Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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besondere der der Presse geführt hat. Auch daß das Kriegsgericht, das mit militärischen Mitteln über der Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zu wachen hat, den Bogen zuweilen etwas straff spannt und sich hie und da in seinen Mitteln vergreift, ist ausgemacht. Auf der anderen Seite dürfen jedoch auch die großen Gefahren nicht verkannt werden, die durch die Gegenwart des Kriegsgerichtes vermieden worden sind und noch jetzt, wenn seine starke Faust verschwinden sollte, heraufkommen können. Das ganze politische Leben der Türkei ist noch immer so sehr mit ungezügelten Leidenschaften und krassen persönlichen Ambitionen durchsetzt, daß seine vorläufige Entwicklung noch nicht dem Kampfe der entgegenstehenden Ideen allein — deren gibt es eigentlich noch kaum — überlassen werden kann. Und wenn man sich beispielsweise die Folgen vorhält, die aus dem jetzt der Kammer zugehenden Amnestiegesetzesvorschlag resultieren können, das den politischen Verbannten, allen den dunklen Helden des alten Regimes, die Rückkehr verschaffen soll, so muß die Fortdauer der Herrschaft des Ausnahmezustandes, zumal über die Zeiten des Krieges hinweg, als eine Staatsnotwendigkeit und als ein Segen bezeichnet werden. Der Parlamentsopposition, der es auf Umsturz der Machtverhältnisse um jeden Preis ankommt und der alle Mittel recht sind, welche die gegenwärtige Regierung zu schwächen in der Lage sind, ist der Belagerungszustand und der Mann, der ihm das Rückgrat gibt, Mahmud Schefket Pascha, natürlich ein Dorn im Auge. Beide verhindern sie an der Volksaufreizung, an \den militärischen Putschen oder sonstigen Ueberraschungen, mit denen sie wohl gern eine Wiederholung des 13. April herbeiführen möchte. Sie hält sich deshalb lediglich an die schwachen und kompromittierenden Seiten des Belagerungszustandes und sucht aus ihnen gegen die Regierung Kapital zu schlagen. Da hat denn den Extremen der vergangene Woche erfolgte Uebergriff der kriegsgerichtlichen Instanzen gegen einen der ihren, den Führer der Opposition, Lutfi Fikri Bej, glänzenden Stoff für einen Angriff geboten. Eine in freilich auffallender Zwangsform gehaltene Aufforderung an diesen Deputierten, auf dem Kriegsgericht zu erscheinen, wurde als Verhaftungsversuch auf einen Deputierten, als Verletzung der Immunität eines Volksvertreters und bald als Bruch der Verfassung ausgeschrien. Man schlug einen großen Tamtam und bezichtete den Kriegsminister diktatorischer Unitriebe. Fast hätte das lärmende Manöver durchgeschlagen. Wäre das geschehen, so hätte die Regierung und damit das Reich eine empfindliche Schwächung vor dem Auslande erfahren; im Inneren aber hätten unabsehbare Wirren die Folge sein können. Zum Besten der Türkei hat aber, trotz der unbändigen Haltung der „Linken44, eines Lutfi Fikri oder R i s a T e w f i k , die Majoritätspartei, die wieder fest geeint erscheint, im letzten dringenden Augenblicke das kalte Blut bewahrt und die Sturzwelle aufgehalten. Ein Vertrauensvotum an Mahmud Schefket Pascha, der trotz aller begangenen Fehler doch für das Land derjenige Mann bleibt, der die Konstitution gerettet und das Parlament befreit hat, machte dem ganzen Unfug ein Ende. Die Ruhe ist wiederhergestellt. „Hajde, dschanem" Inmitten des parlamentarischen Hexensabbats hat sich ein einziges, völlig unscheinbares Begebnis abgespielt, das aber für uns Juden von tief symptomatischer Bedeutung und von starkem psychologischen Interesse ist. Unter den zahlreichen Mitgliedern der Kammer, die gegen das reichsschädliche Vorgehen der Opposition Front zu machen für ihre Pflicht hielten, befand sich auch der jüdische Deputierte Carasso. Bis jetzt hat das ottomanische Parlament nun zwar schon Angriffe auf Juden und Judentum mitgemacht: aber daß ein jüdischer Deputierter verhöhnt und am Auftreten gehindert wird, deswegen lediglich, weil er Jude ist, das war docli bisher nur den christlichen Parlamenten des zivilisierten Europas vorbehalten. Nun denn, die türkische Kammer hat diesem Rückstände abgeholfen. Als Carasso Effendi, etwas erregt, wie gewöhnlich, der Tribüne zuschritt, um seinem patriotischen Herzen Luft zu machen und der Opposition ihren Fehler vorzuhalten, rief ihm jemand von hinten mit onkelhafter Bonhomie, einer bezeichnenden jüdelnden Armbewegung und, den spaniolischen Dialekt und Ton nachäffend, die Worte zu: „hajde, dschanem!" Die Bedeutung dieser Worte ist völlig belanglos. Man könnte sie mit dem unschuldigen Zuruf wiedergeben: „Laß doch, Freundchen!" Aber die Art und Weise, wie sie und daß sie einein Juden zugeworfen wurden, stempeln sie zu einem uns in Europa ganz geläufigen, ganz gewöhnlichen, antisemitischen wald- und Wiesen-Hep hep! Aber nun noch ein kleines, ein ganz kleines, ganz interessantes Faktchen, das ist: daß der Besitzer dieses ins Ottomanische überpflanzten Hep hep kein anderer als unser alter Freund und Gönner, der bekannte Liebhaber unseres Volkes, der durch die Allianceschule in Adrianopel gegangene, ganz besondere Freund der Alliance Israelite in Paris, der frühere Zionist und seit dem berühmten Empfange durch die Herren Leven und B i g a r t Antizionist gewordene — Dr. R i s a T e w f i k ist. Wir hoffen von Herzen, daß Herr Carasso, der dur^h den Zuruf arg Beschämte, und mit ihm alle ottomanischen Juden, das kleine Begebnis gründlich verstanden haben mögen. Die Augen dürften ihnen nun wohl darüber aufgegangen sein, wer eigentlich dieser überschwengliche Judenfreund ist, den sie von Konferenzen zu Konferenzen geladen und dessen Philosophastereien über Juden und Judentum sie offenen Mundes wie Offenbarungen gelauscht haben. Vielleicht daß sie nun kuriert sind und künftig den türkischen Nichtjuden etwas weniger an der Schürze hängen werden. Ihre Absichten sind natürlich die lautersten, ihr Patriotismus gibt dem der anderen Elemente, selbst dem des mohammedanischen, nichts nach; aber sie tun gut, Führer und Volk, sich mehr untereinander und füreinander auszuleben. Jedenfalls werden ihnen so verschiedene Demütigungen erspart bleiben können . . . Wenn wir Toten erwachen In der wortgewaltigen türkischen Opposition reden sogar die Toten. Sie reden nicht nur, sie antisemitein. Und sie machen es gar nicht geschickter als die Lebendigen. Es ist wohl erinnerlich, daß vor einigen Monaten ein oppositioneller Journalist, S e k i Bej, von der Kugel eines heimtückischen Meuchelmörders fiel. Vom ersten Tage an haben die um Lutfi Fikri die Schuld an der Bluttat den Unionisten aufladen wollen, und sie haben bis heute von diesen Mühen nicht abgelassen. Daß aber — der Zionismus damit in Verbindung gebracht wird, ist als Ueberraschung post festum für die interessante Gerichtsverhandlung gegen die des Mordes Beschuldigten aufgespart geblieben. Im Orient sind alle orientalischen Märchen möglich. So ist denn auch dieses entstanden. Ein Hauptzeuge, der Leutnant Schaban Effendi, hat das Verdienst, es ans Licht befördert zu haben. Er machte sich anheischig, zu beweisen, daß Seki Bej infolge eines von ihm abgefaßten Memorandums, das sich gegen verschiedene jungtürkische Minister, insbesondere Dschawid Bej, richtete, auf Betreiben derselben oder ihrer Freunde beseitigt worden sei. Sein Beweisstück bestand in dem Memorandum selber, das er vor den Richtern verlas. Hier sprach also der Tote selber. Er sprach aber blühenden, nein bereits verblühten Unsinn. Wir erhielten aus seinem Munde noch einmal die ganze Anleihefabel aufgewärmt. Die Geschichte vom Juden Dschawid Bej mit seinen zwei jüdischen Reisebegleitern, R u s s o und Menasche, nach Paris, von Ernest Cassel dem Juden und Sir Adam Block aus gleicher Rasse, von der zionistischen Banque de Turquie und ihren Konkurrenz-Intrigen gegen die Ottomanbank. Man weiß nicht, ob man lachen soll oder gähnen. Und nach diesem Totenbericht die Zeugenaussage des Lebenden und seine Konklusionen. Er habe die Tatsachen dieses Memorandums, da er damals noch Komiteemitglied war, dem Saloniker Zentralkomitee zur Kenntnis gebracht Dieses habe über den Gegenstand beraten und im Zusammenhange damit über den Zionismus, der unter der Flagge des Freimaurertums in die Türkei, ja in die Armee und die Geistlichkeit hinein, gedrungen sei. Die Folge davon sei dann die Demission Talaat Bejs, des Scheik-ül-Islam, des Ministers 'des Auswärtigen und des Unterrichtsministers gewesen, die das zionistische Freimaurertum oder den freimaurerischen Zionismus befördert hätten. Auch Dschawid Bej sei endlich darüber gefallen. Seki Bej aber sei das Opfer der Rache oder der Furcht vor ferneren Enthüllungen geworden. Eine Kugel habe seinen Mund verstummen machen . . . Gruselig, tatsächlich. Man darf gespannt sein, ob und wie die Lebenden, Dschawid, Talaat und alle die anderen auf diese „furchtbaren Anklagen" antworten werden. Ob sie ihre Komplizität mit dem schrecklichen Zionismus der Cassel, Block und Menasche zugestehen oder gar kalt und keck ableugnen werden.