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Die Welt · 1911-11-17 · 46 (17.11.1911) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1236 DIE2§£ELT Nr. 46 Autors über die Fäulnis jenes Teiles der Judenheit, der von der Außenwelt für den repräsentativen angesehen wird. Wir müssen ihm zustimmen, wenn er über den Niedergang dieser jüdischen Gesellschaft wie folgt meditiert: Immer seltener werden die Juden, die der Pseudoaristokratie gewissenloser Pharisäer mit Ekel und Verachtung gegenüberstehen, die reich an inneren Werten, auch jetzt noch mit Stolz ihren Glauben tragen und diese Welt des Scheins hassen. Wie lächerlich und erbärmlich sind aber auch die Versuche dieser jüdischen Streber, sich in die arische Welt zu drängen, wo sie doch nur geduldet werden und wo man sie genau so verächtlich verlacht, wie es einige Gutgesinnte ihrer eigenen Stammesbrüder tun. Denn sind nicht gerade die Juden mit ihrer Jahrtausende alten Kultur Stamm- und Geistesaristokratie zugleich im wahrsten Sinne des Wortes? Und bedeuten ihre geistigen und materiellen Kräfte nicht eine unüberwindliche und unentbehrliche Macht, die es, wenn die Juden nur im Glauben zusammenhielten und ihre Selbstachtung wahrten, ruhig darauf ankommen lassen könnte, ob man auf ihre Mitwirkung im öffentlichen Leben verzichtete? Was aber tun diese Juden? Statt ihres Wertes bewußt, sich suchen zu lassen, kriechen sie wie geschlagene Hunde auf dem Boden umher, wedeln und winseln für die Gnade eines gütigen Blicks. . . v. In diesem Tone fährt der Verfasser fort, im Bewußtsein, daß er in ein Wespennest sticht, darin er einmal selbst eine Weile sich aufgehalten hat, und in der Hoffnung, durch seine Offenheit einen Gesundungsprozeß zu ermöglichen. Was der neueste Sittenschilderer von Berlin in diesem seinem umfangreichen ersten Werk nicht verwerten konnte, das verarbeitete er zu einem kurzen Roman, iden er „Moral" betitelte und ebenfalls bei Georg Müller erscheinen ließ. Stünde aber nicht sein Name darauf und wären darin nicht einige ungeschminkte Beobachtungen aus dem Leben des Tiergartenviertels, so hielte man dieses Buch der glatten Fabel wegen für ein Erzeugnis einer der edlen Marlitt verwandten Gesinnung. Die Moral siegt zum Schluß glorios, und zwei, die einander heimlich lieb hatten, finden sich endlich zusammen und werden glücklich. Dieses Liebespaar — Jude und Christin — mutet uns wie erfunden an, während die übrigen Gestalten wirkliches Leben atmen. Besonders treffend ist die getaufte Familie des Senators Friedh e-i m geschildert, die alle Merkmale einer degenerierten Gesellschaft aufweist und die Verachtung verdient, die ihr der Autor und die Welt entgegenbringen. Geistvoller und kultivierter ist der Roman „Eheleute" von Martin Beradt. (S. Fischer, Berlin.) Inhaltlich weniger reich, dafür von einer wohltuenden Vollendung der Sprache. Im Mittelpunkte eine schöne Jüdin, Susanne Stern. Sie scheint dazu geschaffen, das Leben einer reichen Frau zu führen. In ihrer Jugend verliebt sie sich in einen armen Juristen, bekommt aber von ihren Eltern den reichen älteren Geschäftsmann Stern zum Gatten. Der geht ganz in ihr auf, arbeitet und mehrt das Vermögen, das sie verschwendet. Aber wenn sie in die Geschäfte fährt, sich Stoffe auszusuchen, erhebt sich bei ihr zuweilen die Frage, ob nicht der Luxus eine große Täuschung sei, bestimmt, die unbefriedigten Frauen über das Elegische hinwegzubringen. Sie will darauf keine Antwort finden, da sie den Boden, auf dem sie ihr Leben aufbaut, sich nicht fortziehen will. Allein die Leidenschaft übermannt sie, sie folgt ihrem Geliebten. Der junge Rechtsanwalt heiratet sie und bemüht sich, ihr den für sie unentbehrlichen Luxus zu verschaffen. Da es mißlingt, nimmt er sich das Leben. Nach diesem tragischen Intermezzo kehrt Susanne zu ihrem ersten Mann zurück, der sie mit unveränderter Gier auf seine etwas niedrige gutmütige Art liebt. Ein Luxustierchen bleibt sie. Die Mehrheit der reichen Jüdinnen ist so wie sie, ohne Ideal, ohne Halt, ohne Ernst, ohne Inhalt. Was mag wohl schuld sein an dieser Verfallserscheinung? Das Leben in Berlin W. oder der Mangel einer zielbewußten jüdischen Erziehung? Diese Frage läßt der Dichter offen, der seine Hauptaufgabe in dem breiten Ausspinnen des Eheproblems erblickte. Erfreulich ist sein Roman für uns also auch nicht. Wenden wir uns von der Gegenwart den früheren Zeiten zu! Vielleicht wars damals besser um unser Familienleben bestellt. Gewiß, gewiß . . obschon Georg Hermann in seinem „Jettchen Gebert" auch Andeutungen gab, die bedenklich waren, jedenfalls zu denken gaben. Erfreulicher wirkt ein anderes Buch aus jener guten Zeit Altberlins: „Unser Haus", von Felix Hollaender (Verlag von Erich Reiß in Berlin). In unserer Zeit liest man Memoiren, Bekenntnisbücher und Autobiographien gerne, und mit Recht, denn in ihnen spiegelt sich das Leben voller und wahrer. Aber die Wahrheit erschlägt oft die Dichtung. Selten nur kristallisiert sich aus den Erinnerungen und Geständnissen ein wirkliches Kunstwerk heraus. Zu diesen seltenen Erscheinungen gehört Hollaenders jüngstes Buch, das die Bezeichnung Roman verdient. Zur Begründung dieses Satzes braucht man nur die mit den Schicksalen der Hollaenderschen Familie kunstvoll verflochtene tragische Geschichte der um einen Mann kämpfenden Schwestern Senz zu erwähnen. Hier offenbart sich eine dichterische Kraft der Konzeption, die die Wahrheit vertieft und durchleuchtet. Alles andere in dem Buch ist weder komponiert noch zugestutzt. Seinen engsten Kreis zeichnet der Dichter ganz getreu ab, ohne aber trocken und eintönig zu wirken. Liegt es an dem inneren Glanz der vorgeführten Gestalten oder an dem Gemüt des Künstlers, das einen Schimmer von Gold um die Lieben webt? Da ist vor allem sein Vater, ein aufrechter, schöngeistiger jüdischer Arzt, der, rein und adelig, nur für seine Kinder lebt und seine Liebe unter schlichter Strenge verbirgt. Eine Heldin im Arbeiten, aufopferungsvollen Lieben und Schweigen ist die Mutter, eine jener edlen, stillen Frauengestalten, wie sie das Judentum oft hervorbrachte. Nicht zu vergessen an den Onkel Isaak, der auch viel durchgemacht hatte und den jüdischen bittern Witz verkörpert. Das Berlin, wie es zur Zeit Fontanes war, taucht vor uns anmutig auf. Es war eine Zeit, da die Menschen gemütvoller und reiner waren. Noch gab es keine Auswüchse des Lebens im Tiergartenviertel. Mit Vergnügen blickt der Dichter in den säubern Garten seiner Jugend. Er labt sich an dem Anblick des lieben, alten Hauses, darin seine Eltern gelebt haben, wandelt durch den großen Hof, wo er seine Spiele gespielt hat. Ein Duft von Jugend steigt aus diesen Blättern zu uns auf, und wir wollen anerkennend hervorheben, daß der Dichter das Andenken seiner Eltern in Ehren zu halten gelobt.

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