Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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der bisherigen Leopoldstädter Cafehausklüngel im Auge hätten, sondern großzügige nationale Arbeit im l)ienste des Gesamtjiidcntiims. Die Versammlung, an der sich zahlreiche Gegner beteiligten, warb dem Voiksverein warme Sympathien und viele Mitglieder. Eine Parlamentsrede Dr. Adlers „Eine gewordene Mexe ist ärger, denn eine geborene." Dieses gutjüdische Wort bewährt sich wieder einmal an unseren jüdischen sozialdemokratischen Führern, die national farblos nach Innsbruck fuhren und als echtiärbige Nationaldeutsche nach Wien zurückkehrten. Von den Herren Dr. Licht, Dr. Redlich, Dr. Nennt a n n - bei denen nian's viel eher erwarten und begreifen könnte, weil sie doch im Wahne aufgewachsen sind, zum Schutze der heiligsten Güter der deutschen Nation geboren zu sein —- hat man im neuen Parlament noch keine derart streitbare „völkische4* Rede vernommen, wie von Dr. Adler, dem Chef der deutschen Sozialdemokratie Oesterreichs, in der Reichsratssitzung vom 5. November. Er legte dar, daß seine Partei die wichtigsten nationalen Interessen des deutschen Volkes vertrete, daß sie dies vermöge ihrer Zusammensetzung viel energischer und „ohne Rücksicht auf Parasiten" zu tun in der Lage sei und daß sie niemals zögere, „den U e b e r g r i f f e n der anderen Nationen des Reiches entgegenzutreten." Und wie zur Bekräftigung seiner Ausführungen lehnte der jüdische Führer der deutschen Sozialdemokratie ab, gleichzeitig mit den Vertretern der tschechischen sozialdemokratischen Partei vor dem Ministerpräsidenten zu erscheinen, der ahnungslos die beiden Gruppen für die gleiche Stunde in sein Beratungszimmer lud .... Mußte gerade der Jude Adler diese Rede halten? Wäre sie den arischen Genossen P e r n e r s t o r f e r oder Seit z nicht besser zu Gesicht gestanden? In Höhinen ist die jüdische Bevölkerung im letzten Jahrzehnt beinahe dezimiert worden. Während die Volkszählung des Jahres 1Q00 die Ziffer 92 806 ergab, wohnen nach dem Resultate der letzten Zählung (1910) nur mehr 85 7<-JU Juden in dieser Provinz. Das ist ein Minus von 7007 Menschen oder, in Prozenten ausgedrückt, ein Rückgang von fast 8"u. Diesen Verlust an jüdischer Volkskraft kann man erst ganz ermessen, wenn man erwägt, daß das böhmischmährische Landjudentum ein ausgezeichneter, gesunder, erwerbstüchtiger, genügsamer und treu-jüdischer Menschenschlag ist und daß man diesen Ausfall vor allem auf Abw a n d e r u n g i n f o 1 g e des nationalen, a n t i s e m i - t i s c h e n Boykotts zurückführen muß. Es kann nicht genug gesagt werden, daß die Teilnahme der Juden un der fremd nationalen Politik diesen Boykott verschärft und es ist tief traurig, daß nunmehr auch der nationaldeuische jüdische Kreis um Dr. Adler zu den Schädlingen des eigenen Volkes zu zählen ist. Brief aus London (Von unserem Berichterstatter.) Die Chief-Rabbi-Frage Die wichtigste Frage, die jetzt das englische Judentum bewegt •- die Wahl eines Chief Rabbi — ist endlich um einen, den ersten, Schritt vorwärts gekommen. Die United Synagogue, ein Verband der bedeutendsten aschkenasischorthoüoxen Synagogen Londons, die für die Wahl und Besoldung des Chief Rabbi an erster Stelle verantwortlich ist, hat den Beschluß gefaßt, sich mit anderen Körperschaften im Lande wegen dieser Frage in Verbindung zu setzen. Es war bisher noch unbestimmt, in welcher Art die maßgebenden Persönlichkeiten, mit Lord Rothschild an der Spitze, sich zur Wahl eines Nachfolgers von Dr. Adler stellen würden. Soweit man aus der Haltung der in dieser Sache offiziösen „Jewish World" ersehen kann,"will man in leitenden Kreisen keine gefährliche Diskussionen über die zukünftige religiöse Leitung heraufbeschwören, und die Besprechung über diese überaus komplizierte Frage wird in vertraulicher Form zwischen den Vertretern der United Synagogue und einer Anzahl provinzieller Gemeinden, die gewissermaßen an dem Chief Rabbi- Fonds beteiligt sind, stattfinden. In den nationalen Kreisen ist man von dieser Haltung wenig erbaut, schon weil sie zi; oligarchisch ist. Die große Masse im East End wird leidei fast gar nicht zu den Beratungen zugezogen. Man soll siel aber auch nicht verhehlen, daß die geistigen Kräfte des Eas: End unter den jetzigen Umständen eine quantite negligeabh sind, und keine Macht, mit der man ernst rechnen müßte darstellen. Soweit diese Intelligenz nicht zum Zionismus ge hört, hat sie sich in das Schlepptau der üemeindepolitik de: verstorbenen Lord Swaythling (bekannt als Sir Samuel Mon tagu) nehmen lassen, eine Politik, die bezweckte, die Ab sichten des Lord Rothschild, des Präsidenten der United Synagogue, zu durchkreuzen. Die Federation of Synagogues/ eir, Verband der Synagogen und Chevrahs im East End, unter der finanziellen und moralischen Vormundschaft Lord Swayth lings, ordnete sich wohl der Autorität Dr. Adlers unter, aber nur, weil sie zu schwach war, um seinen persönlichen Einflul: zu überwinden. Seit Jüngerer Zeit sucht nun die Federation eine erste Kraft, aber wie sich dieser zukünftige sogenannte „Chief Minister' zum Chief Rabbi, oder sagen wir die Mehrzahl des östlichen zum westlichen Judentum Londons stellen wird, ist eine Frage, die noch der Lösung harrt. Jedenfalls, hoffen wir, daß, wenn auch noch nicht der Chief Rabbi der westlichen United Synagogue, so doch wenigstens der Chief Minister der östlichen Federation of Synagogues, sich sympathisch zu den Bestrebungen der vielfach unter zionistischem Einflüsse stehenden Mitglieder der Federation stellen wird. Obwohl Lord Swaythling, als Präsident und Diktator der Federation, seine anti-zionistischen Neigungen nicht ganz zur Geltung bringen konnte, hat er doch nicht wenig Unheil in diesei Hinsicht angerichtet. Interessant ist es auch zu bemerken, daß Dr. Lern er, Oberrabbiner in Altona und Haupt dei anti-zionistischen „Marian", für einige Zeit als Rabbiner der rede r a t i o n fungierte. Zionistisches Die ,,Saison'4 wurde mit einer Versammlung der London Zionist League im Hotel Oreat Central eröffnet. Der Vorsitzende, Mr. B e n j a min Grad, besprach das Verhältnis der englischen Juden zum Zionismus, unter anderem griff auch Sir Francis M ontef i ure in die interessante Diskussioi ein. Die London Zionist League und die London Universih Zionist Society haben es gemeinschaftlich unternommen, eim Anzahl Vorträge im Hotel Great Central, einem unter dei; Juden beliebten Mittelpunkt des Westens, zu veranstalten. Als erster Redner soll Mr. Nor m a n Beut w ich, der eben von einer Palästinareise zurückgekehrt ist, auftreten. Auch wird die London University Zionist Society eine bevorstehendeenglische Vortragstournee Dr. Mossinsohns vom Jaffaei (j y ni n a s i u in, fördern. Nach vielen Bemühungen ist es endlich gelungen, in London eine Abteilung des Verbandes jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina zu gründen. Ein Komitee, mit Frau M. F r i e d I ä n d e r als Präsidentin, Frau A. B ü c h 1 e r als Schatzmeisterin und Frau Paul üo o d m a n als Schriftführerin, ist soeben gebildet worden und hat schon in den besten Kreisen Anklang gefunden. Das Komitee wird sich bemühen, sich an der ,,Bezalel"-Ausste!iung in London mit einer Spitzenabteilung zu beteiligen. Politisches Die Sympathien der englischen Juden, speziell der Zielt isten, gehören natürlich ganz der Türkei. Es war daher auch richtig, daß in einer großen Protestversammlung gegen Italien, die von dem bekannten Journalisten W. F. Stead einberufen wurde, auch Mr. Israel Z a n g w i 11 seine Stimme für die Türkei erhob. Mr. Zangwill benutzte auch diese Gelegenheit um festzustellen, daß „nicht nur Italien, sondern auch Rußland als Verbrecher verurteilt werden sollte, und daß die englisch-russische Entente, für die Mr. Stead sich se< einsetzt, für die unerträglichen politischen Verhältnisse in Rußland mit verantwortlich ist". Der Rücktritt Mr. Balfours als Führer der Opposition, brauchte die englischen Juden nicht speziell zu berühren, denn theoretisch sind sie von dem guten oder schlechten Willen eines noch so hervorragenden ^Politikers unabhängig. Dennoch soll es nicht unbeachtet bleiben, daß Mr. Balfour für die Alien Bill verantwortlich ist. Es war die politische Taktik, die ihn veranlaßte, den englischen Volksmassen diesen Bissen hinzuwerfen. Da er politisch eine hervorragende Rolle spielt, mub seine Erklärung im Haus der Gemeinen gelegentlich der