Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 46 DIE3§£ELT 1233 Wir Zionisteti sind doch wirklich interessanter, als wir je glauben mochten .... Das Seminarprojekt des Dr. Markus angenommen Die große Unterrichtskominission der Konstantinopeler Gemeinde hat nach eingehenden Erörterungen das Projekt der Lehrer- und Rabbiner-Bildungsanstalt in der von Rabbiner Dr. Markus vorgelegten Fassung einstimmig angenommen und beschlossen, vom Medschliss die Votierung einer Jahressubvention von 20 000 Frcs. dafür zu verlangen. Soweit also wäre der Beginn des eminenten Kulturwerkes gesichert. Das Wort hat jetzt die Konstantinopeler Nationalversammlung. Brief aus Haifa (Von unserem Berichterstatter) Die Cholera Schon seit Monaten drohte der unheimliche Gast. In Beirut, in Damaskus, in Trablus waren einzelne Cholerafälle vorgekommen. Wie gewöhnlich, war der erste in Haifa sichergestellte Cholerafall ein von Mekka heimkehrender Pilger. Zwar ist, seit die Hedschas-Bahn gebaut ist, nicht mehr die Pilgerstraße mit Leichen bedeckt, aber die Verschleppung der Seuche in die angrenzenden Länder, die alljährlich wieder droht, ist durch die Bahn nur erleichtert. Zunächst sprach man einige Tage nur von verdächtigen Fällen, aber die Zahl von Beerdigungen, besonders von Mohammedanern, die stets feierlich die Stadt durchziehen, war doch merklich größer. Desinfizierungsmittel fanden einen reißenden Absatz, und vorsichtige Leute begannen sich, im Hinblick auf die stets eintretende Knappheit der Lebensmittel, für längere Zeit zu verproviantieren. Plötzlich, am 11. Oktober, früh morgens, verbreitete sich die Nachricht, daß am Tage vorher insgesamt sechs sichergestellte Erkrankungen aufgetreten waren. Eine unbeschreibliche Panik entstand, und innerhalb von drei Stunden verließen über zweihundert Wagen, mit Menschen und Hausrat vollgestopft, die Stadt. Die meisten wandten sich nach Jaffa, andere nach Nazareth. Ganze Karawanen zogen ins Karmelgebirge hinauf, und ein umfangreiches Feldlager bildete sich vor dem Karmeliter-Kloster auf der Höhe des Vorgebirges, zerstob aber bald, als auch hier die Seuche Opfer forderte. Die Kolonie Sichron Jacob auf der Straße nach Jaffa, in der viele Zuflucht suchen wollten, ließ niemanden ein und schloß sich sofort durch eine Quarantäne ab. So macht man es hier: nicht die Kranken werden isoliert, sondern die Gesunden isolieren sich durch die Flucht. Man rechnet, daß etwa 8000—10 000 Menschen, fast die Hälfte der Bevölkerung, die Stadt verlassen haben. Dieses Verfahren hat aber manches für sich. Denn die Maßregeln der Behörden sind völlig unzureichend. Für eine Isolierung der Kranken gibt es keinen Raum, nicht einmal eine Baracke — vor allen Dingen kein Geld. Und alle früheren Sünden rächen sich jetzt: die Unsauberkeit der Straßen, die aller Hygiene spottenden Aborte, der Mangel einer Kanalisation. Zwar wird vor jedes Haus, in dem ein Cholerakranker ist, ein Posten aufgestellt, um die Quarantäne durchzuführen, aber es ist leider öffentliches Geheimnis, daß gegen einen kleinen Bakschisch die Bewohner das Haus verlassen können. Keine Leiche darf ohne ärztliches Attest bestattet werden. Aber oft genug entdeckt man einen Cholerafall erst dadurch, daß man in einem verlassenen Hause einen Toten vorfindet. Bisher sind im ganzen etwa 100 Erkrankungen bekannt geworden, darunter 15 bei Juden. (Haifa zählt unter ca. 23 000 Einwohnern etwa 3000 Juden.) Unter den Juden wieder sind 14 Sephardim, 1 Aschkenasi. Das erklärt sich aus der Lage des zusammenhängenden sephardischen Viertels inmitten der arabischen Stadt, während die aschkenasischen Juden meist in gesunderen Stadtteilen und zerstreut wohnen. Die größte Schwierigkeit in der Bekämpfung der Cholera liegt bei der Bevölkerung selbst. Araber sowohl wie Sephardim halten Cholera-Erkrankungen ängstlich geheim aus Furcht vor der Quarantäne. Vor allem rufen sie keinen Arzt, da die Ueberzeugung nicht auszurotten ist, daß die Aerzte, um der Seuche Einhalt zu tun, die Kranken vergiften. Die aschkenasischen Juden haben einen freiwilligen Sanitäts-Dienst eingerichtet, um Erkrankte mit Pflegern, Arznei und Nahrung zu versehen, den Abgesperrten Lebensmittel zuzuführen, die Desinfizierung der Wohnungen, Kleider, Wäschestücke usw. zu besorgen. Das Odessaer Komitee und andere Organisationen haben zur Unterstützung dieser Arbeit Geldmittel zur Verfügung gestellt. Seit dem 21. Oktober hat die Anzahl der Erkrankungen so erheblich nachgelassen, daß ein baldiges Erlöschen der Seuche erhofft werden kann. Wirtschaftliche Krise Krieg und Cholera haben zusammen eine schwere wirtschaftliche Krise über die Stadt gebracht. Der Hafenverkehr ruht fast gänzlich, da die Schiffe meist nur kurze Zeit anlegen, um die Post auszutauschen. Viele Läden und Magazine sind geschlossen, Träger und Handwerker sind ohne Beschäftigung. Bei längerer Dauer der Epidemie und ihrer Folgen ist der Zusammenbruch zahlreicher Existenzen mit Sicherheit vorauszusehen. Ein antisemitischer Konsul Vor einiger Zeit tobte hier zwischen dem deutschen Baurat Schumacher und dem jüdischen Agronomen Blumenf e 1 d, der russischer Staatsangehöriger ist, ein Grenzstreit. Ein von B. errichtetes Stück Mauer ließ Sch. gewaltsam einreißen. Dabei wurde ein Arbeiter des B., der das Eigentum seines Arbeitgebers wacker verteidigte, verletzt. Man brachte den Verletzten in das nahegelegene jüdische Hospital von Dr. Auerbach, und dieser stellte ihm ein Attest über seine Verletzungen aus. In dem entstehenden Prozeß erklärte der deutsche Konsul, Dr. Loytved-Hardegg, dem russischen Konsul, daß ihm sowohl die Aussagen zweier Zeugen wie das Attest von Dr. Auerbach nicht beweisend seien, da diese Juden seien, also voreingenommen für den Kläger. Von Dr. Auerbach deswegen zur Rede gestellt, erklärte der Herr Konsul, daß er damit nur „bestehenden Anschauungen Rechnung trage!" Natürlich hat der in dieser gröblichen Weise gekränkte Arzt die nötigen Schritte getan, um den antisemitischen Anwandlungen des Herrn Konsuls entgegenzutreten. Jüdisches Krankenhaus Vor drei Monaten hat hier Dr. Elias Auerbach ein Hospital mit 15 Betten nach Ueberwindung großer Schwierigkeiten eröffnet und damit einen lebhaften Wunsch der jüdischen Bevölkerung erfüllt. Besonders dankbar empfinden die untergaliläischen Kolonien die neue Institution, und aus ihnen setzt sich auch die Mehrzahl der Kranken zusammen. Im Hospital ist Schwester Anni Ballo tätig, die ihre Ausbildung im jüdischen Krankenhause zu Berlin erhalten hat. Das neue Hospital hat sich bisher sehr gut bewährt und bedarf, da es mit den allerbescheidensten Mitteln gegründet ist, dringend der tatkräftigen Unterstützung weiterer Kreise. Achad Haam Achad Haam weilte hier etwa eine Woche. Außer den allgemeinen Zwecken seiner Studienreise diente sein hiesiger Aufenthalt besonders auch der Information über den Stand der Technikums-Angelegenheit. — Auf der Weiterreise hat Achad Haam leider ausgiebig die Unbilden der Quarantäne kosten müssen. PALASTINA 723a Straßenbahn, Wasserleitung und Elektrizitätswerk in Jerusalem Die Stadtverwaltung von Jerusalem erhielt dieser Tage eine amtliche Mitteilung aus Konstantinopel, wonach eine französische Gesellschaft die Konzession zum Bau und Betrieb einer Straßenbahn in Jerusalem erhalten hat. Dieselbe Gesellschaft bewirbt sich auch um eine Konzession zur Anlage eines Elektrizitäts- und Wasserwerks. Dem Vernehmen nach soll auch dieser Plan schon in nächster Zeit der Verwirklichung entgegengeführt werden. v