Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 47 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1254 die freilich erst durch das Großrabbinat oder sonstige Vertreter der türkischen Judenheit zu erkämpfen sein wird. Stimulierend für die Wahl der beiden Berufe wirkt noch die heutige türkische Gesetzgebung, die Rabbiner und Lehrer, als einzige Stände von allen, von der Ableistung der schweren Militärpflicht entbindet. Nr. 47 Natürlich werden nicht die begüterten Klassen, sondern im wesentlichen die unteren Gesellschaftsschichten sich den beiden edelsten jüdischen Berufen widmen. Das ist aber kein Schade. Es gibt genug Begäbung und genug edles Blut in ihnen, um aus ihnen heraus eine schöne Regeneration des orientalischen Judentums zu vollbringen. DIESqRELT Organisation der Emigration Von Davis Trietsch (Berlin). II. Wenn auf dem letzten Kongreß die Emigrationsfrage doch eigentlich in dem Sinne auf die Tagesordnung gesetzt worden war, daß man glaubte, sich der nationalen Bedeutung der Auswanderung nach den Ländern des Westens nicht länger verschließen zu können, und nicht etwa in dem Sinne, daß man meinte, in der Emigrationsfrage in irgendwelchem zionistischen Sinne wesentlich eingreifen zu können, so hat diese Auffassung ihren Grund in der außerordentlichen Verkennung der innerhalb des eigenen Programms liegenden Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten würden es uns schon längst gestattet haben, auf die Emigrationsfrage einen wesentlicheren Einfluß auszuüben, wenn wir sie selbst ernsthafter ins Auge fassen wollten. Trotzdem das Baseler Programm eine allseitige Kolonisationsarbeit propagiert, haben wir uns bis heute fast prinzipiell an die ausschließlich 1 a n d w i r t s c h a f tliehe Ansiedelung gehalten. Trotzdem seit sechs Jahren die Nachbarländer in den Tätigkeitsbereich der Organisation einbezogen wurden, haben wir seither dort nicht das Mindeste getan. Trotzdem wir eine Auswanderungsaktion innerhalb des türkischen Reiches jeder in fernere Länder gerichteten unbedingt vorziehen müssen, haben wir noch keine Schritte getan, um die Einwanderungsmöglichkeiten auch nur zu prüfen. — Nach alledem aber herrscht bei uns die Meinung vor, daß die landwirtschaftliche Kolonisation in Palästina einen zu kleinen Umfang habe und in nächster Zukunft auch haben werde, um in nennenswerter Weise für die allgemeine Emigrationssache selbst von uns aus auch nur mit in Frage gestellt werden zu können. — In Wirklichkeit bietet die landwirtschaftliche Kolonisation schon heute reichlich zehnfach größere Ansiedelungsmöglichkeiten gegenüber den tatsächlichen bisherigen Ziffern. Die städtische Kolonisation in Palästina könnte ebenfalls längst schon außerordentlich viel größeren Umfang angenommen haben, und die Nachbarländer sowie die wie Etappen auf dem Wege nach Palästina liegenden Teile des türkischen Reiches könnten schon jetzt so viele Tausende jüdischer Auswanderer aufnehmen, daß darin bereits eine sehr bedeutende Veränderung der allgemeinen Emigrationslage geboten wäre. Diese Punkte sollen im weiteren so weit beleuchtet werden, um die Richtigkeit der aufgestellten Behauptungen zu erweisen. — Man wird nicht umhin können, in Aufklärungen dieser Art über bisher völlig dunkel gebliebene Hauptfelder der zionistischen Praxis zum mindesten eine sehr wertvolle Vorarbeit für ein zionistisches Emigrationsamt zu erblicken. Die „G r o ß k o 1 o n i s a t i o n". Im Anfang der zionistischen Bewegung schien nichts klarer, als daß der politische Zionismus keine andere als nur ein« G r o ß - kolonisation betreiben könne. Gewisse Möglichkeiten der damaligen Zeit blieben absichtlich unausgeführt, weil es zu sehr der Kleinkolonisation der verschiedenen Vereine hätte ähneln können. Es ist ja bekannt, daß die Furcht vor der Kleinkolonisation eine Zeit lang für die meisten sogar weiter ging, als di« programmatische Palästina-Grundlage der Bewegung. Als diese letztere Verirrung aber beseitigt war, verfiel man sofort in den entgegengesetzten Fehler und glaubte eine Arbeit in Palästina nur dann befürworten zu können, wenn man die Forderung der Großkolonisation gleichzeitig ganz und gar ausschaltete und sich begnügte, die kleinen Arbeiten, die man leistete, hauptsächlich in ihrer systematischen Bedeutung zu bewerten. — Großkolonisation sollte nach der neuen Auffassung erst ganz allmählich und stufenweise nach vieljähriger Vorbereitungszeit in Frage kommen können, und dieselbe Auffassung ist es ja auch, aus der sich die Resignation des letzten Kongresses gegenüber der Emigrationsfrage erklären läßt. Die Auffassung ist aber durchaus falsch, wie wir im weiteren sehen werden. Zu einer Großkolonisation gehört ein Auswandererelement, es gehören dazu Mittel und es gehören dazu wirtschaftliche Möglichkeiten im Ei'nwanderungs gebiet. — Das Auswandererelement ist da. Es umfaßt, wie wir gesehen haben, etwa hunderttausend jährlich und würde bei geringeren Auswanderungskosten und geeigneteren Einwanderungsländern noch außerordentlich viel größer sein. — Die Mittel sind auch da, denn die Auswanderer geben für ihre Uebersiedelung so kolossale Summen aus, daß sie mit der ersparten Differenz der Uebersiedelungskosten in dem nahe gelegenen Orient sich dauernd etablieren könnten. — Die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Orients sind aber ebenfalls groß genug, um heute schon eine nach vielen Tausenden zählende Einwandererzahl aufnehmen zu können, die in sehr kurzer Zeit bis an die heutigen Gesamtziffern der jüdischen Emigration heranreichen kann. Diese drei wichtigsten Gesichtspunkte wollen wir im Nachfolgenden genauer auseinandersetzen. Zunächst die Auswanderungsziffern. Die Emigration aus Rußland, die bis 1880 maximal 8800 betragen hatte, stieg in dem Jahrzehnt bis 1890 auf über 40 000 im stärksten Jahre, im folgenden Jahrzehnt war das Maximum 81 500 und seither haben wir Ziffern erlebt, die über 200 000 hinausgingen. Wir haben bereits in der Einleitung dargetan, weiche ungeheuren Summen von dieser Auswanderung an die