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Die Welt · 1911-11-24 · 47 (24.11.1911) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
47 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. .47 DIE^ELT 1253 Das Lehrerkollegium muß sich aus 15 bis 16 Lehrkräften zusammensetzen, für die im Durchschnitt Jahresgehälter von 3000 bis 4000 Frcs. zu zahlen wären. Eine Anzahl Schüler, insbesondere Rabbinatskandidaten, werden Stipendien erhalten müssen. Ueber den Modus der Aufbringung der beträchtlichen Budgetsummen sagt der Projektentwurf wörtlich: „In seiner Gesamtheit ist das oben aufgestellte Budget erst in einigen Jahren zu decken. Aber schon heute müssen sämtliche Eingänge dafür sichergestellt werden, damit das Werk, einmal begonnen, in seiner Entwicklung kein Hemmnis erleide. Die Nationalversammlung (der Medschliss Umumi) muß einen Jahreszuschuß von 15 000—20 000 Frcs. bewilligen. Ferner wird das Großrabbinat die nötigen Schritte bei der Regierung einzuleiten haben, damit diese das Werk nicht nur sanktioniere, sondern auch subventioniere, da es in außerordentlichem Maße zur Verbreitung der türkischen Staatssprache und zur Entwicklung des öffentlichen Unterrichts in der Türkei beitragen wird. Die Alliance Israelite Universelle und der Hilfsverein der Deutschen Juden, die ein sehr großes Interesse daran haben, ihre Orientschulen gemäß den Bedürfnissen der Bevölkerungen und der Zeit sich entfalten zu sehen, werden sicherlich diese Institution mit Genugtuung begrüßen, da sie ihnen die geeigneten Lehrer für ihre Anstalten liefern wird. Zweifellos werden sie sich bereitfinden lassen, dem Werke materiellen Beistand zu leisten. Endlich ist es von höchster Wichtigkeit für uns, in allen Teilen des Reiches zahlende Anhänger des Unternehmens zu finden. Der Bestand des Waisenhauses in Konstantinopel bekräftigt uns in unserer Ueberzeugung, daß unsere Brüder in der Türkei ihre Pflicht verstehen und ähnliche Werke fördern, vorausgesetzt, daß man die rechte Art und Weise kennt, ihre Gefühle für ein gutes Werk wachzurufen." Um den Beginn des Unternehmens zu erleichtern, sieht das Projekt des Dr. Markus für das erste Jahr vor, das gegenwärtige Seminargebäude in Kusgundschuk beizubehalten. In diesem Falle wären für das erste Jahr nur 15 000 Frcs. aufzuwenden. Eine eigene Frage ist die, ob sich die Zöglinge für die zu gründende Lehrer- und Rabbineranstalt auch finden werden. Das bisher unter Leitung von Rabbi Abraham Danon stehende und von der Alliance subventionierte Seminar in Kusgundschuk am Bosporus hat auf diese Frage eine eher negative als positive Antwort geliefert. Denn diese Rabbineranstalt hat stets an Schülermangel gelitten und in vielen Jahren nur sehr wenige Rabbiner ausgebildet. Das lag sicherlich an der völligen Unzulänglichkeit des Institutes. Es lag aber wohl ebenso sehr an den eigenartigen Verhältnissen, in denen der Rabbiner- und zum großen Teile auch der jüdische Lehrerstand in der Türkei existieren. Die Rabbiner sind gezwungen, von Gehältern zu leben, die sie bis nahe an die Grenze der Proletarierklasse herunterdrücken; selbst die sogenannten Großrabbiner, mit Ausnahme derer von Konstantinopel und Saloniki, stehen nicht sehr hoch darüber. Wenn das nun auch unter den alten patriarchalischen Zuständen billigerer Zeiten noch anging, so ist es doch bei den gegenwärtigen Zeiten der Teuerung und in einer Epoche, wo infolge der Konstitution der allgemeine Wettbewerb ein ziemlich lebhafter geworden ist, einer begabten Jugend kaum zuzumuten, daß sie sich einer Karriere widmen solle, die sie mehr oder minder empfindlich zum Hungertuche verdammt. Ganz ähnliches gilt von den Lehrern. In türkischen Landen bezieht ein einheimischer jüdischer Lehrer für volle Wochenarbeit von 30—40 Stunden Riesengehälter von 300—600 Piastern, d. h. von 55 bis 110 (Mk. pro Monat. Es gibt Alliancelehrer, die ihr Leben lang nicht darüber hinauskommen. Nur diejenigen von ihnen, die durch die Ecole Normale in Paris gegangen sind, haben Aussicht auf etwas Besseres. Dagegen sind diejenigen, die nur hebräischen Unterricht, nach der alten Chedermethode natürlich, erteilen, die wahren Parias im Lehrerstande. Mit welchem Neide müssen sie die türkischen Lehrer der Staatsschulen betrachten, die seit dem Aufkommen des neuen Regimes bei geringer Wochenstundenanzahl geradezu glänzende Gehälter beziehen! Es ist daher denn auch nicht zu verwundern, daß heute die türkische Judenheit nicht nur an einer großen Rabbinerebbe, sondern auch an außerordentlichem Mangel brauchbarer Lehrer leidet. Und die Befürchtungen sind nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen, daß sich für die neue Anstalt nur wenig Jünglinge finden werden. In der Tat aber wird gerade die neue Anstalt und die von ihr gegebene vorzügliche Ausbildung eine vollkommene Revolutionierung der gekennzeichneten Verhältnisse zur Folge haben. Die schlechte Besoldung der Rabbiner lag nicht bloß in der Armut der Gemeinden begründet, sondern auch in der Unzulänglichkeit und der daraus resultierenden Mißachtung der früheren Rabbinen. Die Anforderungen, die der staatliche Charakter des türkischen Rabbinats an dasselbe stellt, sind nicht gering. Der Rabbiner müßte mit der Staatssprache und mit den wichtigsten Gesetzen des Landes vertraut sein; das war er aber bisher in den meisten Fällen nicht. Die neuen Zeiten aber lassen für jede Gemeinde, wie ganz besonders das Beispiel Palästinas zeigt, den Besitz eines tüchtigen, modern denkenden, mit der Staatssprache und den Staatsverhältnissen vertrauten Rabbiners als unumgängliche Notwendigkeit erscheinen. Und diese Notwendigkeit wird alle Gemeinden, selbst die ärmsten, zu Opfern anspornen, wie sie sie bislang nicht gebracht haben und vermeintlich nicht hatten bringen können. Wenn sie nur dafür die von ihnen gewünschten Persönlichkeiten erlangen können! Nun, das moderne Rabbinerseminar wird ihnen zweifellos die Rabbiner liefern, deren sie bedürfen. Diese werden dann auch ganz andere Chancen vorfinden als ihre Amtsvorgänger alten Schlages. Analoges läßt sich auch für den Lehrerstand anführen. Der jüdische Lehrer für Türkisch fehlt überhaupt noch völlig; ihn ersetzen bislang Studenten und Advokaten; oft ist man genötigt, zu völlig unbrauchbaren muhamedanischen „Lehrkräften" Zuflucht zu nehmen. Die Hebräisch-Lehrer kommen bis heute aus den Talmud Torahs und genießen an den Schulen dieselbe geringe Achtung und dieselben geringen Besoldungen, an die dort ihre mangelhaften Leistungen gewöhnt haben. Beides wird sich auch hier ändern, wo Tüchtigkeit Tüchtiges leisten wird. Es geht ein frischer Zug durchs orientalische Judentum. Man will gute Erziehung der Kinder: praktische, denn man hat gesehen, welche großen Lebenserfolge sie verbürgt, und jüdische, denn man hat gelernt, das Jüdische wieder mit Stolz zu schätzen und sich des Niederganges der Jüdischkeit zu schämen. Vor allem will man den spaniolischen Jargon, sei es gegen das Türkische, sei es gegen das Hebräische, los sein. Und man ist tatsächlich bereit, große Opfer zu bringen. Wer jemals eine Hilfsvereinsschule in Konstantinopel etwas näher studiert hat, hat das handgreiflich bestätigt gesehen. Selbst die Aermsten sind zu allen denkbaren, ja undenkbaren Opfern fähig, wenn sie nur Früchte derselben sehen. Also auch gute, moderne Lehrer haben von selbst viel bessere Chancen als früher zu erwarten. Ein wichtiges Kapitel bildet die kräftige Staatsbeihilfe,

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