Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 47 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Eisenbahnen und Schiffahrtsgesellschaften gezahlt werden, und haben angedeutet, daß eine entsprechende Organisation mit diesen Millionenbeträgen mehr und besseres anzufangen wüßte, als sie ausschließlich für Reisegelder anzulegen. Hier ist schon ein erster und außerordentlich wichtiger Grund, der für diejenigen Einwanderungsgebiete spricht, die näher zu den Auswanderungsländern liegen, und wohin daher die Emigration zu außerordentlich viel geringeren Kosten gelenkt werden kann. Die Differenz ist so groß, daß davon, wie ich an anderer Stelle ausführlicher nachgewiesen habe, den Auswanderern eine neue Existenz aufgebaut werden kann. Ohne hier allzuviel wiederholen zu wollen, läßt sich doch darauf hinweisen, daß weitaus die meisten Existenzen unter der osteuropäischen Judenheit auf kleineren Geldmitteln aufgebaut sind, als den ca. achthundert Mark pro Familie, die der Unterschied der Reisekosten zwischen der amerikanischen und der orientalischen Auswanderung beträgt. Ich erinnere mich, daß bei der Hilfsaktion in Rumänien im Winter 1899/1900 denjenigen Handwerkern, die man an Ort und Stelle mit 50 bis 100 Francs unterstützen konnte, besser und dauernder gedient war als denen, die mit einem Aufwand vom Zehn- und Zwanzigfachen nach Amerika befördert wurden! Aber nicht nur das kommt in Betracht, daß die gesparte Differenz der Reisekosten genügt, den Auswanderern im Orient (in städtischer wie in ländlicher Beschäftigung) eine neue Existenz aufzubauen, sondern auch das, daß die billigeren Reisekosten die Auswanderung einem außerordentlich viel größeren Teil der osteuropäischen Judenheit zugänglich machen, als bisher. Das Fünftel der bisherigen Auswanderungskosten haben nämlich nicht etwa nur fünfmal so viel Leute in jenen Ländern, sondern mindestens die zwanzigfache Anzahl, und wenn man weiterhin mit entsprechenden Unterstützungsaktionen rechnen kann, so wird man sagen können, daß durch die Billigkeit der Uebersiedelung in nahe Gebiete die ganze osteuropäische Judenheit die materielle Möglichkeit der Auswanderung gewänne. Dies aber bedeutet gegenüber den heutigen Zuständen einen ungeheuren Unterschied. Der grandiose Traum des Baron Hirsch, mit seinen eigenen Mitteln eine „Evakuierung Rußlands" durchführen zu können, scheiterte nicht zuletzt daran, daß eben auch diese bedeutenden Mittel (die Zinsen von einer viertel Milliarde Francs) noch lange nicht hinreichen konnten, um auch nur einen wesentlichen Teil des jüdischen Bevölkerungszuwachses von Rußland nach Argentinien zu befördern. Bei Auswanderungskosten von so geringer Höhe aber wie sie in unserem Falle in Betracht kommen, ist eine Einwanderung nach Palästina und anderen Orientländern in ziemlich genau demselben Maße möglich, in dem dort Arbeitsgelegenheit vorhanden ist oder organisiert werden kann. Die Reisekosten scheiden fast völlig aus der Berechnung aus. Was nun die wirtschaftlichen Möglichkeiten im Orient betrifft, so wollen wir drei Kategorien von Gebieten unterscheiden: Palästina im engeren Sinne, den Nachbarländerkreis, weitere Gebiete des türkischen Reiches. Palästina im engeren Sinne hat in den letzten dreißig Jahren einen jüdischen Zuwachs von 75 000 erfahren. Von diesen sind gegenwärtig zirka 8500 in der Landwirtschaft angesiedelt und zwar mit einem Kostenaufwand von solcher Höhe, daß selbst heute noch — das heißt nach allen Erfahrungen und seither eingetretenen Erleichterungen — mit einem Minimum gerechnet wird, das (je nachdem ob es sich um Getreidebau oder Pflanzungen handelt) auf 10 000 bis 25 000 Francs pro Familie veranschlagt wird. Es ist kein Zweifel, daß wenn dieser Betrag für eine bescheidene, aber immerhin schon auskömmliche Betriebsweise auf ein Zehntel des bisherigen reduziert werden kann, daß dann nicht die zehnfache, sondern viel wahrscheinlicher eine hundertfache Anzahl von Kolonisten heute bereits in Palästina wären. Diese Reduktion auf ein Zehntel liegt aber durchaus im Bereich der Möglichkeiten. Hierfür einige eigentlich ganz bekannte Beispiele. Nach den Warburgschen Berechnungen für Olivenpflanzungen tragen diese drei Mark pro Baum oder vierzig Prozent der Aufwendungen (einschließlich Landerwerb). Von dem eben genannten Minimum von 25 000 Francs würde auf diese Weise ein Ertrag von 10 000 Francs zu erzielen sein, und daß in Palästina von 10000 Francs ganz gut zehn Familien leben können, ist jedem, der nur die geringste Kenntnis der dortigen Verhältnisse besitzt, vollständig klar. Es ist ja in Osteuropa nicht anders: weitaus die Mehrzahl der dortigen Juden hat ebenfalls ein viel geringeres Einkommen, und das eigentliche Elend beginnt erst bei einer Ziffer, die s e h r weit unter der genannten steht. Die Warburgsche Rentabilitätsberechnung bezieht sich aber noch dazu auf den kapitalistischen Nettoüberschuß, also auf ein arbeitsloses Einkommen, das in seinem speziellen Fall von einer Verwaltung erzielt werden könnte. Schon der kleine Besitzer wird selbst, auch wenn er nicht persönlich mitarbeitet, einen höheren Ueberschuß erzielen können als eine größere Verwaltung, die niemals im gleichen Maße alle Vorteile herauswirtschaften kann. Für den Fall der eigenen Arbeit aber wird von maßgebenden Seiten bei der gleichen Art von Pflanzungen ein Jahreseinkommen geschätzt, das weit über hundert Prozent der Anlagekosten beträgt. (Professor Guthe gibt zwanzig Francs und mehr per Baum, bis über vierzig Francs sogar! als Ertrag gut gehaltener Oeibäume an und Hubert Auhagen rechnet mit einem Durchschnitt von 15 Francs per Jahr.) Wenn auch in Betracht zu ziehen ist, daß die Ertragsfähigkeit des Oelbaums eine Reihe von Jahren auf sich warten läßt (immerhin werden in manchen Ländern schon im vierten Jahre reichliche Erträge erzielt und ich habe auch in Palästina selbst—und zwar in charakteristischen Einzelfällen — diese Erfahrung bestätigt gefunden), so wird es doch einer organisierten Kolonisationstätigkeit nicht schwer fallen, ein System ausfindig zu machen, bei dem schon vom ersten Jahre an eine entsprechende Rentabilität erzielt wird. Um die wenigen Beispiele, die ich an dieser Stelle geben kann, über alle Zweifel hinaus zu belegen, erwähne ich, daß die Vorbereitungen für Pflanzungen — ja, daß sogar die Anlegung von Baumschulen allein — daneben auch die Verwertung der Flächen zwischen den Bäumen für Gemüsekultur usw. hochrentable Beschäftigungen sind, deren sofortiger Ertrag noch weit höher ist als der spätere der Olivenplantagen selbst! Haben wir hier ein Beispiel aus der Landwirtschaft gezeigt, dem sich viele ähnliche angliedern ließen, so zeigen die schon jetzt vorliegenden Erfahrungen der städtischen und industriellen Kolonisation, daß auch hier