Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 47 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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nationale Erziehung und Rabbiner mit tief jüdischem und türkisch-vaterländischem Wissen, das sie nicht nur zu Religionshütern, sondern auch zu Staatsbeamten — denn das sind alle türkischen Rabbiner zugleich — befähigt. Eine solche Anstalt zu schaffen, ist eine der dringendsten, ja die allerdringlichste Kulturaufgabe der ottomanischen Judenheit, und, da diese aus sich selber heraus weder die moralischen, noch die intellektuellen, noch die materiellen Potenzen hierzu besitzt, auch eine der schönsten und wichtigsten Kulturaufgaben des gesamten Judentums überhaupt. Natürlich hat das nationale Judentum mehr als die Vertreter jeder anderen Auffassung die Pflicht, für die Realisierung eines solchen eminent positiven jüdischen Wertes einzutreten. Der echtjüdische Lehrer und der nationale Rabbiner werden ein ottomanisches Judentum schaffen, das ein starker Faktor für die Erhaltung unseres Volkes, für die Erhöhung seines Prestiges und für die Vorbereitung und Sicherung seiner Zukunft sein wird. Es ist infolgedessen eine Tat, daß die gegenwärtige Leitung des türkischen Judentums, der Medschliss dschismani, der vor kurzem ein so mannhaftes nationales Programm in die Welt gesetzt hat, sich nun in erster Reihe die Vorbereitungen zur Schaffung eines großen Institutes zur Ausbildung von hebräisch-türkischen Lehrern und Rabbinern angelegen sein läßt. Erfreulicherweise ist, in der Theorie wenigstens, die Angelegenheit auf dem besten Wege. Der Medschliss hatte bekanntlich eine Erziehungskommission eingesetzt und diese die Seminarfrage einer Subkommission, bestehend aus dem Mitgiiede des Medschliss ruchani Rabbiner Dr. Markus und dem Mitgiiede des Medschliss dschismani, Hainon E f f e n d i, zur beschleunigten Erledigung übertragen. Die Speziaikommission hat nun die Besprechung des vom Rabbiner Dr. Markus entworfenen Projektes vollendet und der Großen Kommission eingereicht, die weiter darüber zu verhandeln haben wird. Der Entwurf stellt einen bisher völlig neuen Typus dar und dürfte in weiten jüdischen Kreisen großes Interesse erwecken, weswegen wir ihn hier in seinen wesentlichen Zügen wiedergeben. Entwurf eines Lehrer- und Rabbinerseminars in Konstantinopel I. Die Lehrerbild ungsanst a 11. Zweck. Die jüdische Lehrerbildungsanstalt zu Konstantinopel hat die Aufgabe, Lehrer für die jüdischen Primarschulen in der Türkei auszubilden. Die Zöglinge dieser Anstalt erhalten eine Ausbildung, die der eines in einem europäischen Lehrerseminar gebildeten Lehrers entspricht. Die Ausbildung ist sowohl theoretisch als auch praktisch und soll den Abiturienten befähigen, alle Volksschulfächer in türkischer und hebräischer Sprache zu unterrichten. Die an der Anstalt ausgebildeten Lehrer sind dazu berufen, in den Provinzstädten Schulen auch selbständig zu leiten und gleichzeitig als Schochet und Chacham (Kultusbeamter) tätig zu sein. Organisation. — Die Lehrerbildungsanstalt umfaßt fünf Klassen. Für den Eintritt in die Unterklasse wird vorausgesetzt, daß der Zögling vollkommen alle in einer Schule der Alliance Israelite oder der Schule ,,Or Tora" des Hilfsvereins vermittelten Kenntnisse besitzt, sowie die Kenntnisse der türkischen Sprache in dem Orade einer Oberklasse einer guten „Rüschdie" und endlich eine gewisse- Kenntnis der hebräischen Fächer. Das Alterminimum für die Aufnahme beträgt 14 Jahre. Programm. - Das Programm umfaßt sämtliche in europäischen Lehrerbildungsanstalten unterrichteten Fächer, nämlich: Hebräisch: Sprache, Geschichte und Literatur der Juden; Bibel; Talmud und die Grundzüge der jüdischen Gesetzeslehre. Türkisch: Sprache auf Grundlage arabischer und persischer Sprachkenntnisse; Geographie und Geschichte der Türkei. Mathematik: Arithmetik, Planimetrie, Trigonometrie und Stereometrie. Naturlehre: Zoologie und Botanik, Physik und Chemie. Allgemeine Geographie, Kosmographie und Geschichte. Turnen, Gesang, Handfertigkeit. Pädagogik: Didaktik, Methodik, Geschichte der Pädagogik, Lehrkurse. Als fremde Sprachen, für die die meisten Eintretenden bereits Kenntnisse mitbringen werden, werden wahlfrei Deutsch oder Französisch gelehrt werden. Unterrichtszeit. — In Anbetracht der zahlreichen Fächer, werden 7 bis 8 Stunden täglich erteilt werden, wie im Jerusalemer Seminar oder in den deutschen Anstalten. Unterrichtssprache. — Alle Fächer werden auf die türkische und die hebräische Unterrichtssprache verteilt, u. z. die hebräischen Fächer, die Weltgeschichte und die Naturwissenschaften sollen hebräisch unterrichtet werden, während die türkischen Fächer, einschließlich Geschichte und Geographie der Türkei, sowie die mathematischen Fächer in türkischer Sprache gelehrt werden sollen. Die Pädagogik soll nach Möglichkeit in beiden Sprachen behandelt werden. Prüfungen. — Am Schlüsse des fünften Schuljahres hat sich der alsdann mindestens 19 Jahre alte Zögling einer Prüfung zu unterziehen. Für die Lehrerdiplome soll die staatliche Sanktionierung angestrebt werden. Fortsetzung der Studien. — Nach bestandenem Examen kann der Abiturient einen Lehrerposten annehmen, ist jedoch verpflichtet, im Laufe des 20. Lebensjahres nebenbei die theoretischen und praktischen Kenntnisse für die Ausübung der Schechita und eines Kultusamtes in einer Provinzstadt zu erwerben. II. Das R a b b i n e r s e m i n a r. Ziel. — Das Rabbinerseminar in Konstantinopel hat den Zweck, Rabbiner für das ottomanische Reich heranzubilden, die mit tiefen Talmudkenntnissen eine allgemeine Bildung, wie sie das Wohl des türkischen Judentums erfordert, verbinden. Organisation. — Das Seminar besteht aus drei Zyklen. Der erste Zyklus umfaßt drei Jahrgänge, die vollkommen den ersten drei Klassen der Lehrerbildungsanstalt entsprechen und infolgedessen mit diesen kombiniert sind. Der zweite Zyklus, den vierten und fünften Jahrgangumfassend, wird den Zögling zur selbständigen Fortarbeit im Talmud fähig machen. Während des vierten Jahres werden einige Fächer für die Rabbinatszöglinge und die Schüler der Lehrerbildungsanstalt gemeinsam unterrichtet werden; beide fünfte Klassen arbeiten jedoch durchaus selbständig voneinander. Zu Ende des zweiten Zyklus haben die Seminaristen eine Prüfung abzulegen, deren erfolgreiches Bestehen ihnen den Titel „Rabbinatskandidat" erwirbt. Der dritte Zyklus besteht aus weiteren vier Studienjahren. Während desselben werden den Studenten zu Beginn jedes Semesters die Talmudpartien zugeteilt, deren vollkommene Kenntnis sie durch ernstes Studium ohne Hilfe des Lehrers zu erwerben haben. Außerdem haben die Kandidaten vier oder fünf Vorlesungen täglich am Seminar zu besuchen, die alle für den zukünftigen Rabbiner wichtigen Gegenstände behandeln. Unter normalen Verhältnissen wird der Kandidat mit 23 Jahren sein Schlußexarnen ablegen und einen Rabbinerposten antreten können. Das Budget. Für beide Anstalten zusammengenommen sind aufzuwenden an: Räumlichkeiten........... 4 000 Frcs. Personal............. 50 000 „ Diverse.............. 6000 „ Beistand und Stipendien für die Studierenden 15 000 „ Total 75 000 Frcs. An Räumlichkeiten sind 11 Klassen, ein Physik- und Zeichensaal, eine Bibliothek mit Lesesaal, ein Konferenzzimmer, Direktions- und Sekretariatsräume, eine Turnhalle und ein Raum für Handfertigkeitsunterricht nötig. Ausreichende Räumlichkeiten für dies alles lassen sich in Stambul zum Preise von 4000 Frcs. jährlich finden.