nebenbei würde hierdurch wieder eine ganz besondere Arbeitsgelegenheit entstehen. Amelio-