Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 46 MEt&ELT 1235 örtertc die Mittel zur Kräftigung des jüdischen Lebens in Italien und beschäftigte sich insbesondere mit der frage der jüdischen Jugenderziehung. Auch mehrere Vertreter jüdischer Gemeinden Italiens nahmen an den Beratungen teil. Die Stimmung war eine sehr gehobene. Man verspricht sich von diesem Kongreß sehr viel für die Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins innerhalb der jüngeren Generation, namentlich unter der studierenden Jugend. Der Kongreß beschloß u. a. die Schaffung einer großen jüdischen Jugendorganisation mit kulturellen Zielen. Organisation für hebräische Sprache Die Berliner Ortsgruppe der Organisation für hebr. Sprache und Kultur veranstaltet Montag, den 20. November, im Rest. Logenheim, Friedrichstr. 131c, eine öffentliche hebr. Versammlung, in der Herr N. Sokolow über „Ein Kapitel aus der hebräischen Literatur" sprechen wird. Im Anschluß daran findet eine Diskussion statt. Gäste sind herzlich willkommen. Eine neue hebräische Tageszeitung In Krakau ist soeben die erste Nummer eines neuen hebräischen Tagblattes, das den Namen „Bath-Kol" („Das Echo") trägt, erschienen. Die neue Zeitung wird von Herrn Dr. Josef Seliger, dem Gründer und ehemaligen Leiter der Tachkemonischule in Jaffa, redigiert. Sie steht auf streng traditionellem und zugleich national-jüdischem Standpunkt. Von der hebräischen Übersetzungsliteratur Von Max Nord aus „Märchen", die voriges Jahr bei Otto Hendel in Halle erschienen sind, ist soeben eine hebräische Ausgabe aus der Feder David F r i s c h ni a n n s herausgekommen. Im Verlage der Zeitung ,,H a s m a n" in W i 1 n a ist eine hebräische Uebersetzung von Hermann Stracks „Einleitung in den Talmud" erschienen. Ernennung eines jüdischen Polizeirichters in London Die „Times" vom 11. November bringt die Nachricht, daß der König von England Herrn Israel Alexander Sym m o n s zum Polizeirichter für die Stadt London ernannt hat. Herr Symmons ist seit den letzten 26 Jahren als Advokat tätig gewesen und hat sich besonders als Verteidiger in Strafsachen ausgezeichnet. Bei den letzten Generalwahlen in England hat er als Liberaler in der Grafschaft Essex kandidiert, wurde aber nicht gewählt. Herr Symmons ist der erste Jude in England, der zu diesem besoldeten Amt ernannt worden ist. O -f ßo- SPRECHSAAL - ° Wir erhalten folgende Zuschrift: Antwerpen, 10. November 1911. Mit ergreifenden Worten ist in diesen Spalten bereits das Andenken des Oberrabbiners Dünner gewürdigt worden, ich glaube einerseits einen Akt der Pietät zu erfüllen und andererseits ein Dokument von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit der Nachwelt zu erhalten, wenn ich nachstehenden Brief, den der Verstorbene einem befreundeten Misrachisten anläßlich der Gründung des Amsterdamer Misrachi-Vereins zugehen ließ, der Oeffentlichkeit in Uebersetzung übergebe. Geht ja nur zu deutlich seine Liebe und Verehrung, die er unserer Bewegung entgegenbrachte, aus diesen Zeilen hervor. „Sehr geehrter Herr und Freund! Mit inniger Genugtuung vernahm ich, daß Sie mitarbeiten zur Errichtung einer Misrachi-Gruppe in der niederländischen Zionistenvereinigung. Denn, will der Zionismus — diese großartige und wunderbare Wiedergeburt des jüdischen Selbstbewußtseins in jenen Kreisen, die nach menschlicher Berechnung auf immer für das Judentum verloren waren — unsterblich sein, so muß er durchdrungen sein von dem Geiste, welchen ihm nur die Misrachi-Richtung einhauchen kann. Er muß, mit anderen Worten, seine Lebenskraft aus der Quelle schöpfen, die dem Judentum den Stempel seines göttlichen Ursprunges und der UnVergänglichkeit aufgeprägt hat. Empfangen Sie 'deshalb meinen Dank, auch für alle, die bestrebt sind, dieses heilbringende Werk zustande zu bringen. 2DYi nhü wünsche ich Ihnen und allen Ihren Gesinnungsgenossen. Hochachtungsvoll Dr. J. H. Dünner/' Es ist der Verlust eines der unsrigen, den wir mit dem Heimgange dieses großen Mannes in Israel zu beklagen haben. R. C. □□□□□□ o ---n £Ä= FEUILLETON □ □ □ □ □ □ 1 r^ Berliner Romane Von Dr. M. Scherlag. Bezeichnend für die Verhältnisse in der Berliner Gesellschaft ist der Umstand, daß die jüngsten Romane einiger Berliner Autoren Judenromane sind. Weit entfernt davon, jüdische Probleme und Zeitfragen zu behandeln, schildern sie großstädtische entwurzelte Judengestalten, vornehmlich aber moderne haltlose Jüdinnen. Mit einem Worte: dekadentes Judentum. Das Tiergartenviertel liefert scheinbar den Romanschriftstellern zahlreiche Musterexemplare des neuen Typus der Großstadtjüdin. Eine Art Luxuspflanze, exotisch wie die Orchidee, im Grunde parasitisch ist sie geworden. Genießt das Leben, weiß von keinen Skrupeln, geschweige denn Idealen, entwürdigt sich und den Mann, der sich vergebens für sie abrackert, jagt mänadenhaft von einem Liebhaber zum andern, macht in Wohltätigkeit, protzt und bläht sich vor den Glaubensgenossen, demütigt sich und kriecht im Staube vor der christlichen Gesellschaft. Kein Wunder, daß sie bei der ersten besten Gelegenheit ihre Religion wie einen Handschuh wechselt. Solche Frauen zeichnet mit besonderer Schärfe Arth ur Landsberger in seinen beiden bei Georg Müller erschienenen Romanen „W ie Hilde Simon mit Gott und d e m T e u f e 1 rang" und „M o r a lu. Für beide scheint er aus seinen eigenen Erlebnissen geschöpft zu haben. Besonders der erstgenannte Roman mutet in vielen Einzelheiten wie erlebt an. Und er ists, der durch den Prozeß gegen den Grafen Gisbert Woiff- Metternich aktuell geworden ist. Aehnlich wie der Prozeß Einblick gewährt in das intime Leben eines namhaften Berliner Hauses, so zieht der Verfasser dieses Romanes den Vorhang zu einem unerfreulichen Familienbild auf, ja, er läßt uns sogar hinter die Kulissen eines ausgewachsenen Skandals blicken, der seinerzeit und jüngst wieder in Berlin viel besprochen wurde. Das Buch hat künstlerische Qualitäten, die es über den Durchschnitt emporheben. Es würde zu weit führen, wollten wir hier den Inhalt dieses interessanten, anregenden, verwegenen Werkes erzählen. Wir begnügen uns mit dem Hinweis auf die wunderbar getroffenen Gestalten der Hilde Simon und ihrer Mutter. Was dem Buch wirklichen Wert verleiht, ist die Entrüstung des